merken
PLUS Pirna

In Zuschendorf blühen die Hortensien

Das Landschloss unternimmt eine modische Zeitreise durch 200 Jahre Züchtungsgeschichte. Mit besonderen Zutaten.

Im Park blüht während der Ausstellung eine stattliche Anzahl von Hortensien in Töpfen.
Im Park blüht während der Ausstellung eine stattliche Anzahl von Hortensien in Töpfen. © Thomas Morgenroth

Im Vestibül des Landschlosses Zuschendorf sitzt eine junge Frau ziemlich lässig in den Seilen eines Fallschirms. Sie schwebt in sexy Lederkluft über einer Wiese mit Hortensien. Unter der Fliegerkappe quellen blonde Haare hervor, sie lächelt aufreizend, als würde sie auf einer Modenschau für die Fotografen posieren. Nur leider ist die Dame bald perdu – sie landet nämlich nicht auf sommerlichen Blüten, sondern ertrinkt im Pazifischen Ozean.

Das tragische Ende der Schönheit sieht der Besucher nicht, aber er kann es auf einer Tafel nachlesen. Die todesmutige Pilotin, die in Zuschendorf als Puppe abhängt und in einer fliegenden Seifenkiste namens „Zuschi 1“ umherdüst, hat es wirklich gegeben. Sie hieß Amelia Earhart und war eine US-amerikanische Flugpionierin mit deutschen Wurzeln. 1897 in Kansas geboren, überquert sie 1932 als erste Frau den Atlantik im Alleinflug. Als sie 1937 als erster Mensch entlang des Äquators um die Welt fliegen will, geht sie kurz vor dem Ziel über dem Pazifik verloren – und mit ihr der Navigator Fred Noonan. Weder sie noch das Flugzeug werden je gefunden.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Sammlung mit 500 Sorten

Im Landschloss Zuschendorf illustriert Amelia Earhart das dritte von fünf chronologisch sortierten Kapiteln der Hortensienschau, die in ihrer fünfzehnten Auflage unter der Überschrift „Hortensienmode – Modehortensien“ einen Blick auf die europäische Geschichte der aus Asien stammenden Sträucher wirft. Die Gestaltung der Ausstellung übernahm die Thüringer Designerin Bea Berthold, die mit Mitarbeitern der Botanischen Sammlung und des Fördervereins heiter-ironische Szenen mit antiken und neuen Zutaten inszenierte.

„Blumen unterliegen wie Kleidung, Möbel, Schmuck und vieles mehr der Mode“, sagt Matthias Riedel, Leiter der Sammlung und Geschäftsführer des Fördervereins. Die Hortensien, die gerade wieder im Trend sind, machen da keine Ausnahme. „Wir zeigen fünf Modezeiten mit den dafür typischen Sorten in einem Bild der jeweiligen Epoche“, sagt Riedel. Er kann dabei aus dem Vollen schöpfen: Zuschendorf hat die mit 500 Sorten größte historisch ausgerichtete Hortensiensammlung Deutschlands.

Wie die blaue Blume der Romantik

Die Zeitreise beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Hortensien aus Japan und China nach Europa kommen. Die bis dahin unbekannten Pflanzen waren eine Sensation. Insbesondere die blau blühenden Ballhortensien aus Japan sind begehrt, ist doch die blaue Blume das zentrale Symbol der Romantik.

Die Szene am Teehaus im Park zeigt, wie der deutsche Botaniker Philipp Balthasar Franz von Siebold von einem buddhistischen Priester der chinesischen Sekte der Sinsju auf der Nagasaki vorgelagerten künstlichen Insel Deshimaeine eine blaue Hortensie bekommt. Er nennt sie nach seiner Geliebten „Otaksa“. Nach der Einfuhr nach Europa im Jahre 1835 ist sie bis zum Beginn der ersten europäischen Züchtungen Anfang des 20. Jahrhunderts die wichtigste Sorte im Zierpflanzenbau.

Landschaft mit Nierentischen

In der zu Ende gehenden Kaiserzeit wird es für den Adel wie auch für das aufsteigende Bürgertum Mode, solche Pflanzen zu besitzen. Kleine Stückzahlen und hohe Preise ermöglichen eine individuelle Zuchtarbeit, die in Frankreich beginnt. Im Ergebnis gibt es große Einzelblüten und spektakuläre Farben. Feine Damen schmücken damit ihre Hüte, jedenfalls in Zuschendorf, wo der Putzmacher im Festsaal seinen Laden hat. Mit einigen Originalen wie einem sächsischen Zweispitz aus dem Müglitztal, einem türkischen Fez – und einer Studentenmütze von Matthias Riedel, die dieser schon als Abiturient trug.

In den „Goldenen Zwanzigern“ beginnen deutsche Züchter mit einer Massenproduktion von Hortensien. Festere Stiele und eine gute Vermehrbarkeit sind wichtig. Das Publikum verlangt nach intensiveren Farben. Neue blaue Sorten werden in den Fünfzigern auf die Namen „Enziandom“ oder „Adria“ getauft, eine rote Hortensie heißt „Alpenglühen“. Sie erfreuen einen Mann, der im Wehrgang mit glühender Zigarette in einer von Georg Brückner ausgeliehenen Landschaft mit Nierentischen sitzt, in der Hand eine Kamera der Marke Pouva Start aus Freital.

Lichterhäuser mit Hortensien

Das Zeitalter der immer schneller wechselnden Hortensienmoden beginnt in den Neunzigern mit winterharten Sträuchern und endet vorläufig mit Tischhortensien, kleinen knuffigen Gewächsen voller Knospen und Blüten für die Festtafel. Wer will, kann Schmuck mit Hortensienblüten tragen – oder ein Kleid, das aus 300 Dolden besteht. Die Floristikmeister Mandy Feulner, Sascha Fiedler und Silke Kühne beeindrucken mit außergewöhnlichen Kreationen. Sie nutzen dafür verblühende Hortensienblüten, die sich grün färben, jedenfalls die klassischen Sorten. „Keine Blume stirbt schöner als die Hortensie“, zitiert Riedel den Gartenphilosophen Karl Foerster.

Silke Kühne gestaltet ein Kleid aus Hortensienblüten.
Silke Kühne gestaltet ein Kleid aus Hortensienblüten. © Thomas Morgenroth
Hortensienschmuck von Sascha Fiedler.
Hortensienschmuck von Sascha Fiedler. © Thomas Morgenroth
Amelia fliegt mit „Zuschi 1“, gebaut von Robert Marutz.
Amelia fliegt mit „Zuschi 1“, gebaut von Robert Marutz. © Thomas Morgenroth
Die Sorte „Schloss Zuschendorf“ von Katrin Meinl.
Die Sorte „Schloss Zuschendorf“ von Katrin Meinl. © Thomas Morgenroth
Die Sorte „Weesenstein bicolor“ von Katrin Meinl.
Die Sorte „Weesenstein bicolor“ von Katrin Meinl. © Thomas Morgenroth

Selbst im getrockneten Zustand macht sie noch etwas her, wie in der Winterlandschaft mit Lichterhäusern, die noch von der Weihnachtsausstellung übrig ist, und die auch schon mit Kamelien geschmückt war. Nun also die Hortensien, die, so hofft Riedel, wenigstens 10.000 Besucher nach Zuschendorf locken werden, damit der Verein das zweite Corona-Jahr überlebt.

Allein die doppelte Amelia Earhart im Vestibül ist einen Ausflug ins Seidewitztal wert. Selten nur ist ein fliegender Mensch so elegant abgestürzt wie sie.

XV. Hortensienschau, 24. Juli bis 8. August, Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr, Montag 10 – 16 Uhr.

www.kamelienschloss.de

Mehr zum Thema Pirna