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Willy Schulz erhält den Robert-Sterl-Preis 2021

Der junge Künstler Willy Schulz erzählt mit Dingen Geschichten und arbeitet gern mit Freunden.

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Willy Schulz, in seiner Ausstellung im Robert-Sterl-haus in Wehlen/Naundorf in der Sächsischen Schweiz
Willy Schulz, in seiner Ausstellung im Robert-Sterl-haus in Wehlen/Naundorf in der Sächsischen Schweiz © www.loesel-photographie.de

Von Uwe Salzbrennner

Willy Schulz baut Dinge nach. Lüftungskästen, Karosserien, Baseballschläger, Absperrungen. Die Skulptur eines Cowboys, die modellierten Körper von Löwen und Hunden. Manches entnimmt er der Realität: einen Fünferpack Sensenblätter, zwei Bomberjacken. Objekte, über die jeder glaubt, Bescheid zu wissen. All dies ergänzt Schulz durch weitere Dinge, die nicht ihre Funktion erfüllen oder nicht zum gewohnten, starken Bild gehören. Sie verändern die Erscheinung, zuweilen bis ins Gegenteil. Farbe auf dem Bullterrier zum Beispiel, die ihn in Segmente zerlegt, als wäre er ein Schlachttier. Ein Sensenblatt am Baseballschläger, das ihn unhandlich macht. Auf einmal ist die Installation augenscheinlich harmlos, jedoch hintergründig aggressiv. Wegen der Qualität dieser Kunst erhält der 30-Jährige den diesjährigen Robert-Sterl-Preis für Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Vor kurzem erhielt er bereits den Gustav-Weidanz-Preis für Nachwuchsbildhauer der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein.

Vom Porträt zur Skulptur

Schulz stammt aus Dresden, ist in den Stadtteilen Reick und Mickten aufgewachsen, in Plattenbau und Arbeiterviertel. Ein Grundinteresse an Kunst hat er daheim mitbekommen: Seine Mutter, Verkäuferin in der Drogerie, hat mit ihm regelmäßig Museen besucht. Eine erste Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten verschafft ihm jedoch weder Job noch Lebensinhalt. Also holt Schulz sein Abitur nach, bewirbt sich an vier Kunsthochschulen auf ein Studium und wird 2014 an der Hochschule für Bildende Künste seiner Heimatstadt genommen. Damals zeichnet er noch Porträts. Bald ist es ihm aber „angenehmer, sich skulptural auszudrücken“, wie er sagt, und dabei groß in Beton zu arbeiten. Er wechselt die Fachklasse, vom Maler Peter Bömmels zum Bildhauer Wilhelm Mundt. Ein weiterer Vorteil des Wechsels: Im Atelier auf der Pfotenhauer-Straße ist immer jemand da, man werkelt nicht allein. Schulz schätzt die Dynamik, die sich entwickelt; so entstehen Freundschaften. Die Arbeit mit Freunden, das Prinzip der gegenseitigen Hilfe setzt er auch außerhalb der Hochschule fort. Man darf getrost sagen: Sie wird zum Merkmal seines Schaffens. Schulz will sich in der Druckwerkstatt des Fotografen Andreas Ullrich etwas Geld verdienen und arbeitet bald im gesamten Umfeld mit, im Verein Deutschland & Friends e. V. und im Ausstellungsprojekt C. Rockefeller Center in der Dresdner Neustadt. Dort lernt er, indem er anderen hilft, Ausstellungen zu gestalten. Dort stellt er bald selbst aus, entwickelt Projektideen für andere.

Manchmal gibt es Schwierigkeiten: Für „La Scuderia“ (2018, mit Philipp Putzer) müssen sie mehrere Kubikmeter heißen Asphalt in den Ausstellungsraum schaufeln, ehe sie darauf die Haut eines Automobils ablegen können, die vorher einem Modell abgenommen wurde. Seit dem Vorjahr nutzt Schulz zudem mit vier ehemaligen Kommilitonen eine leere Motorenhalle in Neugersdorf als Atelier, die ihnen wiederum ein Freund vermittelt hat. In Leipzig, wo Schulz jetzt wohnt, hat er ebenfalls Freunde und dort in der „Kunsthalle Ost“ ausgestellt.

Willy Schulz im Robert-Sterl-Haus Naundorf: Sensenblätter und Bomberjacken - wer die Geschichte dahinter erfahren will, muss genau hinschauen.
Willy Schulz im Robert-Sterl-Haus Naundorf: Sensenblätter und Bomberjacken - wer die Geschichte dahinter erfahren will, muss genau hinschauen. © www.loesel-photographie.de

Sensen und Jacken

In diesem Umfeld muss Schulz eine feine Vorstellung von der Komplexität sozialer Konflikte entwickelt haben. Oder sollte man besser sagen: einen lauteren Zugriff auf Dinge, der Betrachtern Sensibilität abfordert? In diesem Jahr hat er, für eine Schau im Meißener Kunstverein, eine Grenzsperre ohne Grenze hingestellt. Für „Görlitz Art 2021/22“ eine Platte voll Löwen, die nach Verlusten bei der Massenproduktion fragt. Zur Diplom-Ausstellung im Herbst 2020 zeigte er die genannten Sensen und Jacken. Dazu eine Blutwanne, die ihre Funktion bloß behauptet, unbrauchbares Bergbaugerät und einen viel zu schweren Schlitten. Das Schöne an der gesamten Arbeit ist der historische Kommentar: Auf den Jackenrücken wird ein Staatsmann aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vorgestellt, der sich im Volk so verhasst gemacht hat, dass es nicht genügte, posthum den Sarg zu hängen. Ein wütender Mob hat ihn ausgegraben und die Leiche in einen Graben geschmissen. „Was mir wichtig ist“, sagt Willy Schulz, „ein Szenario zu erschaffen, in das sich der Betrachter reindenken kann. Eine Geschichte zu erzählen.“ In der Ausstellung zum Robert-Sterl-Preis sind Sensen und Jacken noch einmal zu sehen.

Die Schau erzählt vor allem eine Geschichte der Arbeit: die der Steinbrecher im Elbsandstein, wie sie Robert Sterl einst gemalt hat. Zwei Quader aus Faserplatten, mit Folie beklebt, sollen sie beglaubigen. Andererseits ist die Geschichte, wegen der schweren Plackerei damals, auch eine der Deformation. Schulz zeigt sie sowohl in der Form eines weiteren Objekts, als auch im Spuk verzerrter Gesichter, die sich an den Frontseiten der Quader zeigen. Ein Foto-Banner mit behelmten Bauarbeitern vor modernem Fahrzeug demonstriert den historischen Abstand. Der rostige Kettenzug gehört zur Hälfte schon zum Aspekt „Materialität“, der Schulz ebenso wichtig ist. Das offenbart er in drei Vitrinen: Wachs, Beton, Gips haben jeweils eigene Oberflächenreize und Anwendungsgeschichten. Eine davon ist, dass beim Kunstmachen — Abfall entsteht.

Seit 1997 vergeben die Sammelstiftungen des Bezirkes Dresden und die HfBK Dresden jährlich den Robert-Sterl-Preis für Meisterschüler. Die Ausstellung im Robert-Sterl-Haus Struppen/Naundorf (S-Bahnhof Stadt Wehlen) ist bis 28. November zu sehen, donnerstags bis sonntags 9.30 bis 17 Uhr.