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"Jeder Schuh hat einen Charakter"

Schuhmacher Marcus Lange aus Pirna liebt seinen Beruf. Deshalb nervt ihn auch die Wegwerfgesellschaft. Und er hat einen großen Wunsch.

Schuhmacher Marcus Lange repariert Wanderschuhe in seiner Werkstatt in der Breite Straße 22 in Pirna. Im Hintergrund steht Mitarbeiterin Grit Rieger.
Schuhmacher Marcus Lange repariert Wanderschuhe in seiner Werkstatt in der Breite Straße 22 in Pirna. Im Hintergrund steht Mitarbeiterin Grit Rieger. © Norbert Millauer

Marcus Lange schaut sich die derben Wanderschuhe an, die ein Kunde gerade in seinem Laden abgegeben hat. Die Sohlen sind ziemlich runtergelaufen und müssen erneuert werden. Das ist aber nicht das einzige Problem. Bei dem Paar ist außerdem der Zwischenboden gebrochen, den er jetzt auch neu einlegen muss. 

Kein Problem für den Fachmann, der seit 2015  eine Schumacherwerkstatt mit Verkauf in der Breiten Straße 22 führt. Das Geschäft hat er von seinem Vorgänger gekauft. Das Repertoire von Marcus Lange ist breitgefächert und geht von Schuhreparaturen bis hin zu Sattlerarbeiten jeglicher Art, das sind Reparaturen an Lederwaren. Unter anderem näht Lange Reißverschlüsse an Taschen an, erneuert abgerissene Henkel und bringt alten Lederaktentaschen auf Vordermann.

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Über zu wenig Aufträge kann er sich nicht beklagen. Und seine Kunden sind dankbar. Erst vor Kurzem brachte ihm eine Dame ein Paar Lederstiefel, die am Schaft geändert werden mussten. "Sie ist quasi verliebt in die Stiefel und hat sich riesig  gefreut, dass die Stiefel jetzt gut passen, und sie sie tragen kann", sagt Lange. 

Ein gutes Paar Schuhe hat seinen Preis - und damit Wert

Klare Sache: Marcus Lange macht mit seiner Arbeit viele Kunden glücklich. Aber nicht nur das. Er hat auch eine Botschaft. Denn aufgrund seiner Arbeit werden weniger Schuhe achtlos entsorgt. Und damit ist er auch schon bei einem Thema, das ihn sehr beschäftigt. "Viele Großhändler kaufen einen Billig-Schuh in China für drei Euro ein, um ihn dann hier wieder für 20 Euro zu verkaufen. So wird der Markt mit Billig-Produktionen überschwemmt",  sagt Lange. Die Folge? Die oftmals minderwertige Ware gehe schnell kaputt, sodass sich eine Reparatur nicht lohne. "Der Kunde wirft die Schuhe also weg, weil er ja auch ohne Probleme neue Kostengünstige kaufen kann", so Lange. Er kritisiert diesen Kreislauf, denn er befürchtet eine Vermüllung der Welt. "Und die Materialien der Billig-Produkte sind oftmals nicht recycelbar. Das ist dann das nächste Problem", überlegt er laut. 

Überhaupt vermisst er eine Wertschätzung gegenüber dem Handwerk. "Ich habe auch schon erlebt, dass wir hier in unserem Geschäft eine Fachberatung machen, aber gekauft wird dann günstiger im Online-Shop", sagt der Unternehmer. Nicht nur seine Branche sei betroffen. Das wäre ein generelles Problem, mit dem viele Einzelhändler kämpften. Deshalb wünscht er sich vom Kunden ein nachhaltiges und bewussteres Konsumieren. "Ein gutes Paar Schuhe kostet ab 80 Euro, das hält dann aber auch sehr lange und ist seinen Preis wert", betont der Handwerker.  Allerdings sieht er ebenso den Gesetzgeber in der Verantwortung. "Es müssen faire Rahmenbedingungen für die Einzelhändler geschaffen werden, sonst sterben die kleinen Läden und das Handwerk aus", fordert der 50-Jährige.  

Kein direkter Weg zum Traumberuf

Zu seinem Traumberuf Schuhmacher ist er über einige Umwege gekommen.  Geboren wurde Marcus Lange in Pirna, wo er auch zur Schule ging. Danach absolvierte er eine Schlosserlehre und flüchtete 1989 über Ungarn in die Bundesrepublik. In München fand er eine Anstellung. Doch 1996 zog es Lange in seine Heimat zurück; er nahm an einer Weiterbildung zum Feinmechaniker teil. Die Meisterausbildung schloss er 1999 ab. Erneut zog er nach München,  wo er in einem Unternehmen als Feinmechaniker arbeitete. Doch in der Münchner Firma gingen die Aufträge zurück und Stellen wurden abgebaut. Um einer Entlassung zuvorzukommen, kündigte Marcus Lange, und wagte,  wieder zurück in Pirna,  den Neustart  als selbstständiger Metallbauer. Unter anderem baute er bundesweit Kühlzellen für große Unternehmen wie Aldi und Rewe. 

Schon immer hat Lange ein besonderes Faible für Schuhe gehabt. Wegwerfen war für ihn keine Option. "Ich habe meine Schuhe, wenn es notwendig war,  zum Schuster geschafft", erzählt Lange. So kam er auf die Idee, nicht nur die eigenen  Schuhe reparieren zu lassen, sondern diese  Dienstleistung auch für andere zu machen. "Ich sah darin eine Marktlücke." Also klopfte er in dem Schuhmacher-Laden von Stefan Georgi in der Breiten Straße an. Schnell wurde man sich einig, und von 2013 bis 2014 machte Marcus Lange eine Schuhmacherausbildung bei Georgi, dessen Geschäft er ein Jahr später am Standort übernahm.  

"Ich mag das Präzise und das Genaue. Jede Naht muss akkurat beim Schuh sitzen", sagt er. Im Jahr,  wenn nicht gerade Corona grassiert, repariert er im Schnitt 3.000 Paar Schuhe. "Jeder Schuh hat eigene Tücken und einen eigenen Charakter. Ich behandle jedes Schuhpaar so, als wäre es mein eigenes",  sagt Lange. 

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