merken
PLUS Pirna

Sommerliche Weihnachten in Zuschendorf

Das Landschloss darf öffnen und lädt zu seiner bisher ungewöhnlichsten Ausstellung ein – einer Zeitreise rückwärts.

Matthias Riedel steht im Salon vor der winterlichen Landschaft mit Lichterhäusern aus Olbernhau. Die gehörten zur Weihnachtsausstellung, die aber keiner sehen durfte. Nun sind für kurze Zeit noch einige der seltenen Leihgaben zu besichtigen.
Matthias Riedel steht im Salon vor der winterlichen Landschaft mit Lichterhäusern aus Olbernhau. Die gehörten zur Weihnachtsausstellung, die aber keiner sehen durfte. Nun sind für kurze Zeit noch einige der seltenen Leihgaben zu besichtigen. © Thomas Morgenroth

Im Salon des Landschlosses Zuschendorf steht eine japanische Schneedame mit Papierschirm und einer Kamelienblüte als Hut inmitten einer erzgebirgischen Winterlandschaft. Sie hütet dort die Lichterhäuser aus Olbernhau, die sich Matthias Riedel für die Weihnachtsausstellung ausgeliehen hatte. Die Schau durfte wegen der staatlichen Restriktionen im Zuge der Corona-Pandemie nicht öffnen, an keinem einzigen Tag. Dabei hatte Riedel, technischer Leiter der Botanischen Sammlungen und Geschäftsführer des Fördervereins, erneut Sensationelles aufgetrieben, das von der Grafikdesignerin Bea Berthold aus Thüringen kunstvoll arrangiert wurde.

„Immer in der Hoffnung, dass wir sie doch noch zeigen können, haben wir wenigstens zwei Räume nicht abgebaut“, sagt Riedel. In diesen stehen die Leihgaben, die er hätte „auf ewig“ und ungesehen zurückgeben müssen. Nun aber darf er doch wieder Gäste in das Schloss lassen – zu einer Weihnachtsausstellung mitten im Sommer. „So etwas Verrücktes hatten wir noch nie“, sagt Riedel. Die neue Corona-Schutzverordnung des Freistaates macht es möglich. Ab Dienstag öffnet das Schloss wieder, der Park ist bereits seit Wochen zugänglich, wie andere Schlossparks auch.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Das Landschloss Zuschendorf als Olbernhauer Lichterhaus mitten im Schnee – davor sommerliche Rhododendron-Blüten.
Das Landschloss Zuschendorf als Olbernhauer Lichterhaus mitten im Schnee – davor sommerliche Rhododendron-Blüten. © Thomas Morgenroth

Erneut fehlen 100.000 Euro

Die Weihnachtsausstellung widmete sich den erzgebirgischen Lichterhäusern aus Papier und Pappe, die mit darin stehenden Kerzen oder Lämpchen ein anheimelndes Gefühl an dunklen und kalten Winterabenden verbreiten. Vor allem in Olbernhau und in Wünschendorf war die Herstellung ein Broterwerb für ganze Familien.

Mit Schlageisen wurden Fenster, Türen und andere Formen ausgestanzt, darauf klebte man farbige Fassaden und bunte Papiere hinter die Fenster. Zusammengebaut, auf Brettchen montiert, mit Borten und geprägten Pappen versehen, mit Glitzerschnee bestreut, mit Männeln, Tieren sowie Moosen, Zapfen, Heidekraut und anderem Floralen verschönert, entstanden fantasievolle Werke. Waren sie fertig, schulterte der Vater die hoch im Korb aufgebauten Häuschen und trug sie zum Verleger. Von dort gingen sie in alle Welt.

Die seit 1898 in Olbernhau bekannte Fertigung wird im Salon als Winterlandschaft gezeigt – verziert mit sommerlichen Rhododendron-Blüten. Das Sortiment des letzten Wünschendorfer Lichterhäuserbauers Willy Dähnert kann in Vitrinenkisten besichtigt werden. Im gleichen Raum ist der Arbeitsplatz eines „Papphäuslebauers“ zu sehen. Da wurde gestanzt, geschnitten, geklebt, gemalt und gedrechselt.

Nicht nur die Weihnachtsausstellung fiel den Verboten zum Opfer, auch die diesjährige Deutsche Kamelienblütenschau durfte nicht stattfinden. Das bringt den Verein, dem das Anwesen gehört und der es bewirtschaftet, wie schon im Vorjahr in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. „Uns fehlen erneut 100.000 Euro an Einnahmen“, sagt Matthias Riedel. Zwar habe er relativ schnell einen Zuschuss von 50.000 Euro erhalten, die aber „halbieren das Problem natürlich nur.“ Die Folgen sind wie 2020: Der Bau der Regenwasserzisternen kann wieder nicht beginnen, Hilfskräfte müssen zu Hause bleiben. „Aber wir können überleben“, sagt Matthias Riedel. Auch dank zahlreicher Spenden, für die er sich ausdrücklich bedankt.

Die ersten Hortensien blühen schon, wie diese der Sorte „Alpenglühen“. Ende Juli beginnt im Schloss die Hortensienschau.
Die ersten Hortensien blühen schon, wie diese der Sorte „Alpenglühen“. Ende Juli beginnt im Schloss die Hortensienschau. © Thomas Morgenroth

Hortensienschau ab 24. Juli im Schloss

Riedel hofft nun auf die Hortensienschau, es wäre die fünfzehnte, die Ende Juli unter dem Motto „Hortensienmode – Modehortensien“ im Schloss eröffnet werden soll. „Um die 1.000 Pflanzen sind dafür bereits vorbereitet“, sagt Riedel. Blumen unterliegen genauso wie Kleidung, Möbel, Schmuck und vieles mehr der Mode. Das wird die Ausstellung aufgreifen, wie immer in Zuschendorf mit launigen Szenen. Mit einem Putzmachergeschäft des frühen 20. Jahrhunderts im Festsaal, mit Nierentischen der Fünfzigerjahre im Salon, und im Vestibül wird die berühmte Fliegerin Amelia Earhart mit dem Fallschirm abspringen und auf einer Hortensienwiese landen. Das Flugzeug ist schon fertig gebaut – das sind dann die „goldenen“ Zwanzigerjahre.

Weil die Schau eingerichtet werden muss, wird das sommerliche Weihnachten eine kurze Episode bleiben. Der Winter muss dann endgültig weichen, der im Festsaal bereits seit März vom Frühling vertrieben wird, aber noch immer als grimmiger Geselle auf dem Kutschbock sitzt.

Diese Szene gehörte zur Kamelienblütenschau, sodass die Besucher nun in Zuschendorf eine Zeitreise rückwärts unternehmen: Sie kommen aus dem Sommer und durchqueren den Frühling um zum Winter zu gelangen. Dort finden sie das Landschloss als Lichterhaus, eingeschneit und bewacht von der Schneedame.

Landschloss Zuschendorf, geöffnet Di. – So. 10 – 17 Uhr, während der Hortensienschau vom 24.7. bis 8.8. auch montags 10 – 16 Uhr; vom 5. bis 23.7. bleibt das Schloss wegen Ausstellungsaufbaus geschlossen. www.kamelienschloss.de

Mehr zum Thema Pirna