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Immer mehr Männer werden Erzieher

Kitas haben es weiterhin schwer, dringend benötigtes Personal zu finden. Gesucht werden Frauen und Männer jeden Alters.

Von Gunnar Klehm
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Erzieher Sebastian Heller beschäftigt sich in der Kita Glückskäfer in Dippoldiswalde gerade mit Sophie und Anton.
Erzieher Sebastian Heller beschäftigt sich in der Kita Glückskäfer in Dippoldiswalde gerade mit Sophie und Anton. © Egbert Kamprath

Der Geräuschpegel schwellt an. Für die sechs kleinen Kinder im Raum scheint das die normale Verständigung zu sein. Ruhig aber bestimmt spricht Sebastian Heller auf eines der Kinder ein. Das lächelt als Antwort nur zurück und widmet sich wieder der Eisenbahn, mit der es gerade spielt.

Auch wenn es zum Feierabend wieder anstrengend gewesen ist: "Ich würde keinen anderen Beruf mehr wollen", sagt Heller. Seit mehr als zehn Jahren kennt der 29-Jährige die Tagesabläufe in der Kindertagesstätte "Glückskäfer" in Dippoldiswalde. In seiner Ausbildung zum Sozialassistenten brauchte er vor vielen Jahren ein Praktikum in der Behindertenpflege. In der Dippser Einrichtung des Vereins Lebenshilfe wurde er fündig.

Heller schloss danach noch die dreijährige Ausbildung zum Erzieher an und gehört nun schon zum Stammpersonal. Kita-Leiterin Ute Kobstädt betrachtet es als eine Bereicherung, dass auch ein Mann zum Team gehört. "Männer gehen an viele Dinge etwas anders heran. Das sieht man besonders beim Bauen, Klettern oder Fußball-Spielen", sagt Kobstädt. Als sie plötzlich eine Erzieher-Stelle frei hatte, holte sie Heller ins Haus.

Männer-Anteil über dem Bundesdurchschnitt

Insgesamt sind die Kitas zwar weiterhin eine Frauen-Domäne. Aber die Zahl der Männer wächst von Jahr zu Jahr. Derzeit arbeiten in Sachsen schon mehr als 3.500 Männer als Erzieher in verschiedensten Einrichtungen. Lag der Männeranteil 2006 noch bei 1,5 Prozent, ist er nun auf 9,3 Prozent gewachsen, teilt das Kultusministerium mit. Sachsen liegt damit über dem Bundesdurchschnitt, der bei sieben Prozent liegt.

"Auch die Zahl der männlichen Fachkräfte im Bereich der Kita-Leitung ist gewachsen", erklärt Kultusminister Christian Piwarz (CDU). 267 Kitas in Sachsen werden von einem Mann geleitet, was 8,9 Prozent entspricht. 2008 waren lediglich 28 Männer in einer Kita-Führung tätig. "Wir sind auf einem guten Weg hin zu gemischten Kita-Teams. Das ist gut so, denn Kinder brauchen Frauen und Männer als Bezugspersonen", sagt der Minister.

Auch die Zahl der Tagesväter, die Kinder im Alter bis zu drei Jahren betreuen, ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Waren es 2006 überschaubare 14, sind es 2020 bereits 115 Tagesväter sachsenweit. "Die ersten Tagesväter hatten mit Vorbehalten zu kämpfen. Umso mehr freut es mich, dass die anfänglichen Bedenken langsam einer Akzeptanz weichen", so Piwarz.

Rentnerin hilft in Kita mit

Mit mangelnder Anerkennung hatte Sebastian Heller in seinem Freundes- und Bekanntenkreis eigentlich nie Probleme. "Wenn irgendwie mein Beruf zur Sprache kommt, ziehen die meisten eher den Hut", sagt er. Die Kita der Lebenshilfe ist zudem eine besondere Herausforderung. 22 Kinder werden in sogenannten Regel-Gruppen betreut, 16 Kinder in Heilpädagogischen Gruppen. "Jedes Kind hat ein anderes Problem, auf das man eingehen muss", sagt Heller.

So ist jeder Tag in der Kita anders. Zurzeit ist wegen der Corona-Maßnahmen nur eine Notbetreuung möglich. Eines bleibt aber immer gleich: "Wenn ich Fortschritte bei den Kindern sehe, freue ich mich, einen Anteil daran zu haben", sagt er.

Auch wenn die Kita-Leiterin Wert auf gemischte Teams legt, ist sie aktuell froh, nicht nach zusätzlichem Fachpersonal suchen zu müssen. Auf dem Arbeitsmarkt sind kaum noch geeignete Beschäftigte zu finden. Im "Glückskäfer" in Dippoldiswalde hilft deshalb sogar noch stundenweise eine 70-jährige Erzieherin aus.

Ausbildung auch im Landkreis möglich

Um die Situation etwas zu entspannen, wurde jetzt am Berufsschulzentrum Technik und Wirtschaft in Pirna die Ausbildung zur Staatlich anerkannten Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher möglich gemacht. Der Erwerb der Fachhochschulreife ist dabei inklusive. Im August haben 43 junge Frauen und Männer ihre Ausbildung begonnen. Es ist die Hoffnung, dass diese jungen Leute in der Region bleiben, wenn sie hier ihre Berufsausbildung erhalten. Von den 43 neuen Auszubildenden lernen 19 berufsbegleitend.

Anmeldungen für das kommende Schuljahr liegen bereits in Vielzahl vor. Das gelte auch für die neu startende Ausbildung zur Sozialassistentin beziehungsweise zum Sozialassistenten. "Mit diesem Angebot wird eine gute Basis für die dringende Verbesserung des pädagogischen Fachkräfteangebotes im Landkreis geschaffen", heißt es aus dem Landratsamt.

Glücksmomente im Arbeitsalltag

Die Ausbildung ist mittlerweile schulgeldfrei und die Bafög-Förderung möglich. Sebastian Heller musste für seine Ausbildung damals noch zahlen. Wer wissen möchte, ob das ein geeigneter Beruf für einen selbst ist, dem rät Heller, vor der Entscheidung mal ein Praktikum in einer Kindereinrichtung zu machen. Dann merke man schon, ob man dafür geeignet ist.

Der Freistaat unterstützt auch beim Quereinstieg in den Erzieherberuf. 2019 hatten so beispielsweise 44 Männer mit der Erzieherumschulung begonnen. Das waren 19 Prozent aller Teilnehmenden.

Wenn Sebastian Heller zur Arbeit kommt, laufen ihm die Kinder oft in die Arme. "Das sind die Glücksmomente in einem anstrengenden Alltag", sagt Kita-Leiterin Ute Kobstädt.

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