merken
PLUS Pirna

Crystal-Dealer mit Briefmarken bezahlt?

Ein 55-Jähriger, der nur ALG II empfängt, wird mit Drogen, mehreren Tausend Euro und Briefmarken erwischt. Woher das Geld stammt, versucht das Gericht zu klären.

Symbolfoto: SZ
Symbolfoto: SZ © Robert Michael

Von Friederike Hohmann

Es war nur eine Routinekontrolle. Für einen 55-jährigen Deutschen sollte diese jedoch ein juristisches Nachspiel haben. Der Mann wurde im Januar letzten Jahres auf der Autobahn 17 in einem Taxi mit tschechischem Kennzeichen von der Bundespolizei angehalten und kontrolliert. Als die Beamten seine Personalien überprüften, stellte sich heraus, dass nach ihm gefahndet wurde.

Anzeige
Haben Demokraten Feindbilder?
Haben Demokraten Feindbilder?

Professor Armin Nassehi der LMU München spricht in einer kostenfreien Online Diskussion am 9. März über die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Ulrich S. hätte bereits im August 2019 eine Haftstrafe antreten sollen - nicht zum ersten Mal. Dem Besuch im Gefängnis hatte er sich jedoch durch Flucht entzogen. Die Bundespolizisten schauten deshalb genauer hin und fanden bei dem Mann im Taxi 1,46 Gramm Meth-Amphetamine, auch als Crystal bekannt. Zudem trug er mehrere Tausend Euro Bargeld und auffällig viele Briefmarken mit sich. Konkret waren es 5.621 Euro und Briefmarken im Wert von 229 Euro.

Zur Herkunft des Geldes konnte S. zunächst keine Angaben machen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 55-Jährige durch Diebstahl oder Hehlerei mit Betäubungsmitteln an das Geld kam. Als ALG-II-Empfänger könne er gar nicht legal über so viel Geld verfügen.

Über 20.000 Euro aus Heimkinderfonds

Das stellte Ulrich S. vor dem Amtsgericht in Pirna nun anders dar und versucht dies durch zahlreiche mitgebrachte Dokumente zu belegen. Demnach hatte er 2012 einen Antrag auf Entschädigungszahlungen aus dem sogenannten Fonds „Heimerziehung in der DDR“ gestellt. Ab März 2016 erhielt er aus dem Topf in mehreren Tranchen insgesamt 16.700 Euro. Im September 2017 flossen noch einmal 5.700 Euro an ihn.

Mit dem Geld sollte S. seine Wohnsituation verbessern und Kleidung sowie andere Gegenstände des täglichen Bedarfs finanzieren. Ein Teil des Betrags erhielt er als Direktzahlungen. In der Regel sollte der Mann jedoch Rechnungen vorlegen, die ihm dann erstattet wurden. Von diesem erstatteten Geld hätte er einiges zusammengespart. Das Bargeld hätte er - wenn er wieder einmal seine Wohnung aufgeben musste - in einer Kassette zusammen mit seinem Hab und Gut in einem Lager aufbewahrt. So gibt er es vor Gericht an. Auf seiner Flucht vor der Justiz hätte er das Bargeld und die zu verschiedenen Zeiten gekauften Briefmarken immer mit sich geführt.

Zeugen sollen Widersprüche klären

Dabei hätte sich Ulrich S. sowohl in Tschechien als auch in Deutschland aufgehalten, in verschiedenen Pensionen oder bei Bekannten gewohnt. Das Gericht wird das nachprüfen. Die Besitzerin einer Pension in Dresden soll bei einem weiteren Termin vor dem Pirnaer Amtsgericht Mitte Februar als Zeugin befragt werden, denn die Angaben von Ulrich S. sind in der Verhandlung mehrmals widersprüchlich. Auch möchte das Gericht herausfinden, wieviel Geld er bei seiner letzten Haftentlassung auf seinem Haftkonto hatte. Da er danach von ALG II lebte, hätte er später, in den Monaten der Flucht, nur über den entsprechenden Betrag verfügen können.

Bis zum neuen Verhandlungstermin bleibt Ulrich S. weiter in der Justizvollzugsanstalt in Bautzen. Zuletzt wurde er zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna