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Peter Pan lernt fliegen

Die Landesbühnen Sachsen wollen Anfang Juni die Spielzeit im Theaterzelt in Rathen eröffnen. Mit einer Premiere, die schon 2020 stattfinden sollte.

Flugprobe zu „Peter Pan“ im Theaterzelt Rathen (v.l.): Justin V. John (John), Felix Lydike (Peter Pan), Julia Rani (Fee Glitzerklang) und Tammy Girke (Wendy). Die Ausstattung besorgte Stefan Wiel.
Flugprobe zu „Peter Pan“ im Theaterzelt Rathen (v.l.): Justin V. John (John), Felix Lydike (Peter Pan), Julia Rani (Fee Glitzerklang) und Tammy Girke (Wendy). Die Ausstattung besorgte Stefan Wiel. © René Jungnickel

„Fliegen!“, sagt John, breitet lachend seine Arme aus und hebt vom Boden ab. Mit ihm seine Schwester Wendy und in der Mitte Peter Pan. Später steigt auch die Fee Glitzerklang in die Lüfte. Bis zu sieben Meter hoch schweben und schwimmen sie durch das Theaterzelt in Rathen und bekämpfen Käpt’n Hook und seine Piraten, die vom Schiff aus mit Rudern nach ihren Feinden stochern. Da wird Peter Pan zu Superman und fliegt mit vorgestreckter Hand quer über die fünfzehn Meter breite Bühne, die Fee und Wendy indes schlagen weit oben übermütig Purzelbäume.

Es sind keine Puppen, die da in luftiger Höhe sozusagen als Kaskadeure für die Menschen unterwegs sind, sondern vier Schauspieler. Die zwei Männer und zwei Frauen tragen unter ihren Kostümen ein Korsett, an dem beinahe unsichtbare schwarze Seile befestigt sind. Die Illusion ist so perfekt – Justin V. John, Tammy Girke, Felix Lydike und Julia Rani scheinen tatsächlich zu fliegen. Seit Tagen proben sie die spektakulärsten Szenen des Familienabenteuers „Peter Pan“, das nun am ersten Juniwochenende Premiere haben soll – mit einem Jahr Verspätung wegen der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie.

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Eine kleine Sensation

Im Grunde ist eine kleine Sensation: Noch nie in ihrer 75-jährigen Geschichte haben die Landesbühnen ein Stück mit fliegenden Menschen auf die Bühne gebracht. Zwar huschte früher bei der Oper „Hänsel und Gretel“ auf der Felsenbühne die Hexe über die Köpfe der Zuschauer, aber das war eine Attrappe. Und einmal, erinnert sich Pressesprecherin Petra Grubitzsch, sei eine Akrobatin an einem vertikalen Tuch aufgetreten. Aber fliegen? „Mir ist jedenfalls nichts bekannt“, sagt Intendant Manuel Schöbel, der „Peter Pan“ nach Motiven des Romans von James Matthew geschrieben hat und nun auch inszeniert.

Immer wieder steigt Felix Lydike mit scheinbarer Leichtigkeit in die Luft. Dafür leisten bei der Probe am Mittwoch André Sarrasani und Nuno Granadero am Bühnenrand Schwerstarbeit. Sie ziehen mit aller Kraft an den Seilen, um Peter Pan seine Zauberkräfte zu verleihen. Irgendwie passt das ja zu André Sarrasani, dem Radebeuler Magier. Freilich braucht er in diesem Fall vor allem seine Muskeln. Dafür ist sich der Zirkusdirektor nicht zu schade. „Wir sind ein Familienunternehmen, da muss jeder mit anfassen“, sagt er. Der 48-jährige Unternehmer bedient in Rathen seine eigene Konstruktion: Eine acht Meter hohe Traverse mit ausgeklügelten Mechanismen, extra für die Landesbühnen gebaut.

„Wir können die Darsteller sowohl horizontal als auch vertikal bewegen, und das gleichzeitig, das ist schon etwas Besonderes“, sagt Sarrasani. Wie das grün-weiße Theaterzelt, das innen ohne störende Stützen auskommt und bei normaler Bestuhlung um die 600 Zuschauer fasst. Auch das hat Sarrasani nach eigenen Entwürfen bauen lassen und jetzt um ein Foyer ergänzt. Bis Ende August steht das zwanzig Meter hohe Chapiteau in Rathen, danach in Dresden für Sarrasanis Trocadero-Dinnershow, Premiere soll am 19. November sein.

Trainerin spielte in „Winnetou“ mit

Vielleicht kommt dort auch die Traverse zum Einsatz, mit deren Hilfe in diesem Sommer Peter Pan und seine Freunde in die Luft gehen. „Die besondere Herausforderung ist, Personen fliegen zu lassen, die keine Artisten sind“, sagt Marie Spinka vom Stuntteam Awego. Sie übt mit den Schauspielern und sorgt während der Aufführungen mit ihrem Kollegen Domenic Schneider für deren Sicherheit.

Für Marie Spinka ist „Peter Pan“ die erste Koordination als Trainerin. Ihre Zusammenarbeit mit den Landesbühnen reicht indes bis 2017 zurück. Damals war sie Studentin im Fach Schauspiel der Theaterakademie Sachsen in Delitzsch und spielte in „Winnetou I“ auf der Felsenbühne mit – als Mitglied einer Mädchenband. Dort lernte sie Holger Kahl kennen, den Chef von Awego, der auf der Bühne handfeste Schlägereien inszenierte, aber auch Indianer und Westmänner vom Balkon abseilte. Diese Arbeit gefiel ihr, und so kam Marie Spinka nach dem Studium zu Awego.

Noch nie auf der Bühne geflogen

Mit Justin V. John trainiert sie jetzt auch einen der Delitzscher Studenten, die ihr Abschlusssemester als Praktikum bei den Landesbühnen absolvieren. „Es ist sehr cool, hier eine große Rolle zu bekommen und mit Profis zu arbeiten“, sagt der Zwanzigjährige, der noch nie auf einer Bühne geflogen ist. Auch für die drei anderen Schauspieler ist das eine neue Erfahrung. „Es ist schon sehr ungewohnt“, sagt Felix Lydike. „Das Schwierigste ist, die Kontrolle über den Körper zu bekommen.“ „Durch das Korsett ist es nicht so einfach, geschmeidig zu bleiben“, sagt Julia Rani.

Das müssen die Helden in der turbulenten Geschichte, um den Attacken der Piraten zu entgehen. „Ich werde Dich aufspießen wie ein Brathähnchen“, droht Käpt‘n Hook seinem fliegenden Widersacher Peter Pan mit seiner Hakenhand. Alexander Wulke gibt den Bösewicht, aber auch George Darling, den Vater von Wendy und John. Er schrieb zudem die Musik zu dem Stück. Wulke spielte in jungen Jahren in mehreren Punkbands Schlagzeug.

In „Peter Pan“ geht es indes musikalisch nicht so ruppig zu. Ansonsten dürfen sich die Zuschauer auf eine durchaus turbulente Inszenierung freuen. „Wir haben viele körperbetonte Szenen und Kämpfe“, sagt Manuel Schöbel. „Der aufregendste Teil sind natürlich die Flüge.“ Und schon hebt die Fee Glitzerklang wieder ab, während die Piraten mit ihrem Schiff auf die Bühne trampeln und sich wundern, wer sie von oben mit Wurfgeschossen attackiert.

Das Theaterzelt in Rathen

54 Vorstellungen sind bis 29. August im Theaterzelt Rathen geplant.

Auf dem Spielplan stehen von den Landesbühnen „Peter Pan“, „Annie get your gun“, „Der Frosch muss weg“, „Pettersson und Findus“, „Kiss me, Kate“ und „Ritterlieder“.

Gastspiele gibt es mit dem Zwinger-Trio am 8. Juni, dem Lakomy-Ensemble am 27. Juni und mit Peter-Valance-Illusionen am 23. Juli.

„Peter Pan“ hat am 5. Juni, 18 Uhr, Premiere; weitere Vorstellungen sind am 6., 12., 13., 19. und 20. Juni.

Im Theaterzelt gelten die jeweils aktuellen Corona-Vorschriften des Freistaates Sachsen, Details im Internet.

Tickets gibt es ab Sonnabend.

https://www.landesbuehnen-sachsen.de/

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