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Wie es sich mit einem Skelett unterm Esstisch lebt

So weit kann Interesse für Archäologie gehen: Bernd Aurisch steht in Bosewitz auf einem wiederentdeckten mittelalterlichen Friedhof.

Wer darf schon auf einem Friedhof wohnen?
Stolz zeigt Bernd Aurisch seine Unterlagen der Ausgrabungen.
Wer darf schon auf einem Friedhof wohnen? Stolz zeigt Bernd Aurisch seine Unterlagen der Ausgrabungen. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Sofort glänzen seine Augen, wenn Bernd Aurisch auf „seinen“ Friedhof angesprochen wird. Die Friedhof-Geschichte hat ihren Anfang in den 1980er-Jahren. Für Archäologie habe er sich schon immer interessiert, erzählt er. Er arbeitete in Dresden im Coselpalais in einem Planungsbüro als Tiefbauingenieur. Nebenan vor der Ruine der Frauenkirche gruben sich die Archäologen durch Überreste eines mittelalterlichen Friedhofes. Zum Frühstück saßen die Ingenieure ab und zu mit den Archäologen zusammen und hörten deren interessantesten Geschichten über die Grabungen.

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Diese Bekanntschaft hat Bernd Aurisch das Gefühl für die Sensibilität für Funde solcher Art gelehrt. Er hatte schon immer geahnt, dass mehr als ein paar Knochen und ein tönernes Gefäß im Boden seines Gartens ruhen. Die hatte er 1992 im Hof hinter seinem Elternhaus in Bosewitz gefunden, als er eine Heizungsleitung zum Nebengelass verlegen wollte. Das Landesamt für Archäologie stellte die Funde seinerzeit lediglich sicher.

2014 stürzte Bernd Aurisch bei der Kirschernte vom Baum und verletzte sich schwer. Er blieb unterhalb der Brustwirbel gelähmt. Lange dauerte es, bis sich sein Leben wieder im völlig veränderten Alltag zurechtfand. Der Rollstuhl wurde zum täglichen Begleiter. Für ihn und seine langjährige Partnerin begann nicht nur ein neues Leben, er gewann auch seine Lebensfreude und seinen Tatendrang zurück. Im Sommer 2015 begannen sie, im Garten seines Elternhauses ein rollstuhlgerechtes Eigenheim zu bauen. Es war einer der ersten Baggerhübe, der wieder ein tönernes Gefäß zutage brachte. Binnen kürzester Zeit wurde aus Aurischs Baustelle ein archäologisches Grabungsfeld.

Eines der freigelegten Kopfnischengräber.
Eines der freigelegten Kopfnischengräber. © Landesamt für Archäologie

Wo lag das Dorf der Menschen?

Stück für Stück, Meter für Meter wurden behutsam die obersten Bodenschichten abgezogen. In Bernd Aurischs Garten war man auf einen hochmittelalterlichen Friedhof gestoßen. Binnen wenigen Wochen wurden 17 Grabgruben und Skelettmaterial von 18 Menschen freigelegt. Die großenteils vollständig erhaltenen Skelette waren in mit Plänersteinplatten umrandeten Gräbern bestattet worden.

Seit 900 Jahren ruhten diese Toten hier. Waren es Slawen gewesen oder gehörten sie zu den ersten Deutschen, die hierher eingewandert waren? Die gefundenen Gefäße deuten auf slawische Kultur. Beeindruckend waren die steinernen Kopfnischen: aus Steinplatten gelegte Kästen, in denen der Kopf ruhte. Ein wichtiges Detail für die zeitliche Einordnung.

Fasziniert blättert Bernd Aurisch am Esstisch in seinen Unterlagen von damals und zeigt die Fotos, die er von den Ausgrabungen gemacht hat. Bis heute rätselt er, wo das Dorf dieser Menschen gelegen hat. Sollte es einen Zusammenhang mit den gefundenen Besiedlungsresten auf der A17-Trasse im Rietzschke-Tal geben? Bernd Aurisch glaubt daran.

Eines der Urnengefäße, die in Aurischs Garten gefunden wurden.
Eines der Urnengefäße, die in Aurischs Garten gefunden wurden. © privat

1.000 Jahren Geschichte ganz nah

Ein Toter, so erzählt er, habe an beiden Unterarmen fehlerhaft zusammengewachsene Brüche gehabt. Der Mensch, der solche Verletzungen hatte, konnte seine Hände nicht benutzen, musste gepflegt und gefüttert werden. Das zeigt doch, wie sozial diese Menschen miteinander umgegangen sind, sagt Aurisch.

Ob heute noch Tote unter seinem Haus liegen? "Natürlich", sagt er und zeigt lächelnd in seine Küche. "Da liegt einer." Und das Skelett auf dem Bild müsste hier ziemlich unterm Esstisch liegen. Es sind nur dort die Toten entnommen worden, wo das Fundament des Hauses hin musste.

Eine verrückte Situation, fast makaber. Bernd Aurisch und seine Frau haben damit umzugehen gelernt. Sie haben Respekt vor den Toten. Und sie sind stolz, dass dieses Gräberfeld hier in ihrem Zuhause gefunden und wissenschaftlich untersucht wurde. Das macht sein Haus doch zu etwas ganz Besonderem, sagt er. Wenn Besuch da ist, dann kommt er nicht drumherum und muss die Geschichte von seinem Friedhof unterm Haus erzählen.

Auch im Garten zeigt Aurisch hier und da hin. "Überall lagen sie. Ein richtiger Friedhof eben", sagt er. Wenn das Wetter entsprechend düster ist, spürt man den feuchten kalten Nebel und hört die Krähen krächzen. Ganz wie man sich den Totenacker im Mittelalter so vorstellt. Annähernd tausend Jahre Geschichte, das beeindruckt und hier ist man dem ganz nah. Nur das ferne Rauschen der A17 als Gruß des 21. Jahrhunderts passt nicht so recht.

Den alten Poststraßenweg wieder herstellen

Bernd Aurisch findet die Geschichte der Heimat spannend - und unnötig, wenn Altes unwiederbringbar verschwindet. Der Weg hinter seinem Haus, den es seit Urzeiten gab und der hinunter zur Rietzschke und der alten böhmischen Poststraße führte, endet nach 200 Metern, weil er im Zuge des Plantagenbaus zu DDR-Zeiten verschwand. Das ärgerte und ärgert nicht nur ihn, denn damit wurde eine seit jeher bestehende Wegebeziehung als alter Poststraßenweg beseitigt. Über die Wiederherstellung würde er sich sehr freuen. Deshalb bemühte er sich bei der Stadt Dohna um die Aufnahme „seines Weges“ in das historische Wegebestandsverzeichnis. Vielleicht kommen ja eines Tages wieder die Wanderer vom Tal der Rietzschke hinauf zu seinem Haus und zum Mittelalterfriedhof von Bosewitz.

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