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Elbsandstein: Ausflug in den Tod

Vor 125 Jahren stürzten zwei Dresdner Mädchen vom Lilienstein. Ihnen wurde ein geschenktes Fernglas zum Verhängnis.

Die Absturzstelle der Fischer-Mädchen über dem Morgennebel des Elbtals. Von dem Gedenkkreuz ist im Vordergrund nur noch der Sockel erhalten.
Die Absturzstelle der Fischer-Mädchen über dem Morgennebel des Elbtals. Von dem Gedenkkreuz ist im Vordergrund nur noch der Sockel erhalten. © Andreas Fels

Von Andreas Fels

Conrad Fischer war Lagermeister in der königlichen Hofbuchdruckerei zu Dresden und hatte eines Tages einen tollen Einfall für seine Töchter. Mit feierlicher Miene verkündete er: „Mädels, packt ein paar Sachen zusammen. Wenn ich morgen von der Arbeit komme und für euch die Schule aus ist, fahren wir in die Sächsische Schweiz und übernachten auf dem Lilienstein!“

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Da war der Jubel groß und die 15-jährige Paula hatte mit ihrer zwölfjährigen Schwester Hannchen alles viel schneller besorgt, als die Zeit bis zur Abfahrt vergehen wollte. Am nächsten Tag war es endlich soweit. Von der Dresdner Wohnung in der Elisenstraße ging es auf in Richtung Königstein. Über die Stufen des Südaufstiegs hüpften die Mädchen, dass der Vater kaum nachkam. Am Abend des 27. Juni 1896 überreichte ihnen der Wirt des Liliensteins, Karl Friedrich Bergmann, den Zimmerschlüssel.

Doch was gab es da schon allein in der Gaststube alles zu bestaunen. Der aus Dresden stammende Wirt war gelernter Maschinist, hatte als solcher bei der kaiserlichen Marine in Kiel gedient und war ab 1882 von Hamburg aus viele Jahre zur See gefahren. Nach dem Tode seines Vaters 1894 hatte er die Liliensteinwirtschaft von diesem übernommen. Viele Kuriositäten wie Muscheln und Korallen aus Singapur, japanische Haus- und Tempelmodelle, asiatische Musikinstrumente, Waffen, Rüstungen sowie Bilder aus aller Welt hatte er nun in seiner Restauration ausgestellt.

Als das Abendessen serviert wurde, vermied Bergmann es allerdings, den Mädchen etwas von den nordamerikanischen Vögeln zu erzählen, die ihm sein Bruder als Gärtnereibesitzer in Brooklyn ab und zu für das „Naturbüffet“ schickte. Der Abend verrann und die Mädchen waren dankbar und glücklich.

Schwierige Bergung in der Felsenwelt

Für den Vormittag des 28. Juni hatte der Vater die Besichtigung des Liliensteins und am Nachmittag den Besuch der gegenüberliegenden Festung Königstein geplant. Nun kommt man mit jungen Mädchen an einem Sonntagmorgen bekanntlich recht schwer in die Gänge. Die Phase der Trennung von Bett und Frühstückstisch zog sich länger hin, als es dem Vater lieb war.

Erst gegen 11 Uhr hatte das Trio die Aussicht mit dem Obelisken für August den Starken erreicht. Der Vater hatte die beiden zuvor noch ausdrücklich belehrt: „Passt auf, wo ihr hintretet. Absperrungen sind dazu da, dass man sie auch beachtet und dort, wo es solche gar nicht gibt, habt ihr nichts zu suchen!“ Die beiden nickten artig, waren aber schon viel zu sehr mit der schönen Landschaft beschäftigt. Zudem hatte Paula erst kürzlich ein Fernglas geschenkt bekommen und lief weiter, während sie hindurchschaute.

Unbewusst näherten sie sich dem Rand des Plateaus in einem Bereich ohne Geländer. Plötzlich ein Schrei. Paula war fehlgetreten und versuchte sich instinktiv an Hannchen festzuhalten. In Bruchteilen einer Sekunde waren beide in der Tiefe verschwunden. Die Kunde vom Unglück verbreitete sich schnell in der Umgebung. Aus Halbestadt eilten der Steinbrecher Emil Synde und aus Ebenheit der Landwirt Bruno Liebethal herbei. Beide waren gute Kletterer und kannten sich in der Gegend aus. Der örtlichen Beschreibung nach wussten sie sofort, wo sie zu suchen hatten.

Ausschnitt der farbigen Postkarte mit dem Porträt der beiden Fischer-Mädchen, die der Liliensteinwirt Bergmann in Auftrag gegeben hatte, um an das Unglück von 1896 zu erinnern.
Ausschnitt der farbigen Postkarte mit dem Porträt der beiden Fischer-Mädchen, die der Liliensteinwirt Bergmann in Auftrag gegeben hatte, um an das Unglück von 1896 zu erinnern. © Andreas Fels

Paula wurde bald rund 100 Meter unterhalb der Absturzstelle gefunden. Sie hatte so schwere innere Verletzungen, dass sie noch vor Ort verstarb. Die Bergung von Hannchen gestaltete sich wesentlich schwieriger. Sie lag auf einem Absatz in rund 25 Metern Höhe. Eine Bergung war nur mit Seilen und Leitern möglich. Erst nach 2 Stunden gelang es den beiden Helfern, das tote Hannchen zu bergen. Sie hatte schwerste Schädelverletzungen und war wohl schon kurz nach dem Aufprall gestorben. Ein herbeigerufener Arzt stellte den Tod der beiden Mädchen fest und die Königsteiner Feuerwehr kümmerte sich um die Überführung. Für die Hinterbliebenen und die beiden Helfer wurde eine Geldsammlung eingerichtet.

Am 1. Juli 1896 fand die Beerdigung der beiden Schwestern auf dem Friedhof in Königstein statt. Eine große Trauergemeinschaft aus Dresden, Königstein, Halbestadt, Ebenheit und die Familie Bergmann vom Lilienstein hatten sich eingefunden. Zwei weiße Särge standen in der kleinen Kapelle und waren mit Kränzen und Blumen bedeckt. Viele Mitschülerinnen der beiden Mädchen waren zugegen und Helene Andrae, eine Klassenkameradin von Hannchen, legte offiziell und stellvertretend für die Schülerinnen der 1. Bezirksschule Dresden ein Gesteck aus Palmenzweigen am Grabe nieder.

Gedenkkreuz an der Absturzstelle

Der Königsteiner Pfarrer Paul Alexander Schultheis hielt eine ergreifende Trauerrede. Darin sprach er davon, dass die beiden Mädchen gehofft hatten, im herrlichen Naturgenuss eine Gottesfreude zu erleben und nun sei aus der schönen Gegend eine Trauerstätte geworden. Selbst sichtlich bewegt gab der Pfarrer zwei Rosenblüten in das frische Grab mit den Worten: „Des Menschen Herrlichkeit ist nicht dauernder als eine Blume, die verwelkt und ihre Stätte erkennt man nicht mehr.“

Mit dem Gebet des „Vaterunser“ schloss er die Trauerfeier. An der Absturzstelle wurde ein Gedenkkreuz errichtet, von welchem heute nur noch der Sockel erhalten ist. Der Wirt vom Lilienstein Karl Friedrich Bergmann gab in der „Graphischen Kunstanstalt von Markert & Sohn“ in Dresden eine Ansichtskarte mit einem colorierten Foto des Liliensteins, der Absturzstelle und einem Porträt der Fischer-Mädchen in Auftrag.

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