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Greifen jetzt mehr Menschen zur Flasche?

Die Zahl der Klienten, die die Diakonie-Suchtberatung in Pirna derzeit aufsuchen, ist gestiegen. Über Ursachen spricht Leiterin Dagmar Mohn.

Manche Menschen erleben in Corona-Zeiten mehr Angst und greifen zur Flasche.
Manche Menschen erleben in Corona-Zeiten mehr Angst und greifen zur Flasche. © dpa-Zentralbild

Frau Mohn, infolge des Lockdowns im Frühjahr sind für viele Menschen feste Strukturen weggebrochen. Corona macht einige einsam. Schlägt sich diese Entwicklung auch in den Suchtberatungsstellen der Diakonie in Pirna und in  Neustadt nieder? 

Ja. Im September sind deutlich mehr Klienten in die Suchtberatungsstelle  in Pirna gekommen als in den Vorjahren. In diesem September waren es 229. Voriges Jahr im September waren es hingegen lediglich 156. 

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Mit welchen  Problemen kommen die Klienten zu ihnen? 

Vordergründig Alkohol und Cannabis, aber auch andere Drogen und Crystal. Betroffen sind alle Generationen und sämtliche Gesellschaftsschichten. Unser jüngster Klient beispielsweise ist derzeit 14 Jahre , der älteste Mitte 70.  

Hängt die steigende Zahl der Hilfesuchenden mit Corona zusammen? 

Ich denke schon. Alle Menschen erleben derzeit Veränderungen und Unsicherheiten in vielen Lebensbereichen. Oftmals ist das mit Ängsten verbunden. Das trifft besonders  psychisch labile Menschen. Für sie sind Suchtmittel aller Art eine Art Selbstmedikation. Sie beruhigen, helfen abzuschalten,  zu entspannen und beim Einschlafen. 

Aber das ist ein Teufelskreis...

Natürlich, weil viele Suchtmittel das Potenzial für eine Abhängigkeitserkrankung haben. Das heißt, man benötigt zunehmend mehr von der Substanz, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Im Klartext: Viele wollen ihre Angst weghaben und benötigen immer mehr der Mittel. Die Folge ist die dauerhafte Vergiftung des Körpers, woraus physische und psychische Krankheiten resultieren.   

Dagmar Mohn ist die Leiterin der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie in Pirna.
Dagmar Mohn ist die Leiterin der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie in Pirna. © SZ/Jörg Stock

Was können die Betroffenen selber dagegen tun? 

Hilfe holen, Gesprächspartner suchen in der Familie oder im Freundeskreis. Es sollte jemand sein, zu dem bereits ein Vertrauensverhältnis besteht. Wenn die Sucht fortgeschrittener ist, sollte man professionelle Hilfe im medizinischen Umfeld suchen, zum Beispiel beim Hausarzt. Aber das Wichtigste ist, dass der Betroffene sein Problem als solches selber erkennt und akzeptiert. Das ist oftmals das Schwierigste,  besonders bei der Droge Alkohol, da Bier und Wein zum gesellschaftlichen Leben dazugehören. 

Aber nicht jeder schafft es, sich selber einzugestehen, dass er ein Alkoholproblem hat, denn er müsste das aufgeben, was ihm das Liebste ist. Wie sollten Nachbarn oder Mitmenschen reagieren, wenn sie bemerken, dass jemand abhängig ist?

Man sollte offen und ehrlich das ansprechen, was einem auffällt und was einem bei dem anderen Sorgen bereitet. Mit Vorwurf oder Anklage zu reagieren, bringt gar nichts. Viel wichtiger ist es für den Betroffenen, dass man mit ihm gemeinsam Hilfe sucht. Wir als Beratungsstellen sind auch offen für Angehörige, die sich zunächst allein beraten lassen wollen. 

In den Medien liest man jetzt oft, dass infolge von Corona immer mehr Menschen am Handy hängen und in eine Sucht gleiten. Wie erleben Sie diese Problematik in unserem Landkreis? 

Wir beobachten sowohl im privaten Bereich, aber auch bei der Arbeit immer häufiger, dass Menschen immer öfter zum Handy greifen und nehmen es durchaus als Problem wahr. Aber als Beratungsthema steht Handysucht bei uns noch nicht im Vordergrund. Das kann ich auch erklären. Denn wir sprechen lieber von einer Zunahme der Nutzung von Medien beziehungsweise von einem übermäßigen Gebrauch. Bei Kindern und Jugendlichen ist es gefährlich,  zu schnell eine Suchtdiagnose zu erstellen. Damit richtet man mehr Schaden als Nutzen an. Und es ist auf diesem Gebiet auch gar nicht so einfach. 

Denn wo genau liegt die Grenze zwischen notwendigem und krankhaftem Gebrauch des Handys? Schließlich sind Kinder und Jugendliche sozial vernetzt über die Medien, über die sie sich beispielsweise auch verabreden und über die sie kommunizieren. Jugendliche greifen morgens zum Handy, weil sie checken müssen, was im Vertretungsplan steht. Da kann der Erwachsene doch nicht meckern, dass sie schon früh morgens am Handy sind. Und natürlich schaut man dann auch nach, ob neue Nachrichten angekommen sind. Wir wissen ja alle, wie sehr das Internet verleitet, auf weitere Informationen zu gucken. 

Aber im Extremfall - welche Hilfe gibt es? 

Wenn diese Problematik an uns herangetragen wird, dann suchen wir die Zusammenarbeit mit den Erziehungsberatungsstellen. Ganz generell geht es aber präventiv um die Vermittlung von mehr Medienkompetenz. Ich persönlich würde mir dieses Thema als Schulfach wünschen, damit kontrollierter ein- und ausgeschaltet wird.  

Das Gespräch führte Mareike Huisinga 

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