merken
PLUS Pirna

Mit dem Virus kommt der Alkohol wieder

Persönliche Probleme, gesellschaftliche Krisen - die Gründe für die Flucht in die Drogen sind verschieden. Was ist aber, wenn keine Hilfe mehr da ist?

Wenn es nicht bei einem Bier bleibt: In der Corona-Krise wird mehr Alkohol getrunken.
Wenn es nicht bei einem Bier bleibt: In der Corona-Krise wird mehr Alkohol getrunken. © dpa

Wenn alles schließt, ahnt Dagmar Mohn, kommt wieder mehr Arbeit auf sie zu. So war es im Frühjahrs-Lockdown und nun wieder. Sie leitet die Suchtberatung der Diakonie in Pirna und steht inzwischen selbst vor einem Problem: Der Zukunft der Beratung. Trotz steigender Beratungszahlen sind finanzielle Kürzungen im Gespräch. Nicht nur im Landkreis. Deshalb gibt es am 4. November einen bundesweiten Aktionstag. Die Pirnaer Beratungsstelle hat aus diesem Anlass eine Broschüre herausgegeben. Für die bat sie ehemalige Suchtkranke, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. "Wir haben mit zehn, 15 Texten gerechnet, am Ende waren es über 70", sagt Dagmar Mohn. Knapp 30 von ihnen wurden als Mutmacher-Berichte veröffentlicht. Hier drei davon:

René, 38, Monteur

Mit acht Jahren habe ich begonnen zu rauchen, mit 14 Jahren kam Cannabis dazu und später chemische Drogen (Crystal) und Alkohol. Als ich 30 war, wurde ich Vater und beschloss, keine illegalen Drogen mehr zu nehmen. Von Crystal hatte ich zwischendurch eine Psychose und einen Nervenzusammenbruch. Ich ging nach Arnsdorf zur Entgiftung. Eine Drogenentwöhnungstherapie lehnte ich ab. Ich wollte es alleine schaffen. 

Im Januar 2020 habe ich bei 1,9 Promille den Führerschein verloren und wollte auch mit dem Trinken aufhören. Es waren fast täglich zehn Flaschen Bier. Ich kam wieder nach Arnsdorf und von dort zur Suchtberatungsstelle. Es ging mit gesundheitlich schlecht, weil ich eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung hatte. Ich war dringend auf Hilfe angewiesen.

Alleine konnte ich keine Formulare ausfüllen. Nach der Therapie bin ich wieder zu Hause angekommen. Die Umstellung von der Therapie nach Hause fiel mir schwer. Ich konnte nicht mehr in meinem Beruf arbeiten und meine Partnerin hat mich nicht verstanden. Ich hatte mich verändert. Nur mit Nachsorgegesprächen habe ich es geschafft, trocken zu bleiben. Ohne sie würde ich wieder trinken und vielleicht sterben, weil meine Bauchspeicheldrüse das nicht mehr mitmacht. 

Ilona, 62, Angestellte

"Ich brauche Hilfe." Mit diesen Worten stand ich im Januar 2009 vor der Tür der Suchtberatungsstelle Pirna und mir wurde geholfen. Heute blicke ich auf über elf Jahre ehrlich zufriedene Alkoholabstinenz ohne Rückfall. Die Suchtberatung, zu der mir unser damaliger Hausarzt den Weg wies, zeigte mir Möglichkeiten, wie ich es schaffen kann, ohne Alkohol zu leben. Einfach war der Weg wahrlich nicht. 

Erst der viermonatige Aufenthalt in der Fachklinik Weinböhla und die intensive Auseinandersetzung mit mir selbst, ich wusste nicht, wie das Leben „danach“ ohne Alkohol funktionieren sollte. Die intensive Nachsorge und Betreuung durch die Mitarbeiter der Suchtberatung und der regelmäßige Besuch unserer Selbsthilfegruppe haben mich bestärkt, ein befreites, zufriedenes Leben ohne Alkohol zu führen. Mein Mann ist diesen Weg ein Jahr später gegangen und ebenfalls bis heute „trocken“. 

Wolfgang, 67 Kassierer, Gästebetreuer

Das Problem begann, als ich 1990 arbeitslos wurde. Ich verstand nicht, warum ich nicht mehr gebraucht werde. Alle Bewerbungen brachten nichts. Da hat man schon früh zum Alkohol gegriffen, ohne nachzudenken. Alkohol habe ich früher schon getrunken, aber erst nach meiner Arbeit, und da hatte ich das alles noch im Griff. Dann setzte ich alles aufs Spiel. Mein Hausarzt sagte schließlich, wenn ich so weiter mache, würde ich nicht mehr lange leben. Er gab mir den Tipp mit der Suchtberatung. Das habe ich nach langem Überlegen getan, und es war meine Rettung. Ich habe an der Selbsthilfegruppe teilgenommen, sie hat mir die Augen geöffnet. 

Leider bin ich wieder rückfällig geworden und landete im Krankenhaus. Dort besuchte mich die Suchtberatung,  wir haben ein ernsthaftes Wort gesprochen. Danach ging alles ganz schnell. Ich habe eine Therapie in Leipzig begonnen. Sie zeigte mir,  was die Alkoholsucht aus mir gemacht hat. Ich habe die Therapie erfolgreich abgeschlossen und bin wieder der Alte, der ich früher war. Seit 1996 bin ich trockener Alkoholiker – 24 Jahre. Man kann auch gut ohne Alkohol leben, und ich genieße jeden Tag. Ich habe auch wieder Arbeit gefunden. 

1 / 3

Mut machen sollen sie die Berichte in drei Richtungen, sagt Dagmar Mohn. "Den Menschen, die noch in einer Sucht gefangen sind und einen Ausweg suchen; die in ihrer täglichen Arbeit in Arztpraxen, Kliniken und anderen sozialen Bereichen tätig sind und die in Politik und Gesellschaft Verantwortung für strategische und finanzielle Entscheidungen tragen."  Eine vergleichbare Zusammenstellung solcher Texte gab es in Sachsen noch nicht, sagt Dagmar Mohn. Die Hefte werden im Landkreis an Ärzte, Politiker, Gericht, Jobcenter und Polizei verteilt, über die  Sächsische Landesstelle gegen die Suchtgefahren gehen sie auch ins Sozialministerium und an den Landtag. 

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Oppacher füllt Heimat in Flaschen ab und überzeugt seine Kunden mit regionalem Mineralwasser in ausgezeichneter Qualität.

Beratungsstelle weiter offen

"Damit ist es für uns zu verschmerzen, dass leider am Mittwoch aufgrund der Corona-Bedingungen keine andere Öffentlichkeitsarbeit stattfinden kann", sagt Dagmar Mohn. Aktuell müssen wieder die Gruppenveranstaltungen sowie die Therapie- und Selbsthilfegruppen pausieren. Die Beratungsstelle aber ist und bleibt für  Einzelgespräche offen. 

Wie wichtig das für die Betroffenen ist, zeigen die Zeilen des 40-jährigen Altenpflegers Ronny. "Diese niedrigschwellige Hilfe darf, insbesondere in Zeiten von Corona und dem damit verbundenen zu erwartenden Anstieg der Fallzahlen, unter keinen Umständen Kürzungen unterliegen", schreibt er.  Niederschwellig heißt, dass man einfach anrufen kann und eine Beratung erhält. Jeder Euro, der in die Prävention und Nachsorge investiert wird, zahlt sich mehrfach aus, sagt Ronny. "So wird Betroffenen und Angehörigen geholfen, weiter im Arbeitsleben und in der Gesellschaft aktiv zu sein." 

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen. 

Mehr zum Thema Pirna