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Pirna: Zwei Schwerkranke machen sich gegenseitig eine Freude

Eine Pirnaerin hatte eine besondere Bitte zu erfüllen. Sie wurde für die Beteiligten zu einer Erfahrung, die auch Gesunden etwas bringt.

Von Heike Sabel
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Gemeinsam singen in Corona-Zeiten: Eigentlich nicht möglich, doch für zwei Schwerkranke ging der Wunsch in der Erfüllung.
Gemeinsam singen in Corona-Zeiten: Eigentlich nicht möglich, doch für zwei Schwerkranke ging der Wunsch in der Erfüllung. © dpa

Der Mann und die Frau, um die es hier geht, kennen sich von einer Weltgebetsgruppe, doch hatten sich etwas aus den Augen verloren. Dann erfuhr er von ihr durch einen Beitrag auf Sächsische.de. Er, der seit vergangenem Sommer weiß, dass er einen Hirntumor hat, sie, die sterbenskrank ist und sich auf ihren Tod vorbereitet. Sein spontaner Gedanke: Ich möchte für sie Gitarre spielen.

Kerstin Franke vom Pirnaer Verein Lebenswerte kennt beide und beide kennen sie. Sie begleitet und betreut Schwer- und Sterbenskranke beruflich für den Lebenswerte-Verein und vermittelte nun. Die erste Reaktion von Frau Heinrich: Da hat er eine Aufgabe. Kerstin Franke war berührt. Sie dachten beide zuerst an den anderen, sagt sie. Doch wie diese Freude organisieren? Es war im November vergangenen Jahres. Corona, Einschränkungen, zwei kranke Menschen, für die eine Ansteckung noch schlimmere Folgen haben könnte. Frau Heinrichs Kraft lässt nach, sie reicht nur noch für wenige Stunden am Tag.

Singen gegen die Angst

Alle drei fanden mit dem Mann von ihr und der Frau von ihm einen Weg. Mit tagesaktuellem Corona-Test, mit viel Platz zwischen den fünf Personen. Gemeinsam wurden Lieder von Weltgebetstreffen und Weihnachtslieder gesungen. "Es war ein Singen gegen die Angst, die wir alle in den Momenten vergessen konnten", sagt Kerstin Franke. "So unbeschreiblich schön, wir waren alle so beseelt und glücklich." Sie wiederholten den Nachmittag kurz vor Weihnachten.

Kranke sind mehr als krank

An diesem Tag geschah für Kerstin Franke etwas, was sie ihre Weihnachtsgeschichte nennt. Das Friedenslicht, das sie ihr vorher mitgebracht hatte, war ausgegangen. Kerstin Franke wusste nicht, wie sie ein neues sicher zu Frau Heinrich bringen konnte. Ohne von dem erloschenen Licht zu wissen, hatten der Mann und seine Frau zum zweiten Singetreff ein Friedenslicht für Frau Heinrich mitgebracht. "Die Freude war für uns alle so groß", sagt Kerstin Franke.

Sie denkt noch immer oft an diese Begegnungen, das gemeinsame Singen. Dass es dabei um zwei kranke Menschen ging, war der Ausgangspunkt und rückte doch irgendwie in den Hintergrund. "Ein kranker Mensch ist mehr als krank, ihn darauf zu reduzieren, nimmt ihm etwas."

Dankbar für die gemeinsame Entscheidung

Es war natürlich ein Abwägen im Vorfeld. Wie groß ist das Risiko und wie groß die Freude eines solchen Treffens. "Wir haben es dann gemeinsam entscheiden und sind alle froh und dankbar dafür", sagt Kerstin Franke. Sie besucht Frau Heinrich jede Woche. Sie kennen sich schon lange, sind Freundinnen. Für Kerstin Franke eine besondere Situation. "Doch ihr Umgang mit der Krankheit, dem nahenden Tod macht es einem leicht, mit ihr über alles zu sprechen." Und natürlich reden sie nicht immer nur darüber.

Kerstin Franke weiß, wie wichtig es für so schwerkranke Menschen ist, sich auf den Tod vorzubereiten, alles zu ordnen. Das erschreckt andere mitunter, für die Betroffenen aber bedeutet es Beruhigung und Erleichterung. Eine Frau hat, bevor sie ins Krankenhaus ging, ihren Kimono gebügelt. Sie wusste, sie kommt nicht mehr zurück. In dem Kimono wollte sie beerdigt werden.