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Droht Pirnas Vereinen der Kollaps?

Die Corona-Krise hat den Ehrenamtlern arg zugesetzt. Und nun, mitten in der Lockerungs-Hoffnung, kämpfen sie mit einem ganz neuen Problem.

Vereinssport, hier beim TSV Graupa: Wie lange funktioniert das noch ohne städtische Zuschüsse?
Vereinssport, hier beim TSV Graupa: Wie lange funktioniert das noch ohne städtische Zuschüsse? © Archiv: Daniel Schäfer

Die Corona-Pandemie hat auch im Pirnaer Vereinsleben tiefe Spuren hinterlassen. Monatelang gab es weder Fußballtraining, Chorproben noch offene Jugendtreffs.

Gleichwohl bildeten Solidarität, Unterstützung und Zusammenhalt die zentralen Eckpfeiler, um die Pandemie gemeinsam zu bewältigen - und um Vereinswesen und Ehrenamt zu erhalten.

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Egal, ob aus den Bereichen Soziales, Kunst, Kultur, Kinder- und Jugendarbeit oder Sport: Viele leisteten während des Lockdowns verantwortungsbewusst und aufopferungsvoll ihren Beitrag. Die Vereine halfen Mitmenschen, führten gegensätzliche Meinungen zueinander, hielten einfach durch.

Dennoch hat der lange Stillstand das bisherige Gefüge gehörig durcheinander gerüttelt. Vereine, vor allem Sportvereine, verloren scharenweise Mitglieder. Viele hatten sich in den Monaten, in denen nichts ging, andere Hobbys gesucht. Andere entfremdeten sich von ihren Vereinen, vor allem, wenn ihnen schon vorher eine enge Bindung dazu fehlte.

Dietmar Wagner, Chef des Kreissportbundes, beschrieb im März die Stimmung in den Sportvereinen und unter den Sportlern als ganz schlecht. Und in Pirna ist auch nicht damit zu rechnen, dass sie sich alsbald wieder aufhellt - das gilt für alle Vereine.

Das Geld reicht vorn und hinten nicht

Denn mitten in der Hoffnung auf Lockerungen und auf eine Rückkehr zur Normalität kämpfen nahezu alle Vereine in der Stadt mit einem neuen, ganz anderen Problem: eine finanzielle Misere, die viele existenziell bedroht.

Nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie klafft im Pirnaer Haushalt ein Millionenloch, weil wichtige Steuern nicht mehr so ergiebig fließen wie vorher.

Zwar hat Pirna einen beschlossenen und genehmigten Etat für 2021/22. Doch in dem Zahlenwerk sind vorerst alle Ausgaben mit einem 14-Prozent-Sperrvermerk versehen, weil das Geld nicht da ist.

Aber auch diese Kürzung verhindert nicht, dass Pirna Ausgaben und Investitionen weiter drosseln muss. Um die Lücke im Etat zu schließen, sparte das Rathaus innerhalb der Verwaltung bereits über zwei Millionen Euro ein. Mit höheren Steuern und Gebühren wollte die Stadt darüber hinaus zusätzliche Einnahmen generieren, um einen drohenden Kahlschlag zu verhindern.

Vereine bangen um Zuschüsse

Allerdings ging der Plan vorerst nicht auf, eine Stadtratsmehrheit lehnte im April nahezu alle vorgeschlagenen Steuer- und Gebührenerhöhungen ab.

Das Rathaus drohte daraufhin mit drastischen Einschnitten, die auch schon zu spüren sind: Beispielsweise ließ die Stadt im Eiltempo mehr als die Hälfte der öffentlichen Abfallbehälter abbauen, um deren Entleerung zu sparen.

Weil sich bislang keine andere politische Lösung fand, droht nun weiteres finanzielles Ungemach, vor allem bei den freiwilligen Aufgaben. So stehen unter anderem die bislang von der Stadt an die Vereine freiwillig gezahlten Zuschüsse auf der Kippe.

Die Vereine bangen nun um eine tragende Säule ihrer bisherigen Arbeit. Das heißt: Die Bereiche Soziales, Kultur und Sport sind in großer Gefahr - weil die Vereine allein von ihren Mitgliedsbeiträgen nicht auf Dauer leben können.

Vereine sprechen jetzt mit einer Stimme

Daher haben sich 20 Pirnaer Vereine erstmalig und spartenübergreifend zu einem Vereinsstammtisch zusammengeschlossen. Dadurch, so die Initiatoren, trete die vielfältige und wunderbare Vereinslandschaft einheitlich und mit einer gemeinsamen Stimme auf.

Auch könne man auf diese Weise Stadtrat und Verwaltung zielgerichtet vor der Tragweite der drohenden gravierenden Einschnitte warnen und auf ein dringend notwendiges Umdenken hinwirken.

Dabei setzen die Vereine auf Dialog statt auf Konfrontation. Kürzlich lud der Stammtisch die Rathausspitze sowie Stadträte zu einem gemeinsamen Gespräch ein.

Neben Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos) und Steffen Köhler, Fachgruppenleiter für Schule und Soziales, kamen auch Vertreter der Fraktionen Freie Wähler, Linke, "Bündnis 90/Die Grünen/SPD" sowie die fraktionslosen Räte Walter Matzke (Pirnaer Bürgerinitiativen) und André Liebscher.

Aus deren Reihen gibt es auch schon konkrete Vorschläge.

Vereinsstrukturen müssen erhalten werden

So beauftrage beispielsweise Ralf Wätzig, Chef der Fraktion "Bündnis 90/Die Grünen/SPD", Pirnas Oberbürgermeister, für Beschlüsse zu sorgen, damit zunächst zumindest ein Teil der Vereinsförderung fließen kann, um die Vereinsstrukturen zu erhalten.

Insbesondere sollten Arbeits-, Miet- und andere Verträge der Vereine finanziell abgesichert werden, damit die Ehrenamtler später problemarm ihre Vereinstätigkeit fortführen können.

Auch Ralf Böhmer, Chef der Fraktion Freie Wähler, warb dafür, dass Stadt und Stadtrat alles dafür tun müssten, um die über Jahre hinweg gewachsenen Vereinsstrukturen zu erhalten. Dies könne aber nur gekoppelt an einen Haushalt geschehen, der entsprechende Handlungsspielräume offenhalte.

Ob sich aber diesbezüglich im Kommunalparlament ein Kompromiss finden lässt, ist derzeit noch fraglich.

Vereine hoffen auf Solidarität

So fehlten beispielsweise AfD- und CDU-Stadträte bei dem Vereinsstammtisch. Daher will der Stammtisch jetzt auch mit diesen Abgeordneten ins Gespräch kommen, weil er eine von möglichst Vielen getragene Lösung anstrebt.

Es sei jetzt wichtiger denn je, so die Vereins-Akteure, miteinander statt übereinander ins Gespräch zu kommen. Denn die Zeit drängt.

Am 15. Juni tagt der Stadtrat wieder, möglicherweise werden dann in dieser Sitzung zukunftsweisende finanzielle Entscheidungen getroffen.

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Der Vereinsstammtisch setzt nun große Stücke darauf, dass sich dann auch die derzeitige Situation entspannt. Und er fordert von Stadt und Stadtrat etwas ein, was die Vereine bislang selbst in der Corona-Pandemie praktizierten: Solidarität, Unterstützung und Zusammenhalt.

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