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Kommt 'ne Sauna gefahren

Dampfbäder geschlossen? Kein Problem: Alexander Horn aus Heidenau liefert seine mobile Banja direkt vor die Haustür.

Der Mann, der die Banja liefert: Alexander Horn, 35, aus Heidenau bietet ein fahrbares Dampfbad zum Hausgebrauch an. Genügend Brennholz bringt er mit.
Der Mann, der die Banja liefert: Alexander Horn, 35, aus Heidenau bietet ein fahrbares Dampfbad zum Hausgebrauch an. Genügend Brennholz bringt er mit. © Daniel Schäfer

Ich sitze vor dem Haus und schaue auf die Leute. Sie führen die Hunde aus, die Kinder oder die Mülleimer oder einfach nur ihre Steppjacken und Pudelmützen. Das Thermometer steht knapp überm Gefrierpunkt. Bis eben wirbelte noch der Schnee. Trotzdem habe ich nichts weiter an als ein Handtuch. In meiner Welt sind es achtzig Grad plus, Tendenz steigend. Zeit für den Aufguss.

Diese Welt besteht aus Fichtenholzbrettern und ist ziemlich kompakt. Zwei Meter dreißig breit, zwei Meter dreißig hoch und drei Meter sechzig lang. Sie passt locker auf einen Autoanhänger, wo sie auch jetzt noch, indem ich darin sitze, mit qualmender Esse ruht. Die Räder sind das Markenzeichen der mobilen Sauna.

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Ankunft der heißen Kiste: Die Fass-Sauna aus Russland wird auf den Hof des Reporters geschoben.
Ankunft der heißen Kiste: Die Fass-Sauna aus Russland wird auf den Hof des Reporters geschoben. © SZ/Jörg Stock

Ich war im Internet, und hab' sie mir bestellt, wie so einiges, seit der Lockdown da ist. Darf ich nicht in die Sauna gehen, kommt sie eben zu mir. Gebracht hat sie nicht der Postmann, sondern Alexander. Zur Sauna sagt er Banja. Das kommt daher, weil er ein Kind der Sowjetunion ist. Samstags war bei ihm daheim immer Banja-Tag. Nicht nur Hitze wurde da im hauseigenen Schwitzkasten gemacht, sondern auch heißes Wasser zum Waschen für die ganze Familie. Denn das kam damals nicht einfach so aus der Wand.

Alles, was der Kunde braucht: ein Streichholz

Alexander Horn, 35 Jahre alt, aus Heidenau, ist Russlanddeutscher. Seine Vorfahren lebten an der Wolga und in Sibirien. Aufgewachsen ist er in Zentralasien, im dörflichen Vorfeld der Hauptstadt Kirgistans, die zuerst noch Frunse hieß, nach dem Heerführer der Bolschewiki, und die heute Bischkek heißt. Ein schönes Land, sagt er, vor allem für die Touristen. Die Berge sind hoch und schneeweiß, die Täler tief. Der Issyk Kul, „Herz des Tianshan“, ist der zweitgrößte Gebirgssee der Erde.

Vorbereitung für den Saunagang: Alexander Horn tunkt einen Strauß Eichenzweige in heißes Wasser, das Reporter Jörg Stock im bringt.
Vorbereitung für den Saunagang: Alexander Horn tunkt einen Strauß Eichenzweige in heißes Wasser, das Reporter Jörg Stock im bringt. © Daniel Schäfer

Wie abgemacht gegen zwei Uhr nachmittags ist Alexander mit seinem Gespann in meine Straße in Pirnas Süden gerollt und hat den Anhänger mit der Banja huckepack in die Einfahrt bugsiert. Er hat die Stützen ausgefahren, vom grünen Teppich am Türchen den Schnee abgefegt, die fliegende Treppe aus Paletten aufgebaut, Kleinholz ins Ofenloch gesteckt, Kohleanzünder dazu gelegt. Alles, was der Kunde jetzt noch braucht, sagt er, ist ein Streichholz.

Vom Autoschrauber zum Saunavermieter

Im Jahr 2000, da war er 14, entschloss sich Alexanders Familie, Kirgistan zu verlassen. Seit dem Ende des Kommunismus hatte die Re-Islamisierung des Landes stattgefunden. Die Horns fühlten sich nicht mehr wohl. "Es hieß Russen raus, Deutsche raus, das Land gehört uns", erzählt Alexander. Für Angehörige der Minderheiten sei es schwierig geworden, Arbeit zu finden, oder ihre Rechte einzufordern.

Das Armaturenbrett mit Thermometer, Hygrometer und Sauna-Uhr. Darüber das Logo des Herstellers Bochky mit Sitz in Moskau.
Das Armaturenbrett mit Thermometer, Hygrometer und Sauna-Uhr. Darüber das Logo des Herstellers Bochky mit Sitz in Moskau. © Daniel Schäfer

In Deutschland lernte Alexander Zerspaner. Aber der Job machte ihm keinen Spaß. So öffnete er eine Autowerkstatt für Hobbyschrauber. Die "Classicas Crew". Sie steht im berühmtberüchtigten Heidenauer Mafa-Gelände. Dort laufen jetzt Abbrucharbeiten. Ein neues Stadtviertel soll entstehen. Alexanders Werkstatt muss weichen. So hat er sich überlegt, umzusatteln, auf Banja-Vermietung.

Auftragsboom zu Weihnachten und Silvester

Seine Banja ist Marke Bochky, was auf Russisch Fässer oder Tonnen heißt. Die Firma, die diese Fass-Banjas herstellt, hat ihren Hauptsitz in Moskau und eine Niederlassung in Berlin. Dort kaufte Alexander Horn seine "Bochka" im Frühling 2020, gebraucht, für 3.000 Euro. Dann kam die erste Corona-Welle. Sicherheitshalber wartete Horn erst mal ab.

Rein in die Hitze: Reporter Stock mit seiner Ausrüstung: Aufgusskelle und Eichenreisig. Die Filzmütze schützt den Kopf vor zu hohen Temperaturen.
Rein in die Hitze: Reporter Stock mit seiner Ausrüstung: Aufgusskelle und Eichenreisig. Die Filzmütze schützt den Kopf vor zu hohen Temperaturen. © Daniel Schäfer

Ende des Sommers inserierte er dann sein Saunafass bei Ebay-Kleinanzeigen. Resonanz im September: null. Doch je kälter es wurde, um so mehr kam das Geschäft in Fahrt. Im November hatte er bereits Mieteinnahmen von fast tausend Euro. Ende Dezember, um Weihnachten und Silvester herum, bekam er so viele Anfragen, dass er zwei oder drei Banjas hätte auslasten können. "Es war ein guter Anfang."

Hundert Euro für 24 Stunden schwitzen

Wer bestellt sich eine Sauna? Oftmals Familien, sagt Alexander Horn, aber auch ältere Paare. Für 24 Stunden, die er das Saunafass auf den Grundstücken der Leute parkt, berechnet er hundert Euro, inklusive Feuerholz. Der Vorrat im Lagerkasten ist üppig, sollte sogar für zwei Tage reichen. Mieten kann man die Sauna auch länger. Die längste Ausleihe bisher ging eine ganze Woche. Da gab's dann auch Rabatt.

Geräumiger als man denkt: Jörg Stock genießt mit seiner Frau Annett und Sohn Anton das Schwitzen im Banja-Fass.
Geräumiger als man denkt: Jörg Stock genießt mit seiner Frau Annett und Sohn Anton das Schwitzen im Banja-Fass. © Daniel Schäfer

Vom Anzünden bis zum ersten Saunagang vergehen, je nach Außentemperatur, zwischen vierzig Minuten und einer Stunde. Inzwischen macht man Wasser heiß, füllt es in einen Bottich und tunkt die mitgelieferten Bündel aus Birken- oder Eichenzweigen hinein. Das Wässern der Zweige bewirkt, dass die Blätter beim Schlagen nicht sofort abbrechen. Das Schlagen selbst dient dazu, den Sauna-Effekt zu steigern. Es soll die Muskeln entspannen und den Kreislauf in Wallung bringen.

Zweites Saunafass ist schon bestellt

Die Hitze, so scheint es jedenfalls, ist unter dem niedrigen, gewölbten Tonnendach intensiver und hält länger. Laut Hersteller sorgt die Raumform auch für eine besonders gleichmäßige Verteilung. Steuern lässt sich die Wärmezufuhr lediglich indirekt, über die Menge an Holzscheiten, die man in den Ofen schiebt. Bis zu 120 Grad sind drin. Wem es zu heiß wird, der macht einfach die Fenster auf.

Nur Mut: Statt unter der Dusche gibt es die Abkühlung auf der verschneiten Wiese hinterm Haus.
Nur Mut: Statt unter der Dusche gibt es die Abkühlung auf der verschneiten Wiese hinterm Haus. © Daniel Schäfer

Bei exklusiven Ausführungen der Bochky sind Dusche und Ruheraum mit eingebaut. Alexanders Modell zählt nicht dazu. Im Bademantel lässt sich die eigene Brause aber bequem erreichen. Heute liegt die Abkühlung sogar noch näher. Allerdings kostet es einige Überwindung, den dampfenden Körper auf der Wiese in den Schnee zu werfen.

Alexander Horn ist überzeugt: Sein Geschäftsmodell hat Zukunft. Corona, so schlimm die Seuche auch ist, spielt ihm in die Hände, denn sie produziert viele verhinderte Saunagänger. Er wird den Lockdown nutzen, sagt er, und nach Kräften mit seiner heißen Kiste durch die Gegend reisen. Ein zweites Banja-Fass hat er schon bestellt. Ende April, so schätzt er, könnte es einsatzbereit sein.

Buchungsanfragen für die Mobilsauna unter 0176 41587033

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