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Pirnaer Zeitzeugen zum Ausleihen

Anfang Oktober feiert die Stadt das Jubiläum "30 Jahre Deutsche Einheit" - an einem historischen Ort und mit einem außergewöhnlichen Projekt.

Erste Demonstration in Pirna am 19. November 1989: Vom Friedensgebet zur Deutschen Einheit.
Erste Demonstration in Pirna am 19. November 1989: Vom Friedensgebet zur Deutschen Einheit. © Klaus Zantke

Sie war der zentrale Ort des Widerstandes in Pirna gegen das DDR-Regime: die Hospitalkirche an der Siegfried-Rädel-Straße.

Schon seit 1983 existierte in der Stadt der "Friedenskreis St. Marien", dessen Treffen waren anfangs noch recht klein und überschaubar. 1989 aber drängte es die Aktivisten in die Öffentlichkeit, der Kreis nannte sich in "Friedensgruppe St. Marien Pirna" um. Es entstand die Idee, regelmäßig öffentliche Abende anzubieten. 

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Als Treffpunkt diente die Empore in der Hospitalkirche, vor jedem Treffen befestigte die Gruppe ein Transparent am Gotteshaus mit der Aufschrift "Zusammensetzen - Auseinandersetzen". Ab April 1989 traf man sich dann wöchentlich bei Tee und Schmalzstullen, anfangs waren es meist nicht mehr als acht bis zwölf Leute. Doch im September wurden es merklich mehr, die Kirche war plötzlich voll zu den Friedensgebeten, die aus den Friedensgruppe-Treffen entstanden. Es war die Keimzelle der friedlichen Revolution in Pirna, aus dieser Runde heraus entstand auch das Neue Forum Pirna.

Nun rückt die Hospitalkirche wieder in den Fokus. Anlässlich des Jubiläums "30 Jahre Deutsche Einheit" lädt der Pirnaer Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos) am 3. Oktober, 11 Uhr, zu einer Gedenkstunde an der Kirche ein, um gemeinsam mit Zeitzeugen an die friedliche Revolution und den Weg zur Wiedervereinigung zu erinnern. Im Anschluss wird dort eine Erinnerungstafel enthüllt.

Darüber hinaus gibt es anlässlich des Jubiläums noch ein außergewöhnliches Projekt: eine lebendige Bibliothek. Dabei können Neugierige mit Zeitzeugen in kleinen Gesprächsrunden zusammenkommen. Interessierte leihen sich dabei sozusagen eine erzählende Person - quasi ein lebendiges Buch - für etwa 30 Minuten für ein persönliches Gespräch aus. 

Dabei können die Zuhörer ganz persönliche Erlebnisse aus den Jahren 1989 und 1990 kennenlernen und Ereignisse aus jenen Jahren aus verschiedenen Perspektiven erleben. Diese Veranstaltung findet am 5. Oktober, von 19 bis 21.30 Uhr, im Pirnaer Rathaus statt. Sächsische.de stellt die Protagonisten vor.

Der Hüter der Marienkirche

Mit 22 Jahren übernahm Thomas Albrecht 1990 das Amt des Kirchners in der Pirnaer Stadtkirche St. Marien. Als solcher kümmert er sich seither selbstlos um das Gotteshaus und ist auch dafür verantwortlich, es zu erhalten. Auch betreute er die Sanierungsarbeiten im Innen- und Außenbereich, er weiß wie wohl kaum ein anderer über die Historie und Besonderheiten der Kirche bescheid. Zuvor war Thomas Albrecht bei der privaten Schlosserei Thiele angestellt und bereits dort mit kleineren Reparaturen in der sanierungsbedürftigen Altstadt betraut. Als Sohn des Kantors wuchs er in der Pirnaer Altstadt auf und beobachtete deren stetigen Verfall. Er beteiligte sich an Rettungsaktionen der Bürgerbewegung "Rettet die Altstadt" und wurde später Mitglied des Kuratoriums Altstadt.

Vom Bauunternehmer zum Rathauschef

Seiner Heimat ist Klaus-Peter Hanke stets treu geblieben. "Wegzugehen war für mich keine Option. Ich hatte hier meine Existenz und wollte mithelfen, das Leben hier zu verbessern. Wenn man die Bilder der Innenstadt von 1990 und heute vergleicht, wird deutlich, dass das eine gute Idee war", sagt er. Der heutige Pirnaer Oberbürgermeister war von 1972 bis 2010 privater Bauunternehmer. Nach der Wende konnte er seinen kleinen Handwerksbetrieb mit zehn Mitarbeitern zu einem mittelständischen Unternehmen entwickeln. Bei den Kommunalwahlen 1989 war er als Wahlbeobachter für die Handwerkerpartei im Einsatz. Seit 1994 ist Hanke Mitglied des Pirnaer Stadtrates, seit 2010 Oberbürgermeister.

Ein Löwe für Pirna

Der 72-jährige Klaus Hensel koordinierte in seiner Funktion als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Pirnaer Rathaus von 1990 bis 2010 auch die Städtepartnerschaften. Der Zoo der Partnerstadt Decin war nach der politischen Wende in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und so einigten sich die beiden Bürgermeister auf eine besondere Hilfsaktion. Pirnaer Einwohner, Unternehmen und städtische Einrichtungen wurden Tierpaten. Pirna, die Stadt mit den zwei Löwen im Wappen, "adoptierte" eine der beiden Raubkatzen des Tierparks, Hensel den sprachgewandten Goldlori und der Bürgermeister den Luchs. Noch heute erinnern sich viele gern an diese launige Aktion. 

Besuch aus der Partnerstadt

Thea Jüttner wurde 1945 in Darmstadt geboren, dort lernte sie in den 1960er-Jahren ihren späteren Ehemann Jochen Jüttner aus Görlitz kennen. Bei zahlreichen Besuchen lernte sie auch die Heimat ihres Gatten kennen. Und dann gab es diesen geschichtsträchtigen 9. November 1989. "Wir haben zu Hause am Fernseher gehangen und waren einfach nur glücklich", sagt sie. Als Remscheid, seit 1970 Heimatstadt der Jüttners, Verbindung zu Pirna aufnahm, war sie unter den Ersten, die Pirna besuchten. "Es war für mich selbstverständlich, mich aktiv in die Partnerschaft einzubringen. Viel gibt es dazu zu berichten", sagt sie.

"Besuch" bei der Stasi

Elvira Koll gehörte zu jenen Frauen, die am 5. Dezember 1989 der Pirnaer Stasi-Zentrale auf der Seminarstraße einen "Besuch" abstatteten. Dank dieser Aktion gelang es, wichtige Unterlagen zu sichern und später auszuwerten. Auch als die Pirnaer einen Brief an den Ministerrat der DDR schrieben, um auf das als "Pirna-Syndrom" bezeichnete Krankheitsbild hinzuweisen, gehörte sie zu den ersten Unterzeichnern. Im Mai 1989 war sie Wahlbeobachterin bei den DDR-Kommunalwahlen, ein Jahr später stand sie selbst zur Wahl. 1990 wurde sie in den Pirnaer Stadtrat gewählt und blieb zwei Legislaturperioden. 

Der Furchtlose

In der Pirnaer Hospitalkirche trafen sich seit dem Frühjahr 1989 die Mitglieder der "Friedensgruppe St. Marien Pirna" und luden zu öffentlichen Vorträgen und Friedensgebeten ein. Einer der führenden Köpfe war Matthias Piel, der für dieses ehrenamtliche Engagement seinen Beruf aufgegeben hatte. Ein brisantes Datum war der 4. Oktober 1989, als die Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft auch Pirna passierten. An diesem Tag fand das Friedensgebet in der Pirnaer Klosterkirche statt, Mitinitiator war Matthias Piel. Er meldete auch die ersten drei Demonstrationen mit mehreren Tausend Menschen in Pirna im Auftrag des Neuen Forums an, dessen Mitbegründer er gleichzeitig war.

Der mit dem Transparent

Der Journalist und Musiker Fritz Rösler, Jahrgang 1935, war in der ereignisreichen Zeit ab Oktober 1989 Teilnehmer an Mahnwachen, Demonstrationen und Foren in Pirna und Dresden. Stets mit dabei: sein handgemaltes Transparent mit der Aufschrift "Im Interesse von uns allen, die SED muss fallen", ein Spruch, der ihm eines Nachts eingefallen war. Er beschreibt seine Entwicklung von einem Mann, der widerspricht, zu einem, der in dieser Zeit Verantwortung übernimmt. Rösler engagierte sich nach der Wende als SPD-Kommunalpolitiker, als Bundestags-Kandidat sowie in der evangelischen Kirchgemeinde.

Demut und neuer Aufbruch

Mitglied der SED seit 1962, jetzt Mitglied der Linken. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung Offizier der NVA, seine Dienstlaufbahn endete abrupt 1990. Danach Ausbildung zum Personalfachkaufmann. "Das Scheitern des DDR-Sozialismus war für mich auch eine persönliche Niederlage. Doch mir war klar, dass eine autoritäre Gesellschaftspolitik scheitern musste", sagt Günter Tischendorf. Er empfand Mitschuld, wollte Wiedergutmachung leisten und hatte Glück. Seit 1992 arbeitete er im Seniorenzentrum Sächsische Schweiz, sein engagierter Dienst für das Wohl der Bewohner ermöglichte es ihm, weiter für seine Lebensideale zu wirken: soziale Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und demokratisches Miteinander. Und heute? "Die Wiedervereinigung war alternativlos. Die Lebensqualität ist gestiegen. Doch die kapitalistische Gesellschaft wird nicht das letzte Wort in der Geschichte sein können", sagt er. 

Als Bausoldat in die Wende

In seinem Buch berichtet der ehemalige Bausoldat Martin Walter, wie er bei der Armee die letzten Monate vor der politischen Wende erlebte. Sie waren geprägt von Willkür und Sinnlosigkeit. Andererseits keimte durch Nachrichten  über das Geschehen im Land die große Hoffnung auf eine freiere, bessere und menschlichere Gesellschaft. Doch trotz der großen Freude über manche positive Entwicklung machte sich im Verlauf der weiteren Ereignisse auch Ernüchterung breit. "Daraus entwickelte sich  ein Prozess des Suchens und Diskutierens über bessere Wege und Lösungen - auch in unserer Stadt", sagt Walter.

Das Projekt "Lebendige Bibliothek" findet am 5. Oktober im Rathaus statt. Da die Zahl der Teilnehmer begrenzt ist, werden Interessierte gebeten, sich bis zum 30. September per Mail unter [email protected] oder telefonisch unter 03501 556334 anzumelden. 

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