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Phänomen Wolle

Wolle Förster steht im Elbland für Erotik, Klatsch und Klamauk. Doch er ist auch ein knallharter Geschäftsmann.

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© Robert Michael

Von Marco Henkel

Es gibt Prominente in Deutschland, die schirmen ihr Privatleben hermetisch ab. Möglichst wenig soll an die Öffentlichkeit dringen. Und es gibt Wolfgang „Wolle“ Förster. Fast scheint es bei den hiesigen Boulevardblättern ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass der 61-jährige Dresdner Gastronom und Nachtklub-König mit Niederlassung in Radebeul mindestens einmal pro Woche in der Zeitung steht.

Das könnt ihr haben: Wolle Förster in der leerstehenden Immobilie des ehemaligen Schlachthofes in Naunhof bei Steinbach. Er bot dem insolventen Radebeuler DDR-Museum hier Räume an.
Das könnt ihr haben: Wolle Förster in der leerstehenden Immobilie des ehemaligen Schlachthofes in Naunhof bei Steinbach. Er bot dem insolventen Radebeuler DDR-Museum hier Räume an. © Norbert Millauer
Förster telefoniert oft mit zwei Leuten gleichzeitig. Und das schon seit Jahren. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 2008.
Förster telefoniert oft mit zwei Leuten gleichzeitig. Und das schon seit Jahren. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 2008. © Steffen Füssel
Diesen und weitere Artikel über die sächsische Wirtschaft finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen – dem Entscheidermagazin der Sächsischen Zeitung, erhältlich am Kiosk und an Tankstellen.
Diesen und weitere Artikel über die sächsische Wirtschaft finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen – dem Entscheidermagazin der Sächsischen Zeitung, erhältlich am Kiosk und an Tankstellen.

Förster, der auch eine eigene Werbeagentur besitzt, weiß, was die Medien wollen – und ist sich nicht zu schade, ihnen auch die skurrilsten Wünsche zu erfüllen. Er posierte mit einem neuen Liebhaber an der Elbe, zeigte Fotografen und Fernsehteams bereitwillig Schlafzimmer und Whirlpool oder präsentierte seinen vom Solarium völlig verbrannten Bauch. Manchmal macht er auch viel Lärm, um anderen zu helfen. Dem insolventen DDR-Museum in Radebeul beispielsweise.

Was bei all diesem Klamauk oft in Vergessenheit gerät: Förster ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der hart für seinen Erfolg arbeitet – und das sieben Tage die Woche. Mit dem Nachtklub Klax begann nach der Wende für Förster der Aufstieg zum Dresdner Nachtklubkönig und Multiunternehmer. Seine Karriere als Discjockey hatte er vorher an den Nagel gehängt. „Wolles Dynamic Disco wollte damals keiner mehr. Langsame Runden und Spiele zwischen den Liedern waren nicht mehr angesagt“, erzählt er.

Stattdessen mietet Förster zunächst in der Leipziger Straße im Dresdner Stadtteil Pieschen für 500 DDR-Mark ein abbruchreifes Haus und baut es um. „Eigentlich sollte daraus eine Spielhalle werden. Kaum fertig mit Bauen, war es mir dafür zu schade“, erzählt Förster. So wurde aus der geplanten Spielhalle der Nachtklub Klax, der im letzten Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feierte – anfangs noch ohne Stripperinnen. „Viele Beamte aus dem Westen, die hierher zum Wiederaufbau geschickt wurden, gingen nach einem langweiligen Wochenende bei der Familie während der Woche ins Klax, um mal richtig die Sau rauszulassen.“ Doch nach vier Jahren wurden die Gäste deutlich weniger. „Ich habe überlegt, was ich tun kann. Schließlich habe ich mein 5-jähriges Jubiläum gefeiert, obwohl es das Klax erst vier Jahre gab. Sonst hätte keiner darüber geschrieben.“

Der Laden brummte, die Gäste waren gut drauf. Ein Mann soll, so die Legende, schließlich einer Frau 300 Mark dafür geboten haben, dass sie sich auszieht. Sie willigte ein, legte einen Strip hin. Das Publikum grölte. Seitdem gibt es an jedem Abend Strips im Klax. Geschlossen war der Nachtklub in den 25 Jahren nur an zwei Tagen. Einmal wegen einer Schießerei zwischen der Jugoslawen- und Algerier-Mafia vor der Tür 1996 und einmal wegen des Hochwassers 2002. „Im Klax trifft sich alles“, sagt Förster. Banker und Bankräuber, Versicherungsvertreter und Versicherungsbetrüger.“

Sein Westgeld macht Förster aber auf einem ganz anderen Gebiet: Mit Tiefkühlkost wie Krautwickeln, die er nach der Wende in der Nation der sich selbst versorgenden Kleingärtner einführte. Der Clou damals: Um überhaupt eine Zielgruppe zu generieren, verschleuderte er 400 Mikrowellen gleich unter Einkaufspreis mit. Ein Konzept, dessen sich heute noch Nassrasierer- und Kaffeepadhersteller bedienen.

Doch Klax und Krautwickel waren nur der Anfang. In den 25 Jahren eröffnete Förster zahlreiche Klubs wie die Schwulen-Disco Apollo, das Knast – eine Hommage an seine Zeit hinter Gittern, die er absitzen musste, weil er technische Geräte illegal aus dem nichtsozialistischen Ausland importierte – das Jux und das Flirt am Hauptbahnhof. Mittlerweile sind sie alle geschlossen oder verkauft. Genauso wie die 1997 eröffnete Diskothek Banana am Elbepark. Försters Herzensprojekt. Er investierte 2,4 Millionen DM und Förster schloss sie im Jahr 2004. „Schade. Da ist viel Herzblut reingeflossen.“ Übrig blieben 80 000 Euro Schulden bei der Brauerei.

Trotz dieses Rückschlags ist Försters Imperium heute noch immer kaum überschaubar. Neben dem Klax betreibt er eine eigene Werbeagentur und sechs Spielhallen. In 50 weiteren Kneipen stehen Spielautomaten von ihm, und er ist Hauptaktionär am 100 000 Quadratmeter großen Gewerbepark im einstigen Schlachthof Löblein bei Radeburg. Außerdem ist er Besitzer der vier „Sushi & Wein“-Restaurants in Dresden und Radebeul. Die Kette feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. „Insgesamt mache ich sieben Millionen Euro Umsatz im Jahr, zahle 1,7 Millionen Euro Steuern und beschäftige 70 Leute“, zählt er auf. Zettel mit den wichtigsten Kennzahlen liegen immer griffbereit auf seinem Schreibtisch.

„Ich will immer alles unter Kontrolle behalten“, sagt er. „Kumpanei ist Lumperei.“ Eine richtige Sekretärin hat er nicht, dafür aber einen selbstständigen Betriebswirt, der seit 21 Jahren sein Büro leitet. Dennoch liest Förster alle E-Mails, die er bekommt, selbst. Genauso wie alle anderen Briefe. Oft hat er zwei Telefone gleichzeitig am Ohr. Jeden Flyer und jede Visitenkarte will er persönlich absegnen. Sonst komme nur Mist dabei raus, glaubt er. „Ja, ich bin ein Diktator und ein Kontrollfreak“, gibt er freimütig zu. Das ganze Haus ist vollgestopft mit Überwachungskameras. Auch der Umgangston mit den Mitarbeitern ist nicht von überbordender Freundlichkeit geprägt, dennoch hat er für die großen und kleinen Probleme seiner Mitarbeiter immer ein offenes Ohr. Aber nicht vor Gästen. „Ich sage nicht Guten Tag, wenn ich in meine Restaurants komme, sondern ‚Warum liegt der Lappen noch da?‘ oder ‚Soll der Gast den Tisch selber abwischen?‘ Ich kann einfach nicht anders.“

Manchmal hat Förster auch Pech wie diese Woche, als Diebe einen 100 Kilogramm schweren Tresor aus seinem Sushi-Restaurant in Radebeul schleppten. Beute: 600 Euro, Sachschaden: 4 000 Euro. Einbrüche und Diebstähle ist Förster gewohnt.

Während eines Acht-Stunden-Arbeitstags ist sein Job natürlich kaum zu bewältigen. „Ich bin jeden Morgen um halb acht im Büro und mache gegen zehn, halb elf Feierabend. Dann geh ich so bis 2 Uhr rüber ins Klax“, erzählt Förster. Selbst danach ist er jederzeit telefonisch zu erreichen. In seinem eigentlichen Haus in Dresden schläft er nur höchst selten. Im vergangenen Jahr genau zwei Mal. Der Weg lohnt sich nicht. Stattdessen hat er sich eine weitere Wohnung über den Büroräumen ausgebaut. Das Wohnzimmer dort habe er nach eigener Aussage aber noch nie genutzt. „Im Urlaub war ich genau fünfmal – zweimal davon auf Einladung von Brauereien und einmal, um in Thailand die Ausstattung für meine Restaurants zu besorgen.“

„So was kann man natürlich nur machen, wenn man keine Familie hat“, so der bekennende Homosexuelle. Förster weiß, dass er Raubbau an seinem Körper betreibt. „Meine größte Angst ist, dass ich irgendwann mal einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall habe. Ich trinke, rauche, steh immer unter Stress und esse nur unregelmäßig. Wenn ich jetzt noch dick wäre, hätten wir alle Risikofaktoren zusammen.“

Daran, weniger zu arbeiten oder sogar sich zur Ruhe zu setzen, denkt Förster dennoch nicht. Geld genug hätte er. „Was soll ich stattdessen tun? Mich mit 70 in Mallorca in die Sonne legen? Ich vertrage keine Sonne. Das Geschäft ist mein Leben.“