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Die Schwachen brauchen Corona-Schutz

Wir wissen jetzt viel mehr über Covid 19 als im Frühjahr. Nachhaltige Lösungen fehlen aber. Ein Kommentar.

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen steigt aktuell extrem schnell an.
Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen steigt aktuell extrem schnell an. © Hänsch/Malteser

Wenn es nicht so unverantwortlich wäre, müsste man wohl öffentliche Rundgänge durch die Intensivstationen der Kliniken organisieren, um auch den letzten klarzumachen, dass die Erkrankung Covid 19 für viele Menschen schwerwiegende Folgen hat.

Dass es besonders heftig die über 65-Jährigen trifft, wurde im April bereits vermutet, war spätestens mit den Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts im August belegt und ist nun für jedermann auf deren Homepage nachlesbar. Die Zahlen, die das Landratsamt Pirna täglich veröffentlicht, untermauern das in unserer Region ganz besonders. Ein Drittel aller positiv Getesteten sind Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen.

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Pauschales Desinfizieren kann der Gesundheit schaden. Stattdessen sollte der Fokus auf gründlichem Händewaschen liegen. Welche Mittel dafür geeignet sind.

Doch statt ein umfangreiches Test-Konzept für Begegnungen im Pflegeheim verpflichtend anzuordnen, wird das stattdessen den Leistungssportlern im Profisport auferlegt. Dabei ist Sport als Spreader-Event kein einziges Mal belegt, jedenfalls was die Sportler betrifft. Die Vereine mussten in Hygiene-Konzepten nachweisen, dass sich Sportler und Publikum nicht begegnen. Gaststätten mussten Laufwege markieren. Wer sich trotzdem angesteckt hat, kam in den meisten Fällen aber glimpflich davon - wenn er jung genug war.

Bayern München ist falsche Zielgruppe für Tests

Doch statt auf Bayern München, Jugendliche in der Dresdner Neustadt oder tanzende Querdenker zu gucken, hätte der Fokus auf den Risikogruppen unserer Gesellschaft und der Solidarität mit ihnen liegen müssen. Für alle wäre hilfreich, wenn wir den Gesundheitszustand von Pflegekräften überwachen würden statt den von Fußball-Millionär Serge Gnabry.

Ja, das kostet Geld und Aufwand. Aber das ist nicht teurer als ein Lockdown. Mir ist bewusst, dass damit allein diese tückische Virus-Erkrankung auch nicht ausgerottet wird. Aber das war auch nie Ziel aller Maßnahmen. Die Gesellschaft wird sich solidarisch zeigen, wenn damit Sterbefälle verhindert oder Leben gerettet werden. Und man selbst auf medizinische Versorgung vertrauen kann, wenn man sie nötig hat, sprich: das Gesundheitswesen nicht überlastet wird. 

Wenn nun trotzdem die Kliniken mit Patienten volllaufen, muss die Zielrichtung und Effektivität der Maßnahmen überprüft werden. Zuallererst in den Seniorenheimen, wie wir nun wissen. Dort geht es jetzt zwar erst einmal ums Retten, deshalb sollte man sich auch mit Schuldzuweisungen zurückhalten. Doch nachhaltige Lösungen können nur mit diesen Einrichtungen, deren Bewohnern und Beschäftigten zusammen gefunden werden. Stattdessen wird jedoch intensiv untersucht, wie Schulen, Kitas, Fleischkonzerne oder Großveranstaltungen zur Verbreitung des Virus beitragen. 

Eines muss aber klar sein: Wenn die Senioren schon nicht mehr in ihren Familien leben, dürfen sie nicht auch noch isoliert werden. Deswegen müssen wir alle etwas tun, auch diejenigen, die keine greisen Angehörigen mehr haben.

CDU hätte mit ihrem Parteitag Vorbild sein können

Wenn die Einhaltung von AHA-Regeln so hilfreich ist, wie das CDU-geführte Gesundheitsministerium in Berlin propagiert, wäre es wünschenswert gewesen, dass die CDU ihren Bundesparteitag abgehalten hätte. Das wäre beispielhaft gewesen und hätte demonstrieren können, wie mit AHA-Regeln das normale Leben weitgehend aufrechtzuerhalten ist. Doch wenn das nicht mal jene Partei schafft, deren führende Köpfe das anmahnen, weil sie den eigenen Mitgliedern nicht mal zutrauen, dass sie das vorbildlich umsetzen, dann ist die Annahme wohl überzogen, zu glauben, dass es alle anderen vorbildlich tun werden. Das gilt für die Linke im Übrigen genauso, die aus der gleichen Angst, dass es zum Spreader-Event werden könnte, ebenso den eigenen Bundesparteitag abgesagt hat. Auch hier fehlte der Mut.

Viel wichtiger als auf Parteitage zu verzichten ist es, nun alle Anstrengungen darauf zu richten, dass die Schwachen nachhaltig geschützt werden, folglich das Gesundheitssystem nicht an seine Leistungsgrenze geführt wird. Daran hat sich seit Anfang der Pandemie nichts geändert. Deshalb ist das Maske-Tragen nützlich. Wer symptomfrei infiziert ist, schützt so die Schwachen, denen er begegnet. Denn auch das ist inzwischen wissenschaftliche Erkenntnis: Das RKI hat nachgewiesen, "dass bereits zwei Tage vor Auftreten der ersten Krankheitssymptome das Virus ausgeschieden und übertragen werden kann".

Dass von vielen die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen infrage gestellt wird, wenn beispielsweise alle Amateursportler ihren Spielbetrieb einstellen müssen, weil ein Schwacher unter ihnen sein könnte, ist menschlich verständlich. Der Anteil der über 65-Jährigen oder anderer Risikogruppen dürfte im Wettkampfbetrieb jedoch ziemlich gering sein. 

Es handelt sich jetzt auch nicht um eine Momentaufnahme, sondern um eine Erkrankung, mit der die Gesellschaft auf Dauer klarkommen muss. Deshalb müssen Wissenschaftler zusammen mit Politik und den Betroffenen konkrete Maßnahmen für dauerhafte Lösungen erarbeiten. Zuallererst für die Senioren.

Paradigmenwechsel bei der Risiko-Bewertung

Dazu ist gerade von Politik und Wissenschaft aber auch ein Paradigmen-Wechsel in der öffentlichen Aufklärung erforderlich. Wer vorausschauend agiert, muss natürlich die Infektionszahlen beobachten. Maßgebend für die Akzeptanz von Maßnahmen in der Bevölkerung sind aber nicht Leistungssportler, die mit Leichtigkeit eine Infektion überstehen, sondern es ist die Sicherung einer stabilen Gesundheitsversorgung. 

Spätestens seit Mitte Oktober steigt in Sachsen die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen extrem stark an. Bei dieser Zahl gibt es auch keine Diskussion mehr, ob die hohen Zahlen nur der Vielzahl der Tests geschuldet sind, Tests überhaupt korrekte Ergebnisse liefern oder Grippe nicht genauso schlimm wäre. Das ist alles unwichtig, wenn klar ist, dass es knapp wird, dass Unfallpatienten auf Intensivstationen behandelt werden oder wichtige OPs vorgenommen werden können. Dann befinden sich jede und jeder tatsächlich in einem Risikogebiet.

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