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Pipers-Duell in der Lausitz

Dudelsackspieler aus fünf Ländern sind an diesem Wochenende beim Festival in Schleife zu erleben.

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© André Schulze

Von Miriam Schönbach

Schleife. Mit dem rechten Ellenbogen pumpt Hanka Sarodnik Luft in den Blasebalg. Ganz langsam bläst sich der Windsack aus Ziegenfell auf. Schon wenige Augenblicke später erklingt der sonore Ton des „Kozol“ – die Ziege – wie der große Dudelsack auf Sorbisch genannt wird. Die Tradition seines Spiels reicht rund um das Dorf Schleife 500 Jahre zurück. „Unser Kirchspiel ist die einzige Region in Deutschland, in der seit Jahrhunderten ununterbrochen Dudelsack gespielt wird“, sagt Wolfgang Kotissek, der Leiter des Sorbischen Folkloreensembles.

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Dudelsack-Spieler aus fünf Nationen

Auf dessen Einladung machen sich an diesem Wochenende Dudelsack-Spieler aus fünf Ländern auf den Weg an den Rand des Tagebaus Nochten. In der Luft liegt ein leichter Geruch von Braunkohle, bei entsprechendem Wind ist im Schleifer Kulturzentrum das Rattern der Abraumbagger im Kohlefeld zu hören. Der Spreewälder Kotissek kommt Mitte der 1970er-Jahre in diese abgelegene Ecke der DDR. Sein Nachbar heißt Hans Schuster (1910-1984). Der Trebendorfer war seinerzeit der bekannteste Dudelsack-Spieler der Gegend. Er steckt den Lehrer mit seiner Leidenschaft für die alten Musikinstrumente der kleinsten slawischen Minderheit an.

Zum Dudelsack von Hanka Sarodnik stimmen Emi und Jos Pannasch sowie Sophie Lehmann mit den kleinen, dreisaitigen sorbischen Geigen eine Volksweise an. „Das Zusammenspiel von Dudelsack und kleiner dreisaitiger Geige gehörte von Alters her zu Hochzeiten und anderen feierlichen Anlässen bei uns. Vielleicht hat sich deshalb das Blasinstrument hier anders als in anderen Gegenden erhalten“, sagt Kotissek. Am schönsten Tag des Jahres kamen gleich zwei Dudelsäcke zum Einsatz, sagt der 66-Jährige. Den Gang in die Kirche begleitete der Mechawa, dessen schwarzer, glänzender Sack dem Anlass entsprach, denn auch das Brautpaar war schwarz gekleidet. Zum Hochzeitstanz spielte dann der zottige, große Dudelsack, die Ziege, auf.

Ihm entlockt gerade Hanka Sarodnik fröhliche Töne. Die 16-Jährige hat sich das Spiel auf dem brummigen Kollegen von ihrer Schwester abgeschaut, die derzeit in Kanada ist. Doch sie ist längst nicht die jüngste Dudelsack-Spielerin im Schleifer Folkloreensemble. Die zwölfjährige Greta Schulz reist extra zu jeder Probe aus dem brandenburgischen Forst an. „Ich fand schon immer die Band „In Extremo“ toll und wollte unbedingt Dudelsackspielen lernen“, sagt sie und pumpt mit ihrem Blasebalg in ein etwas kleineres Ziegenexemplar Luft. Dann beginnt auch sie zu spielen.

Dudelsackspieler treffen sich seit 1984

Zwischen 20 und 30 Spieler, schätzt Tomasz Nawka, muszieren noch mit sorbischen Dudelsäcken. Mitte der 1980er-Jahre begegnet dem Sorben das Instrument mit dem markanten Klang erstmals bei seiner Arbeit im Haus der sorbischen Volkskultur in Bautzen. Die erste Dudelsack-Werkstatt gab es 1984 unter anderem mit Spielern aus Tschechien und Polen. Dieses Treffen ist die Wiege des heutigen Dudelsackfestivals. Nawka selbst spielt seit 1989 die sorbischen Dudelsäcke. Sein erstes Instrument ließ er sich vom tschechischen Volksmusikanten Josef Režny machen.

Doch was braucht man eigentlich für den Bau eines Dudelsacks? Kotissek schmunzelt. „Einen Pflaumenbaum, ein männliches Hausschwein, eine Kuh und eine Ziege“, sagt er und erklärt, dass aus dem Obstbaumholz die Bordunpfeife geschnitzt wird, aus dem Kuhhorn entsteht der Schalltrichter, die Zähne des Ebers sind Schmuck und stellen die Hörner der Ziege dar. Das Ziegenfell selbst ist der Windsack der sogenannten Sackpfeife.

Der Dudelsack erlebt eine Renaissance

Verdrängt haben die Dudelsäcke übrigens anderenorts in Deutschland die Blaskapellen. „Ab den 1850er-Jahren verschwand das Instrument langsam. Aber heute erlebt es nicht nur in der Lausitz eine Renaissance“, sagt Nawka, der lange das Sorbische Museum in Bautzen leitete und mit dem Dudelsack in der sorbischen Gruppe „Sprewjan“ musiziert. Weltweit gibt es nach seinen Aussagen 300 verschiedene Dudelsäcke. Die älteste bekannte Darstellung eines wendischen Dudelsackspielers findet man in der Kirche zu Briesen bei Cottbus. Unter den spätgotischen Fresken im Kircheninneren aus dem Jahr 1486 ist das Bild eines Musikanten mit Dudelsack zu sehen. „Er musste damals noch mit dem Mund aufgeblasen werden. Der Blasebalg wird erst im 16. Jahrhundert erfunden“, sagt der Schleifer Ensembleleiter Kotissek und feuert die jungen Spieler an, das Tempo zu halten. Auch sie werden beim Dudelsackfestival an diesem Wochenende ihr Können wie die Gruppen aus Spanien, Serbien, Tschechien, Polen und anderen Teilen Deutschlands unter Beweis stellen.

Alle vier Jahre lädt Schleife die Bockspieler aus nah und fern zum Spielen und Fachsimpeln ein. Das Spiel auf dem Dudelsack im Schleifer Kirchspiel ist für Kotissek ein Vermächtnis. Er möchte gern die Tradition weitergeben. Auch die Dudelsack-Spieler der Gruppe „Sprewjan“ teilen ihr Wissen mit jungen Spielern. „Dudelsackspielen ist ein Stück Heimat“, sagt der 69-jährige Nawka. Deshalb werden am Wochenende rund um Schleife wieder Kozol und Mechawa erklingen. (dpa)