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Eine Pirnaerin radelt um die Welt

Ehepaar Berens war über vier Jahre unterwegs und erlebte grandiose Landschaft, extreme Kälte, hohe Berge sowie unglaubliche Gastfreundschaft.

Im Jahr 2016 fuhren Annett und Raimund Berens durch den Iran. Natürlich nicht ohne ein Tuch auf dem Kopf.
Im Jahr 2016 fuhren Annett und Raimund Berens durch den Iran. Natürlich nicht ohne ein Tuch auf dem Kopf. © privat

Vier Jahre und neun Monate, 37.000 Kilometer, 250.000 Höhenmeter und 45 Reifenpannen. Das sind die Zahlen, hinter denen sich eine außergewöhnliche Reise verbergen.  Annett Berens, die aus Pirna stammt, und ihr Mann Raimund  wollten nicht länger ihren Traum nur träumen, sondern ihn leben. So schwangen sie sich am 8. Juli 2015 auf ihre Räder und radelten einmal um die Welt. "Es war phantastisch", sagt Annett Berens und ihre Augen leuchten immer noch. 

Bereits als sie sich kennenlernen, ist für beide klar, irgendwann werden sie eine große Weltreise mit dem Rad unternehmen. Doch zunächst wird Annett Berens schwanger. Die große Tour ist erst mal abgesagt. Kleine Urlaube unter anderem nach Dänemark mit dem Rad und dem Sohn im Kinderfahrradanhänger, mehr war allerdings nicht drin. Die Familie wohnt in einem Haus in Velbert in Nordrhein-Westfalen. Der Sohn wächst heran, macht Abitur und fängt an zu studieren. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um den lang gehegten Traum wahr werden zu lassen. Raimund Berens kündigt seine Anstellung in der Automobilbranche. Annett Berens arbeitet in einer Schule in der Nachmittagsbetreuung und kann nach Absprache mit ihrem Chef mehrere Jahre aussetzen. 

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Zurück über Pirna? Geht nicht wegen Corona!

Die Route führt über Österreich, Slowenien, die Balkanländer, Kaukasus, Vorderasien, Zentralasien, Indien, Nepal, Thailand, Laos, Indonesien, Australien, Neuseeland, Südamerika und Mexiko. Von der mexikanischen Halbinsel Cancun aus fliegen die Berens' im März 2020  zurück. Sie hatten sich auch überlegt, mit einem Frachter  nach dem Prinzip "Hand gegen Koje" nach Europa per Schiff zurückzukehren. "Aber das hatte sich dann zerschlagen", berichtet Annett Berens. Auch der ursprüngliche Plan,  von Mexiko bis nach Madrid zu fliegen, um somit die letzte Etappe durch Europa zurück zuradeln, klappt nicht. Corona macht einen Strich durch die Rechnung. "Dabei hatte ich mich so gefreut, durch Pirna zu fahren, wo meine Mutter wohnt", sagt Annett Berens. 

Unterkunft in Argentinien bei den "Bomberos"

Zelt, Matten und Schlafsäcke haben sie im Gepäck. Oftmals übernachten sie draußen. In Indonesien fahren sie lieber die örtlichen Polizeistationen an, um zu erfragen, ob sie dort übernachten können. "Das ist in dem Land durchaus üblich, weil sicherer, und wir wollten kein Risiko eingehen." In Argentinien hingegen kommen die Radreisenden oftmals bei den Freiwilligen Feuerwehren unter, den "Bomberos". Außerdem nutzen Berens' das weltweite Gastgeber-Netzwerk für Cyclisten "Warm-Shower". "Wir trugen uns bei der Organisation ein und bekamen so bei den Mitgliedern Quartier für eine oder mehrere Nächte. Oftmals konnten wir dort auch die Waschmaschine nutzen. Gerne haben wir uns bekochen lassen, aber ebenso gerne auch für die Gastgeber gekocht", sagt Annett Berens. Essen verbindet! Selbstverständlich bieten sie und ihr Mann jetzt auch in Velbert über "Warm-Shower" Unterkunft an. "Bisher ist aber keiner gekommen, was vermutlich auch mit Corona zusammenhängt. Ich freue mich schon auf die ersten Gäste aus Deutschland und anderen Ländern", meint Annett Berens.

Manchmal hat sie auf der Tour Angst, obwohl ihr Mann an ihrer Seite fährt. "Aber es ist uns nie etwas passiert. Wir hatten Glück." Weniger Glück hingegen hat ein anderer Radreisender, den sie in La Paz in Bolivien treffen. Über WhatsApp berichtet er später, dass er in Mexiko überfallen und verletzt wurde, sodass er längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Natürlich sind Berens' auf ihren vier Rädern Wind und Wetter ausgesetzt. Schnell mal eben die Heizung aufdrehen, geht im Zelt in Turkmenistan bei heftigem Schneesturm draußen nicht. Auch das meistern sie.

Der Duft der albanischen Feigen

Die Reise mit dem Rad um die Welt hat tiefe Eindrücke hinterlassen. "Wir haben andere Kulturen, Religionen, Lebensweisen und  Landschaften kennengelernt, aber nicht als Mitglied einer geführten Reisegruppe. Wir hatten immer Kontakt zu den Einheimischen."  Sie sind nahe am Menschen dran. So entstehen auch neue Freundschaften, die halten, davon ist die 58-Jährige überzeugt. Das Rad als Fortbewegungsmittel ist  sehr bewusst von den Eheleuten gewählt. "Man bewegt sich langsam und kann alle Eindrücke gut aufnehmen beziehungsweise verarbeiten. Wir waren der Natur ganz nah", erzählt die Pirnaerin, die noch immer den Duft der Feigen in Albanien in der Nase hat. Pause können die Berens'  dort machen, wo sie Lust haben, und wo es am schönsten ist. "Wir sind sehr selbstbestimmt gefahren", so Annett Berens.

Über den Pamir-Highway nach Osten

Mit zu den schönsten Erlebnissen auf der Weltumrundung per Velo gehört die  Gastfreundschaft, die Annett und Raimund Berens unter anderem im Iran erfahren. "Die Menschen auf der Straße, hielten mit ihren Autos an, luden uns ein, drückten uns Kuchen in Hand und gaben uns Wasser, ohne dass wir darum gebeten hatten. Es war unglaublich", blickt Annett Berens gerne zurück. In Bolivien können sie in einer Casa di Cyclista (Haus des Fahrrades) unterkommen,  wo eine Geburtstagsfeier stattfindet, zu der sie natürlich auch eingeladen werden. "Ich weiß noch, dass ich anlässlich der Party die Wände bunt angemalt hatte. Es war eine sehr schöne internationale Stimmung."

Aber nicht nur die Begegnungen mit den Menschen prägt die Eheleute. Den Blick vom Pamir Highway, der auf einer Höhe von 4.600 Meter verläuft,  wird Annett Berens nicht vergessen. "Wir sahen auf die gigantischen Berge und nach Afghanistan." Afghanistan und Pakistan selber meiden Berens' wegen der unsicheren Lage, sie wollen kein unnötiges Risiko eingehen. Unvergesslich auch die Stadt  Samarkand in Usbekistan mit den blauen Moschee-Türmen, die sich in den blauen Himmel strecken.

Zum Frühstück Haferflocken mit heißem Wasser

Wie finanziert sich eine Weltreise, die über vier Jahre dauert? Annett Berens lächelt. "Wir haben schon recht früh Geld für diese große Tour angespart." Und Annett und Raimund Berens leben sehr sparsam. "Haferflocken und Wasser gibt es fast in jedem Land, das war unser Frühstück mit dem wir einen guten Start hatten." Der Sohn wohnt in dem Haus in Nordrhein-Westfalen, sodass sie sich darum keine Sorgen machen müssen.

Bevor die Eheleute gen Osten losradeln, geben sie noch eine große Abschiedsparty für ihre Freunde und Bekannten. "Sie fanden es toll, dass wir das machen und bei einigen merkte man, dass sie selber auch gerne solch ein Abenteuer unternehmen möchten, sich aber dann doch nicht trauen", sagt Annett Berens. 

2016 passieren Annett und Raimund Berens das Land Turkmenistan.
2016 passieren Annett und Raimund Berens das Land Turkmenistan. © privat
In Armenien kommt das Ehepaar in den Schnee. 
In Armenien kommt das Ehepaar in den Schnee.  © privat
Besonders beeindruckend finden Berens' die Stadt Sydney mit der markanten Oper.
Besonders beeindruckend finden Berens' die Stadt Sydney mit der markanten Oper. © privat
In Bolivien übernachten die Weltreisenden in der Salzwüste Salar de Uyuni. Sie ist  mit mehr als 10.000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde.
In Bolivien übernachten die Weltreisenden in der Salzwüste Salar de Uyuni. Sie ist  mit mehr als 10.000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde. © privat
Annett Berens vor einem Mammutbaum in Malaysia.
Annett Berens vor einem Mammutbaum in Malaysia. © privat

Heimweh hat sie mehr als ihr Mann. Besonders zu solchen Anlässen wie Weihnachten und der Geburtstag des Sohnes. Dennoch unterbrechen Berens' ihre Tour nicht, um für eine kurze Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Auch ihr Sohn besucht sie nicht in der Ferne. Nah sind sie sich dennoch, im Herzen und über die sozialen Medien. Und ihre Freunde zu Hause nehmen über den Reiseblog, den Berens' ins Netz stellen, an ihrer Reise teil. Außerdem schreibt Annett Berens Tagebuch. Ihr Traum ist es, diese Aufzeichnungen später in einem Buch zusammenzufassen.

Das nächste Ziel von Annett und Raimund Berens steht übrigens jetzt schon fest: Es soll nach Afrika gehen. Natürlich mit dem Rad!

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