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"Ich war Kollateralschaden der Bundestagswahl"

Ex-Abgeordneter Klaus Brähmig ist aus der CDU ausgetreten. Von der Politik will er aber nicht lassen. Mit Unterstützung könnte er sich ein Comeback vorstellen.

Ex-Bundestagsabgeordneter Klaus Brähmig schließt ein politisches Comeback nicht mehr aus.
Ex-Bundestagsabgeordneter Klaus Brähmig schließt ein politisches Comeback nicht mehr aus. © Norbert Millauer

Er rödelt in der Region herum wie eh und je. Dabei ist für Klaus Brähmig nichts mehr so, wie es mal war. 27 Jahre lang war er Bundestagsabgeordneter der CDU. Unterstützte bedingungslos Kanzler Helmut Kohl (CDU), erduldete in der Ära von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) die Oppositions-Rolle und wurde in der Kanzlerschaft von Angela Merkel (CDU) noch mal unbequem, selbst für die eigene Partei. 

Zur Bundestagswahl 2017 unterlag er dann im Direktwahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge Frauke Petry. Seitdem lebt er von einer Pension, die langjährigen Abgeordneten zusteht. Nun hat Brähmig nach 30 Jahren enttäuscht der CDU den Rücken gekehrt und spricht im Gespräch mit Sächsische.de über die Gründe.

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Herr Brähmig, müssten Sie der CDU nicht dankbarer sein, die Sie immer wieder zu ihrem Bundestagskandidaten im hiesigen Wahlkreis machte?

In erster Linie bin ich den Wählerinnen und Wählern dankbar, die mich getragen haben. Auch 2017 waren es immerhin noch knapp 45.000. Auch einzelnen Parteimitgliedern bin ich dankbar, die mich immer unterstützt haben, als es drauf ankam. Den Funktionären weniger. Ich habe für meinen Austritt selbst von CDU-Mitgliedern Zuspruch erhalten. Offenbar ist das Klima doch nicht in bester Ordnung, wie es von Vorstandsebene immer dargestellt wird. Nach außen werden jetzt aber Krokodilstränen vergossen, was ich für ein toller Hecht gewesen bin. Das passt nicht mehr zusammen. 

Hätten Sie sich einen respektvolleren Umgang mit Ihrer Person gewünscht?

Wissen Sie, als einzige Würdigung für diese langjährige Tätigkeit für die Region im Bundestag habe ich eine Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Hohnstein erfahren, die bezeichnenderweise von einem SPD-Bürgermeister geführt wird. Es gab auch Dinge, die mir jetzt erst zugetragen wurden, wie ich beispielsweise von Platz 6 der Landesliste für die Bundestagswahl 2017 auf Platz 8 zurückgesetzt wurde und die Initiative dazu vom eigenen Kreisvorstand gekommen ist. Dann wurde 2017 die Vorstandswahl im Regionalverband Königstein,  bei der ich zum Stellvertreter gewählt worden war, mit einem internen Parteigerichtsverfahren angefochten. Da kommen viele kleine Dinge zusammen. Als Bundestagsabgeordneter habe ich Anfeindungen auch als Gehaltsoption, eine Art Schmerzensgeld, angesehen. Das muss ich mir nicht mehr antun.

Was hat nun den Ausschlag gegeben, gerade jetzt aus der CDU auszutreten?

Im Sommer dieses Jahres habe ich ein Signal setzen wollen, dass man in der Partei wieder in die Kommunikation hineinkommt. Außer einem Frühstück mit dem Landesvorsitzenden Michael Kretschmer ist da nichts gekommen. Bei dem Treffen haben wir uns über Gott und die Welt unterhalten. Er hat mir für meine Arbeit weiter Unterstützung zugesagt. Aber aus meinem Kreisvorstand kam gar nichts. 

Sie bezeichnen sich gern als "Kohlianer". Wie hat sich die CDU seit Kohl verändert?

Wegen Helmut Kohl bin ich 1990 in die CDU eingetreten. Zwölf Jahre lang durfte ich Kanzler Kohl praktisch als Arbeitskollege im Bundestag dienen. Das hat mich geprägt. Das Konservative in der CDU ist aber ein bisschen abhanden gekommen. Man kann nur Sozialstaat oder Einwanderungsland sein. Beides geht nicht. In der jetzigen CDU sieht man das offenbar anders. Dass ich noch im Bundestag das Aufweichen des Stabilitätskurses bei der Griechenland-Rettung kritisiert habe oder die mangelnde Sicherung der EU-Außengrenzen, kam bei vielen gar nicht mehr an, weil das Medien, auch die Sächsische Zeitung, nicht mehr so genau dargestellt haben. Zur Wahl 2017 hieß es bei vielen nur: Die CDU muss weg. Da war ich ein Kollateralschaden. Aber ich bin nicht nachtragend.

Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik, an Griechenland-Paketen, Medienschelte - steht Ihnen die AfD jetzt näher als die CDU?

Die AfD vom Anfang unter Parteivorsitzenden Bernd Lucke war tatsächlich ein wichtiges, sensibles Element, um auf viele Dinge der Finanzkrise hinzuweisen. Aber was ich jetzt höre, was sich bei dem politischen Wettbewerber abspielt, das ist nichts für mich. Die Gesellschaft darf nicht weiter gespalten werden. Bei aller nötigen Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen darf man auch nicht so tun, als sei die gesundheitliche Problematik aus der Luft gegriffen. Man muss über alles reden - ohne Tabus - aber auch ohne Schaum vorm Mund und respektvoll. In all den Jahren habe ich vertrauliche, fast freundschaftliche Kontakte in alle anderen Parteien hinein entwickelt, nur nicht zur AfD. Manchmal sage ich den Menschen in Diskussionen auch: Da müssen Sie sich an meine Nachfolgerin wenden. Dann wird nur gelacht und abgewunken.

Hunderte Termine, die Sie seit 2017 besucht und auch selbst initiiert haben, sprechen nicht dafür, dass Sie sich ins Privatleben zurückziehen werden. Wird es ein Comeback in einer anderen Partei geben?

In einer anderen Partei ist das ausgeschlossen. Ich bin kein Politik-Surfer. Für mich ist nicht wichtig, dass ich Mitglied einer Partei bin, sondern dass ich für die Menschen in der Region etwas tue. Das habe ich eigentlich schon immer getan. Jetzt habe ich mich aber noch mal völlig neu erfunden und mache das alles ganz allein ohne irgendwelche Mitarbeiter. Das kommt offenbar an. Die Reaktionen bestärken mich, das weiter zu tun.

Und würden Sie als Unabhängiger für den Bundestag kandidieren?

Schauen wir mal. Darauf werde ich tatsächlich hin und wieder angesprochen, von Weggefährten und anderen. Als Bürger für die Bürger könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Ich behalte mir vor, zu gegebener Zeit darüber nachzudenken. Es gibt ja auch noch nicht mal einen konkreten Wahltermin.

Wenn sich aber Persönlichkeiten finden würden, die Sie unterstützen, könnten Sie sich eine Kandidatur aber vorstellen?

Ja. Das wäre eine Option.

Würden Sie gern noch einmal gegen Frauke Petry antreten?

Um das noch mal ausdrücklich zu sagen: Mein Antrieb ist nicht die Rache oder Ähnliches. Die Entscheidung von Frau Petry für diesen Wahlkreis war ja damals ein strategischer. Das hat aber offenbar nur die AfD und nicht die CDU verstanden. Gegen eine Vorsitzende einer Partei, die sich damals gerade im Aufwind befunden hatte, habe ich mir schon mehr Unterstützung aus den CDU-Gremien gewünscht. Mir fehlt aber die Phantasie, mir vorzustellen, dass sie mit ihrem politischen Werdegang noch mal zu einer Wahl antritt.

Sind Sie sich nach der Wahl jemals begegnet?

Einige Male, etwa beim Neujahrsempfang in Pirna, bei der Grundsteinlegung fürs neue Gymnasium in Wilsdruff oder auch beim Ski- und Eisfasching in Geising, den ich auch immer unterstützt hatte, als sie dort mit Kindern und Kamera angerückt kam. Dann ward sie aber auch nicht mehr gesehen. Ich muss jedoch sagen: Mein Wunsch, mit dieser Person zusammenzutreffen, hält sich in Grenzen.

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