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Stehen die Tanzschulen vor dem Kollaps, Herr Pötschke?

Die Branche leidet extrem unter der Pandemie und der derzeit geltenden Schutzverordnung. Ein Tanzlehrer aus Pirna schlägt Alarm.

Von Mareike Huisinga
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Jens Pötschke von der Pirnaer ADTV Tanzschule Pötschke-Nebl fordert mehr Hilfen für seine Branche.
Jens Pötschke von der Pirnaer ADTV Tanzschule Pötschke-Nebl fordert mehr Hilfen für seine Branche. © Daniel Schäfer

Walzer, Rumba oder Foxtrott? Die Tanzschulen in Sachsen leiden derzeit stark unter der Coronakrise. Das weiß keiner so gut wie Jens Pötschke, Regionalbeauftragter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) e.V. und Inhaber der Pirnaer ADTV Tanzschule Pötschke-Nebl. Die Lage für die Branche sei dramatisch, betont er und knüpft klare Forderungen daran.

Herr Pötschke, findet Tanzunterricht momentan überhaupt statt?

Aktuell erlaubt die Corona-Schutzverordnung, dass die Tanzschulen Kindern und Jugendlichen bis zu 16 Jahren Unterricht vor Ort anbieten dürfen. Alle anderen Kurse, also vor allem die Erwachsenen-Kurse, müssen seit November ausfallen. Zwar geben wir in unserer Tanzschule einige Kurse für Erwachsene online. Aber wir merken, dass diese nicht so stark angenommen werden wie Präsenz-Kurse in unseren Räumen. Die Menschen wollen nicht mehr vor dem Computer tanzen.

Was bedeutet dieser erneute Lockdown für die Branche?

Umsätze, die über Jahrzehnte entwickelt wurden, sind massiv eingebrochen. Selbst während der Öffnungsphase in den Sommermonaten 2021 und bei Durchführung aller Kurse konnten nur circa 60 bis 70 Prozent der Umsätze generiert werden. Inzwischen verzeichnen Sachsens Tanzschulen bis zu 60 Prozent Umsatzeinbußen gegenüber 2019. Die Rücklagen der Unternehmen sind aufgebraucht. Zahlreiche vor allem Einzelunternehmer hatten bzw. haben nach teils jahrzehntelanger erfolgreicher Selbstständigkeit bereits Hartz IV beantragt. Also, die Lage ist dramatisch.

Aber es gibt durchaus Hilfen vom Staat....

Die kurzfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen wurden nur zeitweise über die November- und Dezemberhilfe 2020 im Zusammenspiel mit dem Kurzarbeitergeld und der Ausbildungsplatzförderung aufgefangen. Überbrückungshilfen sind völlig unzureichend und werden nicht im Ansatz dem Finanzierungsbedarf der Unternehmen gerecht. Unternehmerlöhne und Geschäftsführergehälter finden bei Fördermaßnahmen keinerlei Berücksichtigung.

Wie lauten Ihre konkreten Forderungen?

Die sächsischen Tanzschulen benötigen zusätzlich zu den Bundeshilfen dringend weitere Wirtschaftshilfen seitens des Freistaats und der Kommunen, um den Kollaps der Branche noch abzuwenden. Die sächsischen Tanzschulen im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband e. V. fordern daher zur Vermeidung von Kurzarbeit zum Zwecke des weiteren Betriebs der Tanzschulen und zur Sicherung der
Unternehmen eine, Kurzarbeitergeld-Ersatzleistung' bzw. einen allgemeinen Personalkostenzuschuss. Diese Maßnahme soll in erster Linie Kurzarbeit und somit die weitere Abwanderung von Mitarbeitenden als Grundvoraussetzung für den Fortbestand der Branche verhindern. Die Förderung müsste, so unsere Forderung, rückwirkend zum 1. Januar 2021 beginnen und zunächst für die Dauer von drei Jahren laufen.

Und falls diese Hilfen nicht kommen?

Dann droht ein Totalausfall der Branche, die seit 300 Jahren das Bild der Gesellschaften in Zentraleuropa geprägt hat. Ohne die Tanzlehrenden wäre der Wiener Kongress mutmaßlich anders verlaufen, gäbe es keine Opernbälle, keinen Bundespresseball, keine Business-Knigge-Seminare, keinen Hochzeitstanz. Überhaupt hat Tanzen etwas mit Kultur und Bildung zu tun. Es geht um Umgangsformen, gegenseitigen Respekt und gegenseitige Anerkennung in der Gesellschaft. Das alles steht auf dem Spiel, wenn die Tanzschulen schließen.

Haben Sie persönlich schon mal daran gedacht, die Tanzschule Pötschke-Nebl in Pirna zu schließen?

Ganz ehrlich: Ja. Es gibt wirklich Tage, an denen ich eine gewisse Verzweiflung verspüre und nicht weiß, wie es weitergeht. Aber ich weiß auch, dass ich Verantwortung gegenüber meinem Team sowie für deren Familien habe. Viel hängt von dem Unternehmen ab. Ich mag nicht aufgeben. Die Tanzschule ist für mich wie mein Baby. Mut macht mir auch, dass viele unserer Tanzschüler uns unterstützen. Es gibt eine große Solidarität. Unter anderem haben wir zum Beispiel Spenden erhalten. Also lautet mein Fazit: Ich werde alles dafür tun, damit die Tanzschule überlebt. Dafür kämpfe ich gemeinsam mit meinem Team.

Und wie geht es konkret weiter?

Wir hoffen sehr, dass die geplanten Lockerungen der neuen Corona-Schutzverordnung es uns ermöglichen, unsere Kursprogramme anzubieten. Unser Team steht bereit und freut sich darauf, in unserer Tanzschule in Pirna durchstarten zu können.