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Neuer Chef im Pirnaer Chemiewerk

Die Firma "Schill+Seilacher" setzt in Neundorf künftig auf eine Doppelspitze. Das hat vor allem mit einer bestimmten Anlage zu tun.

P1-Anlage beim Probebetrieb im Sommer 2019: Mit Wasser getestet, ob die Leitungen dicht sind.
P1-Anlage beim Probebetrieb im Sommer 2019: Mit Wasser getestet, ob die Leitungen dicht sind. © Daniel Förster

Das Unternehmen "Schill+Seilacher" im Pirnaer Ortsteil Neundorf hat seit diesem Monat einen neuen Geschäftsführer. Oliver Schulze-Dobbert wird von nun an den langjährigen Betriebsleiter Dr. Uwe Dittrich dabei begleiten, den Pirnaer Standort des Chemieunternehmens zu leiten.

Schulze-Dobbert blickt bereits auf eine lange Karriere innerhalb der Firmengruppe zurück. Der gebürtige Hallenser startete nach Auslandsaufenthalten in der Schweiz, in Australien sowie in den Benelux-Ländern 2012 in Böblingen im Bereich Spezialchemie für die Lederindustrie - eine Sparte, in der das Unternehmen bereits sei 1877 weltweit tätig ist.

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Von dort aus ging er Ende 2019 nach Hamburg, wo er den Bereich "Additive für die Gummi-Industrie" kaufmännisch verantwortete. "Eigentlich gibt es in Europa kaum einen Autoreifen, in dem kein Zusatz von Schill+Seilacher enthalten ist", sagt Schulze-Dobbert.

Nun freut sich der 52-Jährige sehr auf seine neue Arbeit in einer der, wie er sagt, schönsten Landschaften Deutschlands mit einer hoch motivierten Mannschaft. "Ich hätte mir als Jugendlicher, der hier früher häufig mit der Familie Urlaub gemacht hat, niemals träumen lassen, dass ich einmal in dieser Region arbeiten darf", sagt er. Jetzt steht noch der Umzug von Hamburg in seinen neuen Wirkungskreis an, der möglichst noch vor Weihnachten abgeschlossen sein soll.

Neuer Geschäftsführer Oliver Schulze-Dobbert: über Australien und Hamburg nach Pirna.
Neuer Geschäftsführer Oliver Schulze-Dobbert: über Australien und Hamburg nach Pirna. © Meeco Communication Services

Anlage wurde nach der Explosion stillgelegt

Der neue Kurs des Unternehmens mit der Doppelspitze hat vor allem mit einer bestimmten Technik zu tun: mit der P1-Vielstoffanlage. Schill+Seilacher hatte das System im Sommer 2019 nach viereinhalb Jahren Unterbrechung wieder in Betrieb genommen. Mit den daraus resultierenden Anforderungen seitens der Genehmigungsbehörden und der Firmenleitung aus Hamburg sei laut des Unternehmens die Entscheidung gefallen, in Pirna neben dem Betriebsleiter einen zusätzlichen Geschäftsführer zu berufen.

Die frühere P1-Anlage war bei einem verheerenden Unglück zerstört worden. Am 1. Dezember 2014 gab es bei der Probe-Produktion eines neuen Flammschutzmittels eine Explosion in dieser Chemikalien-Mischanlage. Dabei starb der Produktionsleiter, vier Arbeiter wurden zum Teil schwer, mindestens 15 leicht verletzt. Trümmerteile flogen in die angrenzenden Wohngrundstücke. Unmittelbar danach legte der Betrieb die Produktionsstrecke still.

Unternehmen setzt weltweit neue Sicherheitsstandards

Lange war unklar, ob die Anlage wieder aufgebaut wird. Ein Dauerausfall hätte aber wohl das Aus für den Neundorfer Standort bedeutet. "Ohne diese Anlage wäre das Werk nicht zu halten gewesen", sagt Rüdiger Ackermann, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe. Doch Schill+Seilacher wollte den Betrieb in Pirna unbedingt halten, weil hier wichtige Produkte hergestellt werden. Zudem galt es, 150 Arbeitsplätze zu sichern.

Es schloss sich ein zähes und langwieriges Genehmigungsverfahren an, das Unternehmen investierte viel Geld in Technik und Sicherheit, denn es galt die Prämisse: die neue Anlage sollte nicht so sicher wie nötig, sondern so sicher wie möglich sein. Gemündet ist das in einem völlig neuen Sicherheitskonzept, dass auch weltweit neue Sicherheitsstandards setzte.

Standort Neundorf ist immens wichtig

So bestehen Nord- und Ostseite der Gebäudehülle nun aus Stahlbeton, das Dach ist so konstruiert, dass es im Fall einer erneuten Explosion nicht davonfliegen kann. An der Süd- und Westseite gibt es 35 Druckableitungsklappen, vor denen Stahlnetze gespannt sind. Schon beim kleinsten Überdruck öffnen sich die Klappen, Druck kann entweichen, die Stahlnetze halten mögliche Trümmerteile im Gebäudeinneren. Hinzu kommen weitere Warn-, Alarm- und Sicherheitsanlagen.

Im Sommer 2019 startete Schill+Seilacher den Probebetrieb in der neuen P1-Anlage, seit einigen Wochen läuft das System nun ganz regulär.

Für das Unternehmen ist diese Anlage immens wichtig. In der Vielstoff-Anlage werden Chemikalien gemischt. Das Pirnaer Werk stellt vorwiegend chemische Zusatzstoffe her, die in vielen Produkten enthalten sind. In der P1-Anlage entstehen beispielsweise Stoffe für Kosmetik, Textilien, Reifen und andere Kunststoffe sowie Stabilisatoren für Bauschäume. Das Pirnaer Werk beliefert 15 Hauptindustriezweige, die Waren gehen in über 100 Länder.

Verarbeitet werden in Neundorf laut des Unternehmens stets nur die Chemikalien, die für die jeweilige Produktion nötig sind. Weitere Ausgangsstoffe bunkert das Werk nicht vor Ort. Das Hauptlager sowie der Versand befinden sich in den ehemaligen Margon-Lagerhallen in Burkhardswalde.

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