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Pirna: Neunköpfige Familie nach Georgien abgeschoben

Über Nacht musste die Familie Sachsen verlassen. Die Bewohner des Hauses sind empört und wollen ihre Nachbarn wiederhaben.

Eine georgische Familie aus Pirna wurde vom Leipziger Flughafen nach Tiflis abgeschoben.
Eine georgische Familie aus Pirna wurde vom Leipziger Flughafen nach Tiflis abgeschoben. ©  Archivfoto: Daniel Förster

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ging alles ganz schnell in der Pirnaer Innenstadt. Eine georgische Familie wurde aus ihrer Mietwohnung abgeholt, um sie abzuschieben. Der Nachbar Frank Zimmermann (Name von der Redaktion geändert) hat alles beobachtet und ist entsetzt. "Nach menschlichem Ermessen ist es nicht nachvollziehbar, warum die Familie abgeschoben wurde", sagt der Pirnaer. Er wird diese Nacht nicht mehr vergessen.

Polizeibeamte klingeln nachts

Gegen ein Uhr nachts klingelt es an der Wohnungstür von Frank Zimmermann. "Ich sah nach draußen. Unten standen mehrere Polizeibeamte, die mir sagten, ich solle die Haustür öffnen." Dem kommt Zimmermann nach. Die Beamten laufen die Treppenstufen nach oben in den ersten Stock. Gegenüber dem Ehepaar Zimmermann wohnt seit 2017 die neunköpfige Familie I. aus Georgien, die in Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt hatte. Die Beamten klopfen bei der georgischen Familie. Zimmermann selber fragt nach, was los sei. "Man antwortete mir, alles in Ordnung. Ich solle wieder in meine Wohnung zurückkehren", berichtet er.

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Unterdessen öffnet Frau I. die Wohnungstür. "Der Polizist meinte zu Frau I. : ,Sie haben einen Antrag auf Asyl gestellt. Der wurde abgelehnt, und heute ist der Tag ihrer Heimreise'", erzählt Zimmermann, der dieses Gespräch durch die Wohnungstür mithört.

Aus der Chaosnacht wurde von Nachbarn eine Aufzeichnung von den emotionalen Empfindungen der Tochter gemacht. Hier ein Mitschnitt.

Polizisten umstellen das Haus

Kurze Zeit später laufen circa zehn weitere Polizeibeamte die Treppe hoch. Parallel dazu wird das Haus umstellt. Das Ehepaar Zimmermann hört Weinen und Geschrei sowie aufgeregte Diskussionen. Nachbarn kommen dazu, um die Familie I. zu beruhigen. Auf der Straße fährt ein großer Reisebus vor. In diesen wird die Familie I. gegen 3.15 Uhr gebracht. "Man hat ihnen im Bus sämtliche Handys weggenommen", hat Zimmermann beobachtet. Der Bus fährt ab, am Donnerstag gegen 12 Uhr startet der Flieger vom Airport Leipzig/Halle nach Tiflis. An Bord ist die Familie I. aus Pirna.

Familienvater engagierte sich bei der Pirnaer Tafel

Für Frank Zimmermann ist das Vorgehen unhaltbar. "Ich kann nicht verstehen, warum die Familie abgeschoben wurde. Die Kinder sind im Alter von drei bis elf Jahren. Die älteste Tochter ging auf das Gymnasium und ist eine gute Schülerin", berichtet der Pirnaer. Beide Eltern seien berufstätig, alle sprächen gut Deutsch. "Der Vater hatte sich auch bei der Pirnaer Tafel engagiert. Es war ein sehr freundschaftliches Verhältnis in dem Mietshaus. Wenn georgisch gekocht wurde, haben wir oft etwas zum Probieren abbekommen", sagt Zimmermann. Die Familie lebt seit fast zehn Jahren in Deutschland, mehrere Kinder sind hier geboren.

Hausbewohner sind entsetzt

Auch andere Hausbewohner sind entsetzt. "Wir sind einfach nur fassungslos und können damit auch für die gesamte Hausgemeinschaft sprechen. Die Familie ist herzlich, entgegenkommend und hat sich in den Jahren, die sie hier wohnt, bestens integriert. Die Familie hat nichts verbrochen", betonen sie.

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Die Nachbarn und andere Engagierte aus Pirna haben sich jetzt zu einem Unterstützerkreis für Familie I. zusammengefunden. "Wir wollen unsere Nachbarn wiederhaben", betont Zimmermann. Weitere Aktionen sind geplant. Unterstützung bekommen sie von der AG Asylsuchende Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie dem Sächsischen Flüchtlingsrat. "Die Anwältin der Familie hatte am Donnerstagmorgen noch einen Eilantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Unser Ziel ist es, die Familie zurückzuholen", sagt Christiane Riebesecker von der AG Asylsuchende.

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