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Pirna: Mit 80 noch hinter der Ladentheke

Helga Schirmer und ihr Fischladen sind längst eine Institution in der Altstadt von Pirna, ihre Fischbrötchen legendär. Ans Aufhören denken? Ach wo.

Helga Schirmer in ihrem Fischgeschäft: Solange mein Herz mitmacht, verkaufe ich hier.
Helga Schirmer in ihrem Fischgeschäft: Solange mein Herz mitmacht, verkaufe ich hier. © Thomas Möckel

Pirna. Draußen werfen die Gehwegplatten unbarmherzig die Mittagsglut zurück, drinnen, im noch kühlen blau gefliesten Laden steht Helga Schirmer, das graue Haar flott kurz gestutzt.

Sie bereitet gerade Salat zu, etwas Erfrischendes soll es sein, an diesem heißen Tag. Die Mischung hat sie selbst kreiert: Paprika, Gurke, rote Zwiebeln, Lauchzwiebeln, ordentlich Dill und ein Schuss Remoulade. Zwei Stunden muss das Gemüseklein durchziehen, dann geht es in den Verkauf.

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Etwas Fertiges kommt ihr nicht in die Kühltheke, alles muss immer frisch sein, seit über 30 Jahren hält sie es so. Die Kunden wissen das zu schätzen.

Helga Schirmer und ihr Fischladen im Haus Schössergasse 7 in der Pirnaer Altstadt sind längst eine Institution, immer da, immer offen, außer am Wochenende. Seit der Käseladen nebenan vor einigen Jahren schloss, hat sie neben Fisch und Salat auch ein kleines Käsesortiment im Angebot. Ihre Fischbrötchen und Käsesemmeln sind legendär.

Auch die Brötchen belegt sie stets frisch und nach Kundenwunsch, nichts soll allzu lange in der Auslage liegen. Und während andere in dem Alter längst den Ruhestand genießen, hat sie vom Geschäftstrubel noch lange nicht genug.

Der Laden als Lebenselixier

Helga Schirmer, Jahrgang 1940, ist die älteste aktive Geschäftsfrau in der Innenstadt, wahrscheinlich sogar in ganz Pirna. Noch mit 80 steht sie von Montag bis Freitag täglich im Laden, er ist ihr Lebenselixier. "Mir macht das einfach Spaß", sagt sie, "und was soll ich sonst allein machen?"

Sie braucht diesen Alltag, die Kunden, das Schwätzchen vor der Ladentür. Zwar ist es inzwischen zuweilen etwas anstrengend, sie hat die Öffnungszeiten etwas verkürzt, seit einem Bandscheibenvorfall kann sie nicht mehr ganz so lange stehen.

Aber gleichwohl könnte es noch ewig so weitergehen mit ihr und dem Geschäft, für das sie und ihr Mann Hans vor über 30 Jahren den Grundstein legten.

Der Fischladen in der Pirnaer Schössergasse: Längst eine Institution.
Der Fischladen in der Pirnaer Schössergasse: Längst eine Institution. © Thomas Möckel

Aus einer Ruine einen Laden gemacht

Helga Schirmer hatte damals zuvor schon einige Jahre als Verkäuferin und Verkaufsstellenleiterin in Pirna bei der DDR-Handelsorganisation (HO) gearbeitet.

Kurz bevor die DDR final ausatmete, bot die HO Schirmers den Laden in der Schössergasse an, ein eigenes Geschäft war schon immer ihr Traum. Als kurz darauf die Wende hereinbrach, war es ein Leichtes, sich zu entscheiden: Wir machen uns selbstständig.

Das Problem aber: Das Gebäude Schössergasse 7 war damals mächtig verfallen, mehr Ruine als Wohnhaus, vom Keller konnte man an einigen Stellen bis zum Dach hinaufschauen, so löchrig waren die Zwischendecken.

Abschrecken ließen sich Schirmers nicht davon, im Gegenteil. Sie verkauften ihr Grundstück am Hauptplatz in Copitz, kauften die desaströse Bausubstanz in der Altstadt und ließen sie 1991/92 sanieren. Von da an hieß es: oben wohnen, unten arbeiten.

Das Hauptproblem: Der Fisch

Allerdings überlegten die beiden lange, was sie in ihrem Geschäft verkaufen sollten. Eher zufällig fiel die gemeinsame Entscheidung: Es wird ein Fischladen. "Dabei hatte ich bis dahin beruflich überhaupt keine Beziehung zu Fisch", sagt Helga Schirmer. Doch der Handel mit geschuppten Wassertieren war beschlossene Sache.

Das Ganze war nicht ohne Risiko, es gab seinerzeit einige Konkurrenz in der Stadt. Doch Helga Schirmer und der Fischladen, sie sind geblieben, bis heute.

Und anfangs galt es, noch ein ganz anderes Problem zu lösen. Schirmers boten im Laden auch sogenannte Lebendware an, diese Fische schwammen bis kurz vor dem Verkauf in großen Becken, sie stehen noch heute im hinteren Teil des Ladens.

Nun ist Helga Schirmer aber äußerst tierlieb, sie engagiert sich für Tierschutz und fürs Tierheim in Krietzschwitz, niemals könnte sie so einem Geschöpf etwas zuleide tun - geschweige denn einen Fisch schlachten.

Die Lösung: Ihr Mann Hans übernahm die Aufgabe. Als er vor elf Jahren starb, nahm Helga allerdings die lebenden Fische aus dem Sortiment.

Alles ist regional

Ihre Ware bezieht sie seit Jahren schon ausschließlich regional, ein Händler aus der Nähe von Bautzen bringt alle zwei Tage frischen oder eingelegten Fisch, je nach Bestellung.

Auch Gemüse und andere Zutaten kauft Helga Schirmer regional, im Laden verarbeitet sie alles selbst, Salate sind ihre Spezialität. Von den meisten bereitet sie höchstens ein bis zwei Kilo auf einmal vor, bei der Menge weiß sie, dass sie spätestens nach zwei Tagen verkauft ist.

Manche ihrer Kunden warten gleich im Laden und lösen Kreuzworträtsel, während Helga Schneider Zutaten nach deren Wunsch-Rezeptur mixt. "Das liebe ich so an meinem Beruf", sagt sie.

Mulmiges Gefühl in der Corona-Zeit

Leicht war es dabei nicht immer. Zweimal binnen elf Jahren suchte Hochwasser auch ihren Laden heim. Dort hängt ihr eigener Pegelmesser, ein Bild ihres Mannes, etwa 1,50 über dem Fußboden.

Zur Flut 2002 stand das Elbwasser über dem Bild, 2013 knapp darunter. "Jedes Mal mussten wir hier im Laden alles neu machen", sagt Helga Schirmer, "das war immer eine gewaltige Aufbauleistung."

Ans Aufgeben dachte sie nie, auch nicht, als 2020 eine ganze andere Welle anrollte: Corona. Helga Schirmer hielt durch, als Lebensmittelhändlerin durfte sie ihren Laden während der ganzen Pandemie öffnen. Sie nahm zusätzlich Butter und Milch ins Sortiment, damit die näheren Anwohner nicht erst bis zum nächsten Supermarkt mussten, falls zwischendurch mal was fehlte.

Ein bisschen mulmig war ihr aber zuweilen zumute, vor allem im Winter-Lockdown, als es zeitig dunkel wurde. Ihr Laden war einer der ganz wenigen, der noch offen hatte, es war ja auch immer etwas Geld in der Kasse, aber kaum ein Mensch unterwegs, die Stille drückte aufs Gemüt. "So allein hatte ich manchmal ein bisschen Angst", sagt sie.

Doch auf ihren Wunsch hin schauten Ordnungsamt und Polizei regelmäßig am Laden vorbei, bis sie ihn täglich regelmäßig 18 Uhr schloss. "Und jetzt bin ich sehr froh, dass die Stadt wieder erwacht und Leben in den Straßen ist", sagt Helga Schirmer.

Fünfmal täglich mit den Hunden raus

Wenn sie ausnahmsweise mal nicht im Laden steht, kümmert sie sich mit viele Liebe um ihre Hunde, drei hat sie, einen vom Züchter, zwei aus dem Tierheim. Fünfmal täglich geht sie mit ihnen Gassi, das hält fit, genau wie das Geschäft.

An ein Ende denkt sie noch lange nicht. "Ich könnte gar nicht einfach von heute auf morgen aufhören", sagt sie, "ich brauche die Kunden und die Gespräche mit den Menschen."

Im August wird Helga Schirmer 81, und solange ihr Herz mitmacht, will sie weiter Fisch und selbstgemachte Salate verkaufen.

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