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Pflasterwege zur Reformation

500 Jahre nach Luther finden am Dienstag überall in Görlitz und Umgebung Feiern statt. Eine davon verbindet sogar drei Kirchen in drei Orten.

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© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Ingo Kramer

Ulrich Wollstadt und seine Evangelische Versöhnungskirchengemeinde haben es geschafft. Pünktlich vor dem Reformationstag am morgigen Dienstag sind die Bauarbeiten an der Erlöserkirche in Kunnerwitz (fast) abgeschlossen. „Die Wege um die Kirche sind gepflastert, die Elektrik drinnen erneuert“, sagt er Pfarrer. Direkt neben der Kirche werden jetzt noch Linden nach historischem Vorbild gepflanzt. Auf nebenstehendem Foto vom Donnerstag ist davon noch nichts zu sehen, doch Wollstadt hofft, dass die Bäume bis morgen stehen. Nur die Arbeiten an den Kirchenfenstern brauchen länger als gedacht. „Auf der Pfarrhaus-Seite werden wir dieses Jahr fertig, auf der anderen erst nächstes Jahr“, sagt der Pfarrer. Für 2018 hat er mittlerweile weitere Pläne: „Wir wollen im Frühling auch die seitlichen Zugänge zu den hinteren Türen der Kirche sowie den Straßenanschluss pflastern und an der Parkplatzbefestigung arbeiten“, sagt der Pfarrer.

Dieser Stein zum Gedenken an Luther steht an einem Baum auf dem Weinberggelände. Mittlerweile ist der Stein fast vollständig unter dessen Wurzeln verschwunden.
Dieser Stein zum Gedenken an Luther steht an einem Baum auf dem Weinberggelände. Mittlerweile ist der Stein fast vollständig unter dessen Wurzeln verschwunden. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Seine Evangelische Versöhnungskirchengemeinde feiert das 500. Reformationsjubiläum am Dienstag allerdings nicht nur in Kunnerwitz, sondern quer über ihr Territorium hinweg. Los geht es, 13.30 Uhr, mit einem festlichen Familien- und Abendmahlsgottesdienst in der Dorfkirche Tauchritz. Das Fest setzt sich, ab 15.15 Uhr, im Gemeindehaus Weinhübel mit einer großen Kaffeetafel fort, die von vielen Kuchenspenderinnen zusammengetragen wird. Ab 17 Uhr beginnt dann in der Erlöserkirche Kunnerwitz ein Konzert der Berliner Band „Tarme“. Sie bringt Martin Luthers Choräle leicht jazzig und pop-softrockig, vor allem aber abwechslungsreich und kurzweilig zu Gehör. „Das Konzert ist für alle Generationen gut geeignet und dauert knapp über eine Stunde“, sagt Wollstadt. Am Anfang wird es eine Würdigung der Bauleute und Architekten geben, die an der Sanierung der Elektroanlage sowie am Neubau der Wege und Außenanlagen der Kunnerwitzer Kirche mitgewirkt haben.

Der Gemeindekirchenrat und weitere Freiwillige richten einen Fahrdienst von allen Dörfern und zwischen den Veranstaltungsorten ein. Nötig ist nur eine telefonische Anmeldung im Pfarramt unter der Nummer 03581 78500. „Es gibt keine Bedingung, am gesamten Fest teilnehmen zu müssen“, sagt Wollstadt. Die Veranstaltungen können auch einzeln besucht werden.

Die Versöhnungskirchengemeinde ist bei Weitem nicht die Einzige, die das Jubiläum am Dienstag feiert. In der Gersdorfer Kirche laden, 17 Uhr, die Kirchengemeinden Markersdorf, Königshain, Gersdorf und Friedersdorf zu einer Andacht ein. Anschließend findet eine Nacht der offenen Kirche mit Musik statt. Geplant ist zweierlei: Ab 17 Uhr gemeinsames Singen und Gedenken zur Einstimmung, sowie, ab 18.30 Uhr, moderne Interpretationen von Luther über Gospel bis Gerhard Schöne.

In Reichenbach beginnt 10 Uhr in der St. Johanneskirche ein ökumenischer Regionalgottesdienst mit Chören und Posaunen. Im Anschluss öffnet das Kirchen-Café. Bisherige Ergebnisse der Restaurierung in der Kirche werden vorgestellt, einige sind zum ersten Mal zu sehen. Dazu gibt es Infos über weitere Schritte im nächsten Jahr. Als Gäste sind die beiden Görlitzer CDU-Politiker Michael Kretschmer und Octavian Ursu eingeladen. Sie bringen eine Stiftertafel an. Die Hoffnungskirche Königshufen lädt unter dem Slogan „Luther statt Halloween“, von 16 bis 18 Uhr, zum Familiennachmittag ein. In der Görlitzer Kreuzkirche beginnt um 19.30 Uhr ein Philharmonisches Konzert der Neuen Lausitzer Philharmonie. Im Wichernhaus findet schon am Vorabend des Reformationstages (Montag, ab 19 Uhr) eine Reformationsfeier der besonderen Art statt. Zu mittelalterlichen Klängen wird die Lutherin Katharina von Bora wortreich durch den Abend führen. Dazu gibt es Livemusik, Speisen und „Luthers Görlitzer Hopfensaft“ als limitierte Auflage. Eintrittskarten zu fünf Euro sind an der Abendkasse, in der Comenius-Buchhandlung und im Kaisertrutz erhältlich.

Wer der Reformation lieber ganz still gedenken will, ist auf dem Areal der Oldtimer-Parkeisenbahn richtig. Etwas versteckt und für Unkundige gar nicht leicht aufzuspüren, befindet sich auf dem Weinberggelände ein kleiner Luther-Gedenkstein. Er wurde vermutlich anlässlich des 400. Geburtstages des Reformators aufgestellt. Zu finden ist er, indem man das Gelände am Bahnhof der Oldtimer-Parkeisenbahn betritt und von dort in Richtung Oettel-Denkmal geht. Dann muss man unmittelbar vor diesem den halbrechten Pfad Richtung Bahnübergang nutzen und sich im wahrsten Sinn des Wortes nach etwa 50 Metern nach links in die Büsche schlagen.

Unweit der Gleise fällt ein mächtiger alter Baum ins Auge. An dessen Nordostseite umschlingen zu zwei Dritteln die Wurzeln besagten Gedenkstein. Hat man ihn einmal gefunden, taucht das nächste Problem auf: Die verwitterte Inschrift ist kaum noch zu lesen. Wenn das Licht ungünstig einfällt, formen sich die Buchstaben dem Auge fast gar nicht. Im Stein steht eingemeißelt jedenfalls schlicht und einfach: „Zum Gedächtnis Luther, November 1883“. Wer mit Kindern unterwegs ist, kann die Steinsuche gut als eine Art Geländespiel absolvieren.