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Das Kriegsende in der Sächsischen Schweiz

Ein neues Buch widmet sich vor allem mit Zeitzeugenberichten dem Jahr 1945 in der Region. Dem Stadtmuseum Pirna ist damit ein großer Wurf gelungen.

René Misterek, Leiter des Stadtmuseums Pirna, steht mit dem neuen Buch zum Kriegsende in der Ausstellung „Kriegskinder – Dialog der Generationen“
René Misterek, Leiter des Stadtmuseums Pirna, steht mit dem neuen Buch zum Kriegsende in der Ausstellung „Kriegskinder – Dialog der Generationen“ © Daniel Schäfer

Ein langer Zug ausgemergelter Gestalten windet sich an der Kirnitzsch entlang nach Böhmen. Rechts und links wachsen die malerischen Felsen des Elbsandsteingebirges in den Himmel. Für die Schönheit der Natur hat indes keiner einen Blick, sie wirkt eher wie ein Hohn. Für die Männer, die von SS-Schergen bewacht werden, geht es in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 um das nackte Überleben. Immer wieder knallen Schüsse, wer nicht mehr kann wird erschossen und am Wegesrand verscharrt.

Es handelt sich um Häftlinge des KZ-Außenlagers Schwarzheide, die kurz vor Kriegsende nach Theresienstadt gebracht werden. Die Überführung ist als Todesmarsch in die Geschichte eingegangen. Viele der 600 Häftlinge, die unter anderem durch die Sächsische Schweiz getrieben werden, erreichen ihr Ziel nicht. Die Grausamkeiten, von denen Augenzeugen berichten, sind nur schwer zu ertragen.

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René Misterek, der Leiter des Stadtmuseums Pirna, hat dem Todesmarsch eines der emotionalsten Kapitel in dem soeben erschienenen Buch „1945 – Kriegsende in der Sächsischen Schweiz“ gewidmet. Der Text, der in großen Teilen auf Erinnerungen von Bewohnern der Dörfer beruht, ist mit aquarellierten Zeichnungen eines Überlebenden illustriert. Alfred Kantor, ein Jude aus Prag, der nach Kriegsende in die USA auswanderte, brachte das Grauen schonungslos zu Papier: Den Todeskarren, die Erschießungen oder die Strangulierung eines französischen Gefangenen.

Alfred Kantor, der 2003 starb, hinterließ auch die Zeichnung mit dem Zug entlang der Kirnitzsch, die nun das Titelbild für den reich illustrierten und hochwertig verarbeiteten Band 16 der Pirnaer Museumshefte ist. Auf 264 Seiten sind 17 Beiträge vereint, die das Kriegsende vor 75 Jahren beispielhaft beleuchten. Drei Jahre lang haben die 14 Autoren unter Mistereks Federführung an dem vom Bund geförderten Projekt gearbeitet. Es ist ein spannendes Buch, das dank der Recherchen und Querverweise wissenschaftlichen Standards genügt, aber dennoch so verständlich und lebendig geschrieben ist, dass es eine breite Öffentlichkeit ansprechen dürfte.

Dazu tragen nicht unerheblich die Zeitzeugenberichte bei. Der 1998 verstorbene Karl Grumpelt, von 1955 bis 1986 Leiter des Pirnaer Stadtmuseums, berichtet zum Beispiel von seinen Erlebnissen als Heimkehrer. Und der Justizinspektor Erich Wächtler, der nicht in der NSDAP eintrat und trotzdem weiter am Amtsgericht angestellt war, schrieb seinem Sohn ein Tagebuch.

Dieter Füssel beschreibt das Kriegsende in Reinhardtsdorf und Schöna, Manfred Schober fasst die Situation der Flüchtlinge zusammen. Jens Wehner nähert sich dem Kriegsende aus militärhistorischer Sicht, und Joachim Schindler erzählt, wie sich Bergsteiger in den Felsen versteckten, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen.

Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte auf dem Sonnenstein, porträtiert einen der Täter, den NSDAP-Kreisleiter Walter Elsner, der bis zum bitteren Ende die „Volksgenossen“ zum Kampf gegen den „Feind“ hetzte. Am 4. August 1945 wurde er von der Sowjetarmee hingerichtet – ohne ordentliche Gerichtsverhandlung, wie Böhm bemerkt. Ein Racheakt, der die Verbrechen der Nazis, wie den Todesmarsch, sühnen sollte, und mit dem sich die Besatzer aber letztlich selbst ins Unrecht setzten.

Buchpremiere am 18. September, 19 Uhr, Kapitelsaal, Stadtmuseum Pirna; das Buch kostet 19,90 Euro.

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