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Biebersteins abgelaufenes Land

600 Kilometer von Rostock bis Pirna: Wie der Weg fast dreimal scheiterte, der Läufer zum Dieb wurde, einen Schutzheiligen traf und Bier schnorrte.

Wolfgang Bieberstein hat seine Wanderung von Nord nach Süd immer vor Augen: In seiner Wohnstube hat er diese Tafel aufgehängt und hier schreibt er nun auch sein Buch.
Wolfgang Bieberstein hat seine Wanderung von Nord nach Süd immer vor Augen: In seiner Wohnstube hat er diese Tafel aufgehängt und hier schreibt er nun auch sein Buch. © Daniel Schäfer

Wer eine Reise macht, kann etwas erzählen. Aber nur wo man zu Fuß hingegangen ist, ist man wirklich gewesen. Wer das Zweite macht, kommt automatisch zum Ersten. Wolfgang Bieberstein ist jetzt zwischen Zweitens und Erstens. Der 72-jährige Pirnaer ist von Rostock nach Pirna gelaufen und schreibt nun seine Begegnungen, Erlebnisse, Gedanken dieses Fußmarschs auf. Sie werden als Buch mit dem Titel "Mein abgelaufenes Land" erscheinen.

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Der Titel ist sein Motto. Abgelaufen ist doppel- und sogar dreideutig. Laufen im eigentlichen Sinne des Fußweges, abgelaufen als vorbei und das einerseits auf sein Leben und auf die vergangenen 30 deutschen Jahre und das eine Corona-Jahr bezogen. Was ein bisschen ernst klingt, denn natürlich ist das Leben noch nicht vorbei, ist eine Reise mit viel Humor auch in der Nachdenklichkeit. Wolfgang Bieberstein ist auf seinem Weg zum Sänger und Dieb geworden, wurde gerettet und gekidnappt, hat Grenzen entdeckt, sein Land und sich selbst.

Fast vorbei, als es gerade erst losging

Wolfgang Bieberstein hat in seiner Wohnstube die ganze Reise auf ein großes Plakat gebracht. Dort kleben die Kartenausschnitte, auf denen er seinen Fuß- und Bahnweg markiert hat, die zwei feststehenden Brückenköpfe, wie er sie nennt, und drumherum ein paar markante Informationen.

Als es losging, wäre es schon fast wieder vorbei gewesen. Die Erfahrung in Klein-Grenz war grenzwertig. Nach einer durchfrorenen Nacht, es waren vier Grad, wie er später erfuhr, erwischte ihn ein Landregen. Kein Bäcker und kein Kaffee weit und breit. Auch nicht in Groß-Grenz. Bieberstein stieg vom Laufen auf die Bahn um, machte einen Bogen und übersprang zwei Etappen. Wichtig war, dass er Schwerin erreichte. Dort wurde er in einer Biedermeier-Pension belohnt und belohnte die anderen Gäste, als er morgens sang.

Der Wanderstock als Propeller

Vorbei wäre es vielleicht auch gewesen, wenn ihn am Rinower Bogen nicht ein etwa Gleichaltriger mit dem Auto mitgenommen hätte. Es waren nur drei Kilometer und drei Minuten, die im Buch eine Geschichte ergeben werden. Der Mann hatte mit dem Pkw neben Bieberstein gehalten und ihn auf den gefährlichen Weg aufmerksam gemacht. Die Erfahrung, dass es sich an Bundesstraßen besser laufen lässt als an Kreisstraßen, hatte er schon gemacht. Letztere sind schmaler, haben einen geringeren Bankettstreifen und sind kurviger. Genau so eine Straße waren die drei Kilometer. Auf denen entdeckten der Wolfgang und der Georg, so hieß der Retter, einen gemeinsamen Bekannten in Pirna. Als Bieberstein bei Georg aus dem Auto stieg, erinnerte er seinen Retter daran, dass Georg einer der Schutzheiligen ist. Bei dem Bekannten in Pirna ist er inzwischen schon gewesen. "Solche Verbindungen entstehen auf solchen Reisen."

Der Weg in Zahlen:

  • Start am 25. Mai, Ziel am 19. Juni.
  • Täglich im Schnitt 22 Kilometer zurückgelegt.
  • Drei Bundesländer durchquert: Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen.
  • Insgesamt 600 Kilometer, davon 400 zu Fuß.
  • Acht Zeichnungen, 43 Fotos und 315 Seiten Notizen.
  • Zehn Übernachtungen im Zelt und 15 in Gebäuden.
  • 50 Städte durchlaufen.
  • Kosten: rund 600 Euro.

Wolfgang Bieberstein ist nicht das erste Mal gelaufen und hat doch wieder auch mehr über das Laufen gelernt. Wie man sich auf den Spazierstock stützt und so den Rücken entlastet, wie man den Garten lobt und so ein Bier bekommt und den Wanderstock als Propeller benutzt, um sich den Schwarm Waldmücken vom Halse zu halten.

Als sich die Zehe verabschieden wollte

Das Laufen ist der Weg, der erst beim Gehen entsteht und auf dem niemand einen überholen kann, weil der eigene Weg unverwechselbar ist. Bieberstein wusste, wohin er wollte, wieder nach Hause in sein geliebtes Pirna. Der Weg dahin waren nicht die 600 Kilometer, sondern die Stationen. Die, an denen er Menschen traf und die, an denen er die Begegnungen mit ihnen und seine Gedanken in sein Büchlein schrieb. Das passte in die Hosentasche und ist zweigeteilt. Auf der linken Seite stehen die protokollarischen Fakten, rechts die Geschichten.

Geschichten wie die der linken kleinen Zehe. Die hätte die Tour fast ein drittes Mal vor dem Ziel beendet. "Es war Tag 17, als sie sich verabschieden wollte", sagt Bieberstein. In Luckau wurde die Zehe "saniert", sodass sie und Bieberstein es bis nach Hause schafften.

Wie Corona dem Gratis-Dieb half

Vorher aber wurde er noch zum Dieb. Tatsächlich. Es scheint unglaublich. Aber vielleicht gilt der Diebstahl eines Stiftes bei einem Reiseschriftsteller, als den seine Visitenkarten ihn auswiesen, ja als Mundraub. An alles hatte Bieberstein gedacht. Auch an die Reservestifte. Doch die lagen ganz unten im Rucksack. Schließlich dachte er nicht, dass er schon einen fast leeren mitnimmt. Der war dann bereits in Rostock, am Ort seines Startes, zu Ende. Da kam ihm Corona zu Hilfe.

Offene Geschäfte fand Bieberstein nicht. Aber eine Bibliothek, vor der ein Tisch stand, weil man vor dem Besuch seine Kontaktdaten eintragen musste. Und dazu gehörte ein Stift. Der aber war angebunden. Bieberstein entwickelte eine ungeahnte kriminelle Energie, zückte sein Taschenmesser, schaute in alle Richtungen, dass ja keiner schaut und zack war der Stift abgeschnitten. Er nahm sich anschließend aber noch so viel Zeit, seinen leeren Stift anzubinden. Zu seiner Entlastung kann angeführt werden, es handelte sich um einen billigen Stift mit Papphülle, auf dem "Gratis e.V." stand. Es war also nicht richtig gestohlen.

Wenn Bieberstein dass alles so schreibt, wie er es erzählt, wird es ein kurzweiliges Buch mit einer Botschaft: Der vom eigenen unverwechselbaren Weg, den jeder geht. Egal ob nun zu Fuß oder anders.

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