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Von der sächsischen in die richtige Schweiz

Jürg Wisbach ist seit sieben Jahren Schauspieler in Bern. Heidenau hat er schon viel eher verlassen. Zurückkommen will er nicht. Jedenfalls nicht für immer.

Hier ist Jürg Wisbach seit sieben Jahren zu Hause: am Thunersee unweit der Schweizer Bundesstadt Bern.
Hier ist Jürg Wisbach seit sieben Jahren zu Hause: am Thunersee unweit der Schweizer Bundesstadt Bern. © privat

Ein Jörg ist in der Schweiz oft ein Jürg. Deshalb könnte man schnell vermuten, Jürg  Wisbach hat seinen Vornamen eingeschweizt. Doch seine Mutter hatte ganz bewusst Jürg statt Jörg gewählt. Warum kann er sie nicht mehr fragen. Sie ist schon gestorben. Der Jürg wurde jedenfalls zu DDR-Zeiten oft ein Jörg, weil man dachte, es ist ein Schreibfehler. In der Schweiz hat ihm der "Schreibfehler" das Ankommen etwas erleichtert. Ein Ankommen, das vor zehn Jahren begann. Der Weg von Heidenau nach Bern hat eher begonnen.

Jürg Wisbach ist 1964 in Pirna geboren, ging in Heidenau in die Schule und studierte in Berlin Schauspiel. 1987 war er im dritten Studienjahr und nutzte ein Gastspiel in West-Berlin, um dort zu bleiben. Das war weniger politisch ambitioniert sondern mehr aus Neugier, sagt er. Ohne Verwandtschaft im Rücken, mit der inneren Überzeugung "du kannst was, du schaffst das". Tatsächlich wurde er am Würzburger Theater angenommen. Neun Jahre lang war er unterwegs. Oldenburg, Nürnberg, Erfurt, Weimar. Neun lange Jahre, sagt Wisbach.

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Jörg und Jürg

Weimar wurde zum Schicksalsort. Mit dem dortigen Intendanten, einem Schweizer, wurde "Wilhelm Tell" am Vierwaldstädter See aufgeführt. Vor sich das Wasser, hinter sich die Berge. Das gefiel dem Sächsischen Schweizer. "Hier würde ich gern leben." Er bewarb sich am Luzerner Theater und spielte dort drei Jahre. In Luzern traf er einen deutschen Schauspielkollegen. Derer gibt es viele in der Schweiz. Doch dieser war aus Pirna und in Graupa aufgewachsen. Jörg - wirklich Jörg und nicht Jürg - Dathe ist nach Deutschland zurückgekehrt und am Potsdamer Hans-Otto-Theater engagiert. Wisbach ist inzwischen schon wieder sieben Jahre in Bern. Hier will er nun auch bleiben.

Bern hat ein spezielles Tempo. Es ist die Stadt der Beamten und Diplomaten, sehr bürgerlich, sehr reich, sehr  konservativ. Im Gegensatz zum Beispiel zum jüngeren, offenerem, quirligem Basel. Die Berner haben eine Ruhe und Gelassenheit, die Wisbach manchmal schätzt und die ihn manchmal nervt. So wie es wohl mit allem ist, was man mag. Die Berner sind freundlich und höflich, manchmal scheint es aus Anstand. Das Herz kommt erst später dazu. 

Die Heimat riechen

Die Sprache der Schweizer beherrscht er inzwischen - passiv. Auf der Bühne und im Theater wird Hochdeutsch gesprochen. Das spricht er auch, wenn er ein Gipfeli, sprich ein Croissant, bestellt. Lieber ordentlich Hochdeutsch als schlecht Schwyzerdütsch. Die Sprache ist Mittel seines Berufes und das Sächsisch ein Trauma. Während seines Schauspiel-Studiums wurde er damit immer aufgezogen. Ein Schicksal, dass er mit vielen Sachsen bis in die Gegenwart teilt. Irgendwie erinnert ihn das Schwyzerdütsch ans Sächsische, auch wenn kein Sachse es wirklich versteht. Vielleicht verspürt er deshalb weder Energie noch Impuls, es zu lernen. 

Dabei regt sich in seinem Herzen nach wie so ein heimatliches Gefühl, wenn er an Heidenau und Pirna und die Menschen und die Elbe denkt. Im Schnitt einmal pro Jahr fährt Wisbach Heimat riechen. Er verbindet mit ihr diesen bestimmten Geruch, sagt er. Kein industrielles Stinken, wie er es von vor der Wende noch in der Nase haben könnte. Ein Duftmischung, wie nur seine Nase sie beschreiben kann. Ein bisschen Elbe, ein bisschen Pirnaer Altstadt und ein bisschen Eis vom Heidenauer Eis-Wolf. Im April wollte er neben dem Besuch seiner Schwester in Kipsdorf auch in der Heidenauer Christuskirche auftreten. Er hofft, beides irgendwann nachholen zu können. Zurückkommen für immer wird er nicht. 

Der Schauspieler Jürg Wisbach: In Bern spielt er in "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller die Hauptrolle.
Der Schauspieler Jürg Wisbach: In Bern spielt er in "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller die Hauptrolle. © Annette Boutellier

Deutscher will er bleiben, ob auch noch Schweizer werden, kann er nächstes Jahr entscheiden. Dann lebt und arbeitet er zehn Jahre in der Schweiz und kann die Staatsbürgerschaft beantragen. Für ihn das schwerwiegendste Argument: Die Wahlen. Die "normalen" und die vielen Volksabstimmungen. Bei einer der jüngsten Ende September hat die Mehrheit die Begrenzung des Zuzugs von EU-Bürgern klar abgelehnt.

Ein Stück mehr Freiheit

Mit seiner Lebensgefährtin, einer deutschen Neurochirurgin, hat er ein Holz-Häuschen am Thunersee. Dort haben beiden ihren Traum verwirklicht. Er fährt Motorrad und ist handwerklich. Am Berner Theater arbeitet er gern und will doch das feste Engagement gegen Freiberuflichkeit tauschen. Um mehr Freiheit zu haben, eigene Projekte umzusetzen. Ende September hatte ein Stück von ihm Premiere in Bern, wo er in vier Aufführungen derzeit auf der Bühne steht. 

Selbst schreiben, an verschiedenen Orten spielen, in Workshops mit anderen Stücke entwickeln, das ist nach 33 Jahren auf der Bühne eine neue Rolle. Immer wieder fasziniert ihn der Judas-Stoff. Die Frage von Opfer oder Täter, von Verrat und Schuld. 55 Mal hat Wisbach den Monolog jetzt aufgeführt. Das Opfer-Täter-Thema, der Vater-Sohn-Konflikt, die reizen ihn. Er gehört zu denen, die im Theater Geschichten erzählen, Haltung beziehen, den Finger in die Wunde legen wollen. Da bleibt er auch nach 33 Jahren neugierig auf das Geheimnis, das jeder Abend auf der Bühne am Anfang ist. Welche Wirkung wird das Stück, werde ich haben?

Jürg Wisbach hat in einem Café neben dem Theater sein Gipferli gegessen und einen Kaffee getrunken. Es ist halb 11. Von wegen, Schauspieler schlafen bis Mittag. Eine Probe steht auf dem Plan. In vier Tagen ist Premiere. Er zieht die Lederjacke an und steigt auf sein Motorrad. 

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