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Nicht nur der Wolf macht es den Mufflons schwer

Sie sind bescheiden, weltoffen und werden immer weniger: Umso erstaunlicher war jetzt eine große Herde Muffelwild bei Börnersdorf.

Die Kälte tut den Mufflons nichts. Sie haben ganz andere Widersacher.
Die Kälte tut den Mufflons nichts. Sie haben ganz andere Widersacher. © Egbert Kamprath

Ein Mufflon kommt selten allein. Das hat seine Gründe. Doch so viele auf einer Stelle wie jetzt zwischen Börnersdorf und Wingendorf ist selten. Aber auch das hat seine Ursachen. Obwohl die Autobahn in der Nähe ist, kamen den Wildschafen hier die Menschen nicht zu nahe. Das war bei dem Winterwetter der vergangenen Tage an vielen Stellen der Fall, wo die Mufflons sonst vor den Menschen sicher sein konnten. Nirgends sicher sind sie vor dem Wolf. Das ist ihr Hauptfeind und der Hauptgrund, weshalb die Mufflons wieder vom Aussterben bedroht sind. Trotzdem dürfen sie geschossen werden. Zwischen August und Januar.

Jäger Bernd Hohlfeld aus Schlottwitz hat im vergangenen Jahr auch zwei Mufflons bei Maxen geschossen. Abnehmer waren Gaststätten. Hohlfeld beobachtet immer wieder größere Rudel mit um die hundert Tiere auf der rechten Müglitztalseite. Im Landkreis konzentriert sich das Muffelwild dem Landratsamt zufolge vor allem rund um Bahretal, Bad Gottleuba-Berggießhübel, Liebstadt und Klingenberg.

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So viel Muffelwild wurde in den jeweiligen Jagdjahren im Landkreis geschossen:

  • 2015/16: 253
  • 2016/17: 277
  • 2017/18: 223
  • 2018/19: 272
  • 2019/20: 208

Für die Abschussperiode 2019 bis 2022 sind 1.161 Muffelwild bestätigt. Dabei variiert die Anzahl zwischen sechs in Revieren, in denen Muffelwild hauptsächlich als Wechselwild vorkommt, und 72 Stück in Revieren, in denen die Bestände überhand nehmen.

Den Wölfen ausgeliefert

Die Mufflons waren vor der letzten Eiszeit schon mal da, kamen dann zwischen dem 17. und frühen 20. Jahrhundert von einigen Mittelmeerinseln wieder nach Mitteleuropa. In den 1980er-Jahren wurden sie wieder ausgewildert, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Bei Liebstadt zum Beispiel und bei Polenz/Ehrenberg. Dort waren es 1980 sechs bis acht Tiere, sagt Karl-Heinz Böhme, der Vorsitzende des Jagdverbandes Sächsische Schweiz. Sie hatten sich ganz schön ausgebreitet. Doch inzwischen seien nicht mehr viele davon da. Einige wenige gebe es auch rund um Ulbersdorf und Lichtenhain. "Es wären noch genug da, wenn der Wolf nicht da wäre."

Diese Tendenz bestätigt Prof. Dr. Sven Herzog, Lehrstuhlinhaber Wildökologie und Jagdwirtschaft der Technischen Universität Dresden. "Wo der Wolf vorkommt, nimmt das Mufflon ab", sagt er. Der Wolf hat es relativ leicht mit dem Mufflon, weil es an diesen nicht angepasst ist. Schließlich gibt es auf den heimatlichen Mittelmeerinseln der Mufflons keine Wölfe. Also wissen sie auch hier nichts mit ihnen anzufangen bzw. sich zu wehren.

Internationalität macht Tiere sympathisch

Aber nicht aus Mitleid haben es die Wildschafe Herzog angetan. "Es ist die 'Internationalität' der Tiere, die sie ihm gerade hier in Sachsen sympathisch machen", sagt er mit einem Augenzwinkern. International heißt, Tiere der gleichen Art leben in den unterschiedlichsten Lebensräumen rund um den Erdball, in Wüsten Nordamerikas ebenso wie in den zentralasiatischen Gebirgen.

Auch wenn in unseren Breiten der Wolf die Mufflons zunehmend auf dem Gewissen hat, manche seien darüber gar nicht so traurig, sagt Herzog. So seien die Mufflons, ähnlich wie Reh- oder Rotwild, bei den Forstleuten nicht so gern gesehen. Da geht es im Wesentlichen um Verbiss an jungen Bäumen. "Noch weniger gern gesehen sind die Mufflons von manchem Naturschützer", sagt Herzog. "Der Naturschutz in Deutschland ist da recht konservativ und lehnt Arten, die nicht ursprünglich bei uns heimisch sind, generell ab." Deshalb versuche man oft, Mufflons in großen Schutzgebieten, etwa Nationalparks auszurotten. "Ob das sinnvoll ist, darüber kann man lange diskutieren."

Menschen stressen Mufflons

Mufflons sind recht bescheiden. Sie fühlen sich in Landschaften mit Wald und Wiesen und etwas felsigem Terrain wohl. Die Sächsische Schweiz ist da grundsätzlich schon gar nicht schlecht. Und die Mufflons sind ihrem Standort sehr treu. Es gibt Beispiele, da sie über Jahre hinweg einen Bach oder eine Straße nicht überschritten. Vor allem durch intensives Bejagen auf sogenannten Drück-Stöber-Jagden mit Hunden haben die Tiere aber oftmals diese Grenzen überschritten und sich weiter ausgebreitet.

Während die Mufflons mit der Kälte der vergangenen Tage und Wochen kein Problem hatten, bereiten ihnen die Menschen und freilaufende Hunde Stress. Genau das war durch die vielen Wanderer und Skiläufer der Fall. Der Stress führt bei den Mufflons dazu, dass sie ihre Energiereserven aufbrauchen. Um sie wieder aufzufüllen, machen sie sich auch an Waldbäumen zu schaffen, was dann wieder den Forst ärgert.

Obwohl sich Mufflons gern in Herden zusammentun, diese Herde vor ein paar Tagen auf einem freien Feld zwischen Börnersdorf und Wingendorf unterhalb der Autobahn A17 war in dieser Größe etwas Besonderes.
Obwohl sich Mufflons gern in Herden zusammentun, diese Herde vor ein paar Tagen auf einem freien Feld zwischen Börnersdorf und Wingendorf unterhalb der Autobahn A17 war in dieser Größe etwas Besonderes. © Egbert Kamprath

Die einen mögen die Mufflons also, die anderen nicht. Sie schaden nicht direkt, bringen aber bis auf den Esser keinen besonderen Nutzen. Herzog mag das Denken in solchen Kategorien nicht. "Wir sollten im 21. Jahrhundert nicht mehr so denken, auch wenn ein Teil der Landnutzer - also wir Menschen - das leider immer noch so sieht."

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Herzog bricht eine Lanze für die Mufflons. "Man könnte sie, um den etwas zeitgeistigen Begriff der Ökosystemdienstleistungen ins Spiel zu bringen, zusammen mit anderen Arten sehr gut im Naturschutz und in der Landschaftspflege zur Offenhaltung von Flächen einsetzen." Dafür werden heute häufig noch Maschinen oder Haustiere als Weidetiere eingesetzt. "Mit Wildtieren wie den Mufflons könnte das allerdings naturnäher funktionieren", sagt Herzog.

Ob das den Wolf abhält, sich ihrer zu bedienen?

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