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Pirnas besondere Lebens-Schule

Seit 25 Jahren hat die Pienitz-Förderschule ihr Domizil an der Otto-Walther-Straße. Sebastian, 14, fühlt sich dort ausgesprochen wohl – und gut umsorgt.

Anke (l.) und Andreas Funk (r.) mit Sohn Sebastian in Pratzschwitz: Er ist ein sehr aufgeschlossener und kontaktfreudiger Junge.
Anke (l.) und Andreas Funk (r.) mit Sohn Sebastian in Pratzschwitz: Er ist ein sehr aufgeschlossener und kontaktfreudiger Junge. © Daniel Schäfer

Auf dem Nachbargrundstück dieselt ein Bagger, der Fahrer kämpft auf dem Areal im Pirnaer Ortsteil Pratzschwitz mit den Resten einer Hausruine und stapelt den Schutt auf einen Haufen.

Sebastian, 14, schaut von Weitem zu, am liebsten will er gleich hin, zusehen, wie das Gerät sich durch das Abbruchmaterial gräbt. Bagger liebt er über alles, sie sind seine Welt, auch im Kinderzimmer, wo die schweren Geräte in Miniaturform auf ihren Einsatz warten.

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Generell begeistert sich Sebastian sehr für Technik, vor allem für jene, die viel Krach macht, Rasenmäher oder Motorsägen beispielsweise. Insofern unterscheidet er sich nur wenig von Gleichaltrigen.

Gleichwohl ist Sebastian ein ganz besonderer Junge. Er lernt langsamer und schwerer als andere, sein Kurzzeitgedächtnis ist wenig ausgeprägt, an länger zurückliegende Ereignisse erinnert er sich besser. Der 14-Jährige lebt in seiner ganz eigenen Welt, die allerdings keine verschlossene ist, er ist kontaktfreudig und aufgeschlossen, sein Defizit gleicht er mit jeder Menge Charme aus.

Eine feste Tagesstruktur ist wichtig

Was Sebastian jedoch braucht, ist eine Struktur, einen festen Tagesablauf, gewohnte Dinge um sich herum, dann kommt er gut zurecht.

Diese Struktur geben ihm zum einen seine Eltern, Anke und Andreas Funk, die Familie wohnt in Pratzschwitz. „Das Wichtigste ist, dass es ihm gut geht. Wir haben ihm hier seine Welt aufgebaut“, sagt Andreas Funk.

Dabei achten die Eltern auch darauf, dass Sebastian vieles selbstständig erledigt. Er räumt die Spülmaschine ein, bringt den Müll raus, kann Rad fahren und schwimmen, er hilft gern im Garten. Sein Vater kann sich nicht erinnern, wann er selbst das letzte Mal Rasen gemäht hat. Das erledigt Sebastian seit Jahren.

Ein Vierteljahrhundert am neuen Standort

Struktur gibt ihm aber noch etwas anderes: eine ganz spezielle Bildungsstätte, die Dr.-Pienitz-Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, ein Schultyp, der nach der Wende völlig neu etabliert wurde.

Zunächst hatte die Schule ihren Sitz im Schloss Sonnenstein, später zog sie um in einen Neubau an der Otto-Walther-Straße in Pirna, es war einer der ersten Förderschul-Neubauten in Sachsen. Seit einem Vierteljahrhundert hat die Bildungsstätte nun ihr Domizil an diesem Standort, der 25. Geburtstag ist jetzt im Dezember. Doch die geplante Festwoche fällt coronabedingt aus, sie soll laut Schulleiter Ullrich Steglich im nächsten Jahr nachgeholt werden.

Die Bildungsstätte unterrichtet Kinder, die es nicht leicht haben im Leben, dazu zählen Kinder mit geistigen Defiziten, mit mehrfacher geistiger Schwerstbehinderung, Kinder, die nicht richtig sprechen oder hören können.

Kinder, die hier regulär eingeschult werden, sagt Steglich, besuchen die Schule zwölf Jahre, jeweils drei Jahre in der Unter-, Mittel- und Oberstufe, danach schließen sich drei Jahre Berufsvorbereitung an. Zurzeit betreut die Bildungsstätte 85 Kinder.

Dr.-Pienitz-Förderschule an der Otto-Walther-Straße in Pirna: Die Lehrer machen eine wunderbare Arbeit.
Dr.-Pienitz-Förderschule an der Otto-Walther-Straße in Pirna: Die Lehrer machen eine wunderbare Arbeit. © Dr.-Pienitz-Förderschule

Immer zwei Lehrkräfte pro Klasse

Sebastian geht in die Klasse „O 1“, was einer siebten Klasse an einer Regelschule entspricht. Jeden Tag freut er sich auf die Schule, er geht gern hin, am liebsten mag er Sport, er rennt gern. Anderes hingegen, wie Mathe, fällt ihm schwer. „Daher ist es gut, dass es solche Schulen gibt, die die Kinder behutsam an alles heranführen“, sagt Anke Funk, seit drei Jahren auch Vorsitzende des Schulelternrates.

Lesen klappt schon besser, es ist zwar noch etwas holprig, derzeit haben es Sebastian vor allem große Buchstaben auf Schildern angetan. „Diese Welt erschließt er sich gerade“, sagt Andreas Funk.

Um die Schüler umfassend zu betreuen, sind maximal acht Kinder in einer Klasse. Es gibt keinen klassischen Fächerkanon wie an anderen Schulen, es gibt keine Noten, die Zeugnisse spiegeln als Bericht den jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder wieder.

Die Förderschule ist eine Ganztagsschule, 7.30 Uhr beginnt der Unterricht, 15.15 Uhr endet die Betreuung. Daher bietet die Schule den Kindern nach Schulschluss viele Neigungskurse an, beispielsweise Chor, Band, Tanz, Trommeln, Fußball, Judo, Yoga.

Die Klassenlehrer decken den Großteil des Unterrichts ab, stundenweise kommen Fachlehrer dazu, unter anderem für Sport, Kunst und Musik. Allein sind die Lehrer nie im Klassenzimmer, unterstützt werden sie von pädagogischen Fachkräften, in der Regel ausgebildete Erzieher oder Heilerziehungspfleger. „So sind immer zwei Leute in der Klasse“, sagt Steglich. Zum pädagogischen Stammpersonal gehören 35 Mitarbeiter.

Anke Funk zollt den Lehrern großen Dank. „Sie sind alle sehr engagiert und machen eine wunderbare Arbeit“, sagt sie.

Gemeinsam kochen, gemeinsam essen

Die Bildungsstätte, sagt Steglich, ist keine leistungs-, sondern eine lebensorientierte Schule, sie will den Kindern ganz praktische Hilfe anheimgeben, so unter anderem im Fach Hauswirtschaft in der schuleigenen Lehrküche. Hier lernen die Schüler, einzukaufen, Kartoffeln zu schälen oder eine Tütensuppe nach Anleitung zu kochen, das Zubereitete wird stets gemeinsam gegessen. Sebastian hat vor Kurzem gemeinsam mit anderen zum ersten Mal eine Kartoffelsuppe gekocht, darauf ist er mächtig stolz. „Sie hat allen geschmeckt“, sagt er.

Mit solchen Hilfen will die Schule die Kinder fürs spätere Leben rüsten. „Unser Ziel ist es“, sagt Steglich, „dass sie später so selbstständig wie möglich werden.“ In dieser Hinsicht, sagt Anke Funk, leistet die Schule vorbildliche Arbeit. Und die Bildungsstätte nimmt den Eltern viel Arbeit ab, Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten kommen ins Schulhaus, die Eltern müssen deswegen nicht extra los.

Harte Zeit im Corona-Lockdown

Die Pandemie bremst die Arbeit derzeit allerdings gewaltig, es ist auch für Sebastian eine harte Zeit, weil der gewohnte Schulalltag fehlt, ebenso wie der Kontakt zu seinen Klassenkameraden. Anke und Andreas Funk geben ihm derweil wie gewohnt zu Hause Struktur, sie gehen viel raus, oft joggen, Sebastian muss sich regelmäßig richtig auspowern.

Das will er auch später einmal tun, im Berufsleben. Nach der zwölften Klasse wechseln jene Kinder, denen es möglich ist, ins Arbeitsleben, sie arbeiten dann meist in geschützten Werkstätten, die wohnortnah sind. Sebastian hat schon ganz konkrete Vorstellungen von seiner Zukunft, als Gärtner will er vielleicht einmal arbeiten oder als Baumschneider. Hauptsache etwas mit viel Technik. Und Hauptsache, es ist etwas dabei, was Krach macht.

Doch jetzt muss er erst einmal los, er will schauen, ob der Bagger im Nachbargrundstück noch arbeitet.

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