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Die miese Masche der Autoschieber

Am Amtsgericht Pirna wurde ein Fall von schwerem Betrug verhandelt. Die Geschichte, die dahinter steckt, ist unglaublich, aber wahr.

Luxuskarossen wie diese, hier ein schwarzer Mercedes AMG von einem anderen Fall, stehen bei Autoschiebern hoch im Kurs. Sie werden entweder gestohlen oder gemietet, frisiert und weiterverkauft.
Luxuskarossen wie diese, hier ein schwarzer Mercedes AMG von einem anderen Fall, stehen bei Autoschiebern hoch im Kurs. Sie werden entweder gestohlen oder gemietet, frisiert und weiterverkauft. © Foto: SZ/Archiv

Teure, aus der Rap-Szene bekannte Jogginghosen, goldene Nike-Turnschuhe, grauer Hoody - wie arbeitslos sieht Anton K. nicht aus, als er bei seinem Gerichtstermin am 20. Mai vor dem Amtsgericht in Pirna erscheint. Doch ist er auch Mitglied einer Autoschieberbande? Das wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Richter Andreas Beeskow und zwei Schöffinnen müssen klären, ob das so ist. Anton K., geboren 1990 in Moskau, siedelte mit eineinhalb Jahren mit Mutter und Schwester nach Deutschland über. Er lebt in Berlin. Gegen ihn wird in besonders schwerem Fall von Betrug ermittelt. Das Verfahren gibt Einblick in die kriminelle Masche von Autoschiebern. Im Mittelpunkt stehen ein weißer Mercedes AMG GTS und die Tatsache, dass er er auf abenteuerliche Weise von Essen nach Berlin, dann nach Pirna und ins tschechische Liberec kam und schließlich drei Wochen später in Hamburg auftauchte.

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Einblick in die Autoschieber-Szene

Die Staatsanwaltschaft wirft Anton K., der deutscher Staatsbürger ist, vor, sich im März 2020 Unbekannten angeschlossen zu haben, die Fahrzeuge anmieten und dann verkaufen. Also Autoschieber. Bekannt ist bislang nur einer, Leonid V. gegen ihn wurde bereits gesondert in Pirna verhandelt. Nun stellt sich die Frage, ob es eine Verbindung der beiden gegeben hat. Klar ist zumindest, beide haben ihre Spuren an einem weißen Mercedes Benz AMG GTS hinterlassen.

Die unglaubliche Geschichte des AMG Benz

Anton K. wird nicht selbst sprechen. Er lässt seinen Verteidiger, Rechtsanwalt Stübing, eine Erklärung abgeben. Sein Mandant wolle in der Musik-, vor allem der Rap-Szene Fuß fassen. Einige Videos hatte er bereits auf verschiedenen Kanälen veröffentlicht. Im Februar 2020 habe er beschlossen, einen weiteren Videoclip aufzunehmen. Und wer solche Videos kennt, weiß auch, dass viele Rapper in einem Mercedes AMG ein kostspieliges Accessoire für ihre Songs gefunden haben. Irgendwo brettert fast immer ein AMG Benz durch den Song oder steht einfach nur als "stiller" Hintergrund im Raum. Offiziell empfängt Anton K. Arbeitslosengeld II, also Hartz IV. Von dem Geld kann er sich ein solches Fahrzeug weder kaufen noch mieten.

Da kommt laut seinem Verteidiger ein Achmed C. ins Spiel. Einer der großen Unbekannten. Viel mehr wird nicht über ihn zu erfahren sein, als dass er Anton K. angeboten habe, ihn zu unterstützen bei seinem Videodreh und auch künftig. Er habe ihm 8.000 Euro gegeben. Mit dem Geld sollte er sich diesen Mercedes anmieten.

Das tut er am 2. März 2020 in Essen, mit seinem Personalausweis und seinem Führerschein. Dann fährt er zurück nach Berlin und nutzt den Pkw für einen Tag für den Videodreh. Die Aufnahme legt sein Anwalt dem Gericht vor.

Der Verteidiger beschreibt Anton K. in dem Fall als völlig ahnungslos und überrascht vom Fortgang der Geschichte. Doch ist das wirklich so? Und wieder kommt Achmed C. ins Spiel. Er habe sich den AMG geliehen, um zu einer Familienfeier zu fahren. Am 9. März bekam laut der Erklärung Anton K. einen Anruf von einem weiteren Unbekannten. Er solle den Mercedes in Pirna als gestohlen melden. K. wurde nach Pirna gefahren, bekam einen Autoschlüssel. Er ging ins Polizeirevier nach Pirna, meldete das Auto als gestohlen. Seine Geschichte: Er habe die Nacht durchgezecht, bei einer Frau geschlafen und könne sich an nichts mehr erinnern. Dann sei er wieder zurück nach Berlin gefahren.

Zeuge wird in Hand- und Fußfesseln vorgeführt

Mehrere Zeugen sollen in der Verhandlung aussagen. Leonid V. wird in Hand- und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt. Richter Andreas Beeskow will wissen, ob er den Angeklagten Anton K. kenne. Die Reaktion kommt auch für das Gericht verblüffend. Den Angeklagten kenne er nicht, sagt er und lächelt leicht. Zuvor machte er allerdings ein eher griesgrämiges Gesicht. Das fällt auch Richter Beeskow auf.

Als nächster Zeuge tritt Mohammed M. auf. Er ist Geschäftsführer der Happy Drive Autovermietung in Essen und ist laut Staatsanwaltschaft der eigentlich Geschädigte. Er hat am 2. März Anton K. den weißen Mercedes AMG GTS für 4.000 Euro und 3.000 Euro Kaution vermietet. Ursprünglich habe das Auto einmal 200.000 Euro gekostet, fahre 360 km/h.

Mohammed M., der nach eigenen Aussagen mehrere solcher Luxuskarossen vermietet, sei schon nach wenigen Minuten misstrauisch geworden. Die GPS-Ortung ergab, dass das Fahrzeug im rund 30 Kilometer entfernten Castrop-Rauxel auftauchte und dann vom Radar verschwand, erst kurz vor Berlin wieder auftauchte. K. habe ihn dann am bewussten Tag angerufen und gesagt, er sei in Pirna und würde das Fahrzeug nicht finden. Die Polizei im Zeugenstand bestätigt das so. Auf deren Betreiben hin hatte K. den Autovermieter angerufen. Der konnte den Mercedes über GPS auf der Dr.-Friedrichs-Höhe in Pirna ausmachen. Eine Tür stand offen. Als die Polizei eintraf, war das Auto jedoch verschwunden.

Der Autovermieter lässt die GPS-Daten oder das, was davon übrig ist, auswerten. Und siehe da. Sein Auto taucht in einer Hinterhofwerkstatt im tschechischen Liberec (Reichenbach) wieder auf. Mohammed M. fährt mit einem Bekannten dorthin. Keine Spur mehr von dem Luxus-Auto. Seine weiteren Ortungspunkte, so wird man später feststellen, sind Olbersdorf in der Oberlausitz, Pirna, Hamburg.

Mit russischen Kennzeichen verkaufsbereit

Der leitende Ermittler der Kriminalpolizei Dresden gibt vor Gericht weitere Einblicke. Aufgefunden wurde das Fahrzeug am 26. März 2020 in einer Tiefgarage in Hamburg. Da hatte es bereits russische Kennzeichen, PIN und Typenschild waren verfälscht. Das für die GPS-Daten verantwortliche Telematik-System war ebenfalls ausgebaut. In dem Fahrzeug wurde ein Handy gefunden mit den Fingerabdrücken von Leonid V.

Eine weitere Videoauswertung habe zu dem Ergebnis geführt, dass dieser das Auto von Tschechien nach Hamburg gebracht habe. Auf dem Handy war ein Foto mit der PIN des Fahrzeugs. Jenes Foto, welches Anton K. vom Autovermieter angefordert hatte. Nicht geklärt werden konnte, wie das Foto weitergeleitet wurde. Es könnte, so die Annahme, auch abfotografiert oder gescannt worden sein. Außerdem kam heraus, dass der angebliche Fahrzeugschlüssel, den K. bei der Polizei vorwies, nicht betriebsbereit war und zu einem völlig anderen Fahrzeug gehörte. Damit war klar, dass Anton K. nicht mit dem AMG nach Pirna gefahren war, und auch nicht am 8. März sondern erst am 9. März. Die durchzechte Nacht fiel damit aus.

Staatsanwältin fordert Haftstrafe

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrem Plädoyer davon aus, dass es eine Verbindung zwischen Anton K. und Leonid V. gegeben haben muss. Dazu kommen die falschen Angaben bei der Polizei. Man geht aber auch davon aus, das es sich um eine einmalige Gelegenheit handelte. Es gebe kein Indiz dafür, dass eine solche Tat wiederholt werden sollte. Eine Bandenmitgliedschaft könne nicht nachgewiesen werden. Aber Anton K. habe sich des vollendeten Betrugs schuldig gemacht. Die Strafen dafür variieren zwischen einer Geldstrafe bis fünf Jahre Freiheitsentzug. Die Staatsanwältin beantragte ein Jahr Freiheitsstrafe sowie eine Bewährung von zwei Jahren.

Der Verteidiger plädierte auf Freispruch und stellte Anton K. als offenbar getäuschten Künstler dar. Für ihn sei das Ganze vollkommen überraschend gewesen und er habe darüber hinaus auch Angst vor Achmed C. Deshalb könnten auch keine weiteren Auskünfte über ihn oder andere Personen gegeben werden, es sei denn, Anton K. werde in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Richter Andreas Beeskow war überzeugt, dass Anton K. das Auto für den Videodreh angemietet hatte. Die Gegenleistung war dann die bekannte Geschichte. Nicht sicher sei, ob sich Anton K. und Leonid V. kennen. Es habe Hintermänner gegeben, die mit der Schutzbehauptung gedeckt werden. Er könne eine Beihilfe zum Betrug erkennen. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Anton K. von den Strukturen wusste. Er sei Beihelfer, nicht Täter.

Urteil: sechs Monate Freiheitsentzug, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung.

Nur kurze Zeit nach der Verhandlung ein Gruß aus Prag

Wer Anton K. auf seinen sozialen Kanälen folgt, wird nur kurze Zeit nach dem Ende der Verhandlung sehen, dass er sich umgezogen hat und in einem Auto sitzt. Ob er selbst fährt oder gefahren wird, ist nicht zu erkennen. Gegen 17.45 Uhr meldet er sich aus der tschechischen Hauptstadt Prag. Ihm gefalle es hier, die Menschen seien nett.

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