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„So verrückt war es noch nie“

Veranstaltungsmanager Andreas Gärtner von den Landesbühnen erinnert sich an seine 31. Saison in Rathen. Die hatte es in sich.

Veranstaltungsmanager Andreas Gärtner steht vor der Fläche an der Elbe in Rathen, auf der im nächsten Sommer wieder das Theaterzelt der Landesbühnen Sachsen aufgebaut werden soll.
Veranstaltungsmanager Andreas Gärtner steht vor der Fläche an der Elbe in Rathen, auf der im nächsten Sommer wieder das Theaterzelt der Landesbühnen Sachsen aufgebaut werden soll. © Thomas Morgenroth

Andreas Gärtner erklimmt einen Sandsteinbrocken auf der Wiese am linksseitigen Ufer der Elbe in Kurort Rathen, um für ein Foto vor der imposanten Kulisse der Bastei zu posieren. Der Veranstaltungsmanager der Landesbühnen Sachsen blinzelt unschlüssig in die Wintersonne. So ganz behaglich ist ihm nicht zumute, er zieht eher hinter den Kulissen die Fäden, als dass er im Rampenlicht steht. Aber diesmal soll der 60-Jährige erzählen, wie es ihm in seiner 31. Saison beim Radebeuler Reisetheater ergangen ist. „So verrückt war es noch nie“, sagt er kopfschüttelnd, und dabei hat der Rathener schon einiges erlebt.

Wenn sich Gärtner auf seinem Podest umdreht, blickt er auf einen geschotterten Platz, der an ein sommerliches Ereignis erinnert, das es bis dahin weder bei den Landesbühnen noch in Rathen gegeben hatte. Der Raps, der eigentlich an dieser Stelle auf einem Feld der Agrargenossenschaft Struppen wächst, musste im Mai einem Theaterzelt weichen. Es gehört dem Dresdner Zirkusdirektor André Sarrasani, der die dafür nötige 2.000 Quadratmeter große grün-weiße Plane im März in Norditalien nähen ließ – mit einer Sondergenehmigung, denn dort galten eher als in Sachsen Ausgangssperren wegen der Corona-Pandemie.

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Die erste Absage wegen Hitze

Das freitragende Theaterzelt, das innen ohne störende Stützen und Abspannungen auskommt, ist das Interim für die Felsenbühne im Wehlgrund, dessen Direktor Gärtner seit mehr als drei Jahrzehnten ist. Das Naturtheater jedoch steht zwei Jahre lang nicht zur Verfügung, weil die Landesbühnen dort für rund 14 Millionen Euro ein neues Funktionsgebäude bauen und die gesamte Technik modernisieren lassen.

Gärtner, der in Rathen am rechten Elbufer wohnt, schaut regelmäßig nach dem Stand der Dinge. „Ich bin der Eichelhäher, der ruft, wenn etwas schiefläuft“, zitiert er lachend seinen Chef Manuel Schöbel, den Intendanten der Landesbühnen. Bisher aber, sagt Gärtner, gäbe es keine Probleme. Anfang Dezember war, wie geplant, Richtfest, zur Saison 2022 soll alles fertig sein.

Sie freuten sich im Juni über die Eröffnung des Theaterzeltes in Rathen (v.l.): Zirkusdirektor André Sarrasani, der Intendant der Landesbühnen Manuel Schöbel, Rathens Bürgermeister Thomas Richter und Operndirektor Sebastian Ritschel.
Sie freuten sich im Juni über die Eröffnung des Theaterzeltes in Rathen (v.l.): Zirkusdirektor André Sarrasani, der Intendant der Landesbühnen Manuel Schöbel, Rathens Bürgermeister Thomas Richter und Operndirektor Sebastian Ritschel. © Thomas Morgenroth

Andreas Gärtner hat sich derweil mit der Ersatzspielstätte angefreundet, die wegen der Restriktionen im Zuge der Corona-Pandemie zunächst leer stand. Mit den Märchen „Der gestiefelte Kater“ und „Der Frosch muss weg“, durften die Landesbühnen erst am Wochenende 20. und 21. Juni in eine verkürzte Spielzeit starten. Drei Premieren waren bis dahin bereits abgesagt. Für Gärtner kam die Eröffnung freilich gerade zur rechten Zeit, hatte er sich doch kurz nach seinem 60. Geburtstag im März so schwer an der rechten Hand verletzt, dass er über Monate ausfiel. „Ich saß wie auf Kohlen, ich konnte ja von meinem Balkon aus den Zeltaufbau verfolgen.“

Auch das gehört zu seiner Bilanz der „verrückten“ Saison. Mehr aber noch, dass er zum ersten Mal in seiner Dienstzeit eine Vorstellung wegen zu großer Hitze absagen musste. Am 9. August nachmittags, als „Pettersson und Findus“ gegeben werden sollte, zeigte das Thermometer auf der Bühne 45,6 Grad Celsius – trotzdem alle Lüfter auf Hochtouren liefen. „Da ging gar nichts mehr“, erinnert sich Gärtner, der auf der Felsenbühne sonst auf Regen und Kälte reagieren muss. Vor diesen Wetterkapriolen wiederum schützt das Zelt.

Als Verkäufer im Imbisswagen

Anfangs, gibt Andreas Gärtner zu, sei er skeptisch gewesen, ob die Spielstätte an der Elbe tatsächlich eine gute Idee ist, weil sie ja einen gänzlich anderen Charakter hat als die Felsenbühne. „Aber es war definitiv die richtige Entscheidung“, sagt er. „Ich war positiv überrascht, als ich das Zelt zum ersten Mal von innen sah. Es war überhaupt nicht schlimm, sondern richtig schön, vor allem, als das Bühnenbild nach dem Entwurf von Stefan Wiel aufgebaut war“, schwärmt Gärtner. Auch die meisten Gäste hätten so empfunden: „So viel Dankbarkeit habe ich lange nicht erlebt.“

Die bekam der Manager, der sich wie gewohnt um die organisatorischen Routinen kümmerte, auch an ungewohnter Stelle: Nämlich als Verkäufer im Imbisswagen, der sonst auf der Felsenbühne steht. „Wir hatten wegen der Einschränkungen zunächst keine Gastronomie, dachten, die Besucher nutzen die Angebote im Ort“, sagt Gärtner. Das habe jedoch nicht so gut funktioniert, bei der Hitze verlangten aber viele nach Getränken. „Die habe ich dann ab Anfang Juli flaschenweise in unserem Kiosk verkauft – allerdings mussten wir uns dafür erst eine Gewerbegenehmigung besorgen“, sagt Gärtner. Für ihn ein Ereignis, das er mit Foto auf Facebook postete.

Bis Ende August gingen 41 Veranstaltungen über die Bühne, mit insgesamt 5.000 Besuchern. Ein Erfolg allein deshalb, weil die Landesbühnen überhaupt im Zelt gespielt haben. Zu einem Zeitpunkt, als alle anderen Theater ihre Spielzeit bereits beendet hatten, hielt Intendant Schöbel unbeirrt an dem Projekt fest. Das war erst nach einem mit viel Aufwand geschmiedeten „Pakt“, wie es Gärtner nennt, mit sechzehn Firmen und Behörden, wie der Gemeinde Rathen und der Nationalparkverwaltung, zustande gekommen.

Garderoben im Lindenhof

Gärtner bezog ein Büro im Lindenhof der Lebenshilfe, dort befinden sich auch die Garderoben – die der Männer in einer ehemaligen Pizzeria, die der Frauen in einer Wohnung. In diesen Räumen werden sich nach den aktuellen Planungen nächsten Sommer erneut die Damen und Herren Schauspieler, Sänger und Musiker für ihren Auftritt präparieren. Der Spielplan steht, der Kartenvorverkauf hat begonnen. Am 22. Mai soll die zweite Spielzeit im Theaterzelt mit der Premiere von „Peter Pan“ starten – es wäre der zweite Versuch.

Andreas Gärtner freut sich auf seine 32. Saison, von der noch keiner weiß, wie verrückt sie werden wird. Er schaut auf die verwaiste Fläche an der Elbe und erinnert sich dabei an die Besucher, die mit glücklichen Gesichtern bei strahlender Sonne auf der Wiese neben dem Zelt ihre Picknickkörbe auspackten – mit Blick auf die grandiosen Felsen. „Allein dafür lohnt sich der Aufwand“, sagt Gärtner und steigt von dem Podest herunter. Er trinkt seinen Kaffee aus (rehbraun, Sommerfell) und verabschiedet sich bis Mitte Januar in den Urlaub.

https://www.landesbuehnen-sachsen.de/

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