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Baustart an Pirnas größtem Straßentunnel

Die Südumfahrung wird einmal auf 300 Meter Länge durch den Kohlberg führen. Das Bauwerk trägt zunächst einen besonderen Namen.

Tunnelanstich am Kohlberg: Tunnelpatin Susann Dulig bricht mit dem Bagger die ersten Brocken aus der Tunnelwand.
Tunnelanstich am Kohlberg: Tunnelpatin Susann Dulig bricht mit dem Bagger die ersten Brocken aus der Tunnelwand. © Marko Förster

Behände klettert die Frau mit geblümten Oberteil, Gummistiefeln und einem weißen Helm auf dem Kopf in das schwere Gerät. Es ist ein Tunnelbagger vom Typ "Liebherr 944", der mächtig Kraft entfalten kann. Ein Mann in orangefarbener Arbeitshose erklärt der Frau die Hebel und Knöpfe, wummernd springt das Aggregat an. 

Ein paar Mal probiert die Baggerfahrerin auf Zeit die Hebel, dann bewegt sich der Ausleger, an dem vorn ein Dorn aus Stahl befestigt ist. Mit dem Rhythmus eines Maschinengewehres hämmert der Dorn auf die Betonwand vor sich ein, ein großes Stück platzt heraus, die Umstehenden klatschen Beifall. Die Baggerfahrerin lächelt etwas schüchtern in die Kameras. 

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Die Frau in der Baumaschine ist Susann Dulig, die Frau von Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig. Sie ist in ganz besonderer Mission in Pirna. 

Schutz und Segen für die Mineure

Im August 2017 starteten die Arbeiten an der Pirnaer Südumfahrung, die einmal mit einer Länge von 3,8 Kilometern den Autobahnzubringer mit der B 172 auf dem Sonnenstein verbinden und die Innenstadt vom Durchgangsverkehr entlasten wird. 

Derweil wird an allen Abschnitten gebaut, am Dienstag war nun Beginn für eines der größten und vor allem aufwendigsten Projekte: der Bau des Kohlbergtunnels.  Auf einer Länge von 300 Metern wird die Südumfahrung durch den Berg gehen, symbolisch startete jetzt der Bau mit dem Tunnelanstich - ein ganz besonderes Ritual für die Mineure, wie die Tunnelbauer im Fachjargon heißen. 

Zu dem Ritual gehört auch eine Tunnelpatin, diesen Part übernimmt Susann Dulig. Vor einem halben Jahr wurde sie gefragt, und obwohl sie sonst nicht so viel in der Öffentlichkeit steht, sagte sie kurzerhand zu. "Ich freue mich darüber, es ist ja auch eine große Ehre", sagt sie. 

Unter Gottes Schutz: der katholische Pfarrer Vinzenz Brendler (l.) und der evangelische Pastor Cornelius Epperlein (2.v.l.) segnen den Tunnelbau.
Unter Gottes Schutz: der katholische Pfarrer Vinzenz Brendler (l.) und der evangelische Pastor Cornelius Epperlein (2.v.l.) segnen den Tunnelbau. © Marko Förster

Während der Bauzeit trägt der Tunnel ihren Vornamen und wird erst nach dem Bauende zum Kohlbergtunnel. Zudem fungiert die Patin als irdische Repräsentantin der "Heiligen Barbara", der Schutzpatronin der Bergleute. "Die Arbeit der Mineure ist und bleibt trotz aller modernen Technik beschwerlich und herausfordernd. Ich wünsche den Arbeitern eine unfallfreie Bauzeit und hoffe, dass auch der Beistand der Heiligen Barbara den Tunnelbau zu einer Erfolgsgeschichte macht", sagt Susann Dulig. 

Zudem spendeten Pirnas evangelischer Pfarrer Cornelius Epperlein und der katholische Pfarrer Vinzenz Brendler das Bauprojekt. Sie beteten dafür, dass Gott die Tunnelbauer vor Schaden bewahren und gut durch die gefährlichen Arbeiten leiten möge.

Der große Knall fällt aus

Ein sonst üblicher Bestandteil des Tunnelanstichs blieb allerdings aus. Traditionell wird zu diesem Anlass symbolisch die erste Sprengladung gezündet. Gesprengt wird aber am Tunnel aller Voraussicht nach so gut wie gar nicht. Das Gestein im Kohlberg ist mürbe, die Spreng-Energie würde verpuffen, ohne dass sich große Teile lösen würden. 

Etwa 27 Monate wird es dauern, ehe sich die Tunnelbauer von der Westseite oberhalb des Seidewitztales bis zur Ostseite über dem Gottleubatal durchgearbeitet haben, das Projekt ist sehr aufwendig. "Die Herstellung des Tunnels ist aufgrund der geologischen Verhältnisse und der geringen Überdeckung - noch dazu in Hanglage - sehr anspruchsvoll", sagt Barbara Fahland, Projektleiterin bei der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), Bauherr der Südumfahrung. 

Notwendig ist der Tunnelbau, um das sensible Gebiet mit dem streng geschützten Mischwald auf der Kuppe des Kohlbergs in seiner Ursprungsform zu erhalten sowie die Tier- und Pflanzenwelt nicht zu beeinträchtigen. 

Es geht nur langsam voran

250 von insgesamt 300 Meter Tunnel werden daher im sogenannten bergmännischen Vortrieb gebaut, zum Großteil wohl mit Tunnelbaggern, die das Gestein lockern und die Brocken anschließend herausreißen.

Weil das Gestein im Kohlberg sehr lose ist, muss die Tunnelwand nach jedem Schritt gesichert werden, damit nichts nachrutscht. Die Tunnelbauer kommen daher nur langsam voran, zwischen 30 und 50 Zentimeter pro Tag werden sie voraussichtlich schaffen. 

Blick auf die Tunnelbaustelle an der Westseite des Kohlbergs: Die ersten 50 Meter entstehen in offener Bauweise.
Blick auf die Tunnelbaustelle an der Westseite des Kohlbergs: Die ersten 50 Meter entstehen in offener Bauweise. © Marko Förster

Die ersten 50 Meter des Tunnels auf der Westseite entstehen in offener Bauweise, ist die Tunneldecke drauf, wird dieser Bereich wieder mit Erdreich überschüttet. "Der Tunnelbau verlangt bei seiner Realisierung technisch und technologisch allen Beteiligten einiges ab", sagt Ines Fröhlich, Staatssekretärin im sächsischen Wirtschaftsministerium. Ein hoch motiviertes Team und eine optimistische Tunnelpatin seien aber der Garant für eine erfolgreiche Fertigstellung im Jahr 2023. Damit komme man auch der kompletten Südumfahrung ein großes Stück näher, die für die gesamte Region bedeutsam sei.

Nach Aussage von Ines Fröhlich schließe die Trasse nicht nur die Lücke zwischen Autobahnzubringer und B 172, sondern erschließe die gesamte Sächsische Schweiz wirtschaftlich und touristisch.

Tunnelpatin schaut regelmäßig vorbei

Die Tunnelarbeiten laufen rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche, 24 Stunden täglich. Über Weihnachten gibt es aber für die Mineure ein paar freie Tage, arbeitsfrei ist auch der Barbara-Tag am 4. Dezember. An diesem Tag will auch die Tunnelpatin vorbeischauen.

Aber auch sonst mag sie regelmäßig vorbeikommen und das Projekt begleiten. "Ich will doch schauen, ob es den Mineuren gut geht", sagt Susann Dulig, "außerdem interessiert mich die Baustelle sehr."

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