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Lkw-Fahrer wegen Schleusung verurteilt

Neben einer vollen Ladung Melonen waren im Kühllaster 31 Migranten eingesperrt. Der Laster fiel zufällig auf.

Im Kühllaster auf Melonenkisten wurden 31 Männer nach Deutschland eingeschleust.
Im Kühllaster auf Melonenkisten wurden 31 Männer nach Deutschland eingeschleust. © Sven Ellger

Von Friederike Hohmann

Auf der Fahrt durch Europa passieren täglich Tausende Lkws die tschechisch-deutsche Grenze. Nur ein Bruchteil davon kann von Zoll und Bundespolizei kontrolliert werden. Eine reine Routinekontrolle war auf der A 17 am 15. Juli vergangenen Jahres zunächst auch für den Lkw mit türkischem Kennzeichen vorgesehen.

Der Anhänger, aus dem den Kontrolleuren kalte Luft entgegenkam, war bis fast unter die Decke mit Kisten voller Melonen beladen. Auffällig waren für die Zollbeamten allerdings abgebissene Melonenschalen im Laderaum. Deshalb schauten sie etwas genauer hin und entdeckten im hinteren Bereich, ganz oben auf den Kisten, in Decken gehüllte Menschen. Der Abstand zur Decke betrug weniger als ein Meter.

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Gemeinsam mit herbeigerufenen Bundespolizisten holten sie 31 Männer zwischen 18 und 47 Jahren aus dem Laster. Die überwiegend türkischen Kurden, drei Iraner, drei Syrer und ein Iraker waren durchgefroren und sichtlich erleichtert, endlich den dunklen kalten Laderaum verlassen zu können. Fast zwanzig Stunden hatten sie eingesperrt darin verbracht. Die Beamten fanden mehrere mit Urin gefüllte Plastikflaschen.

Route exakt rekonstruiert

Die Ermittler befragten die Eingeschleusten und den Fahrer, der noch am gleichen Tag in Untersuchungshaft kam, untersuchten gründlich die Daten auf deren Handys sowie die Spuren am Lkw und ließen mehrere Gutachten anfertigen. So lässt sich rekonstruieren, dass der Fahrer auf seiner Route von der Türkei kommend über Bulgarien nach Rumänien fuhr, die Männer dort in drei Gruppen in einem Waldstück in seinen Lkw steigen ließ und die Türen zum Auflieger zuschloss.

Von dort aus ging es entlang der Balkanroute über Ungarn, die Slowakei und Tschechien weiter nach Deutschland, ohne dass die Männer einmal ihr Versteck verlassen durften. Im Anhänger war es über längere Zeiträume hinweg nicht wärmer als 14 Grad Celsius. Ihre Notdurft erledigten sie in Flaschen.

Einer der Männer erlitt einen Nasenbeinbruch, der später operativ versorgt werden musste. Die Männer hatten sich unterschiedlich dazu geäußert, ob dies durch einen Sturz oder eine Schlägerei geschah. Sie hatten während der gesamten Fahrt keinerlei Kontakt zum Fahrer. Auf ihr Pochen in Richtung Fahrerkabine hatte er nicht reagiert.

Als die Menschen in dem Laster entdeckt worden waren, untersuchte die Bundespolizei das gesamte Fahrzeug und die Ladung gründlich.
Als die Menschen in dem Laster entdeckt worden waren, untersuchte die Bundespolizei das gesamte Fahrzeug und die Ladung gründlich. © Sven Ellger

Schon vor Erhebung der Anklage hatte der 57-jährige Fahrer Derviz Ö. alles, was die Ermittler herausgefunden hatten, zugegeben. So sind auch zur Gerichtsverhandlung nur Zeugen vom Zoll und von der Bundespolizei geladen, die dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Andreas Beeskow beschreiben, was sie an diesem Juliabend auf dem Rastplatz Am Heideholz vorfanden.

Ein Beamter berichtet von den Ermittlungen auf der Suche nach den Hintermännern. Wie in solchen Fällen üblich hat man auch dieses Mal nur den Fahrer als Täter erwischt. Auf der Suche nach den Hintermännern ergaben weder die Auswertung der Handys noch die Befragungen des Fahrers und der Geschleusten mehr als nur ein paar Vornamen.

Der Angeklagte Derviz Ö. ist ein kleiner hagerer Mann, dessen ergrauter Vollbart sich immer wieder seinen Weg am Mundschutz vorbei sucht. Er wirkt deutlich älter als ein Endfünfziger. Am Mittwoch hatte er nun die Möglichkeit, sich vor dem Gericht zu dem Vorwurf zu äußern, 31 Menschen unter erniedrigenden und gesundheitsgefährdenden Bedingungen nach Deutschland geschleust zu haben. Er sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl und beantwortet leise die Fragen, unterstützt vom Dolmetscher und von seinem Wahlverteidiger Bahattin Koyun aus Bielefeld.

Zwei Jahre und acht Monate Haft

Derviz Ö. lebt in einem kleinen Dorf im Süden der Türkei und fuhr bis zu seiner Verhaftung im Juli seit etwa zwölf Jahren regelmäßig Obst, Gemüse und Blumen nach Deutschland. Er fuhr auf eigene Rechnung. Pro Hin- und Rückfahrt verdiente er dabei insgesamt 300 Euro. Seine Frau brauche eine neue Herzklappe, die Operation sei teuer. Deshalb habe er Samed, dessen Nachnamen er angeblich nicht kennt, gebeten, ihm etwas zu leihen. Von dem sei der Vorschlag gekommen, für 500 Euro Menschen in seinem Lkw versteckt nach Deutschland zu bringen. In seiner Not sei er darauf eingegangen. Dabei habe es auch Kontakt zu einem Suleiman gegeben – Nachname selbstverständlich nicht bekannt.

Derviz Ö.s Auftrag war es, die Männer am verabredeten Ort aufzunehmen und in Deutschland nach dem ersten Tunnel herauszulassen. Bei Problemen sollten die Männer Samed anrufen. Der habe ihm dann mitgeteilt, er solle die Kühlanlage ausstellen und die Lüftungsklappen öffnen. Das habe er auch getan. Ansonsten habe er sich nicht um das Ergehen der Männer gekümmert. Inzwischen tue es ihm leid. Er bereue es sehr, dass er das getan hat. Das versprochene Geld habe er nicht erhalten.

Das Gericht verurteilt Derviz Ö. zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Bestraft wird damit die illegale Einschleusung vieler Personen. Erschwerend kommen die erniedrigenden und gesundheitsgefährdenden Bedingungen hinzu, da die Männer über viele Stunden in dem Lkw eingesperrt waren, auf engstem Raum, bei niedrigen Temperaturen und ohne die Möglichkeit, sich selbst zu befreien, . Derviz Ö. nimmt das Urteil an. Auch die Staatsanwältin verzichtet auf Rechtsmittel.

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