merken
PLUS Pirna

Skandale der Fleisch-Industrie wirken nach

Positiv: Lokale Anbieter steigern Umsatz. Negativ: Gewerkschafter kritisieren Arbeitsbedingungen. Arbeitgeber warnen vor Einschnitten bei Leiharbeit.

Am Familienbetrieb in Dürrröhrsdorf gehen die globalen Krisen fast spurlos vorbei.
Am Familienbetrieb in Dürrröhrsdorf gehen die globalen Krisen fast spurlos vorbei. © Steffen Unger

Die Fleisch-Theken im Handel sind voll. Vom Billig-Erzeugnis für wenige Euro das Kilo bis zum luftgetrockneten Premium-Produkt, das das Zehn- oder Zwanzigfache kostet. Das Angebot wächst. Die Nachfrage sinkt jedoch in Deutschland. Laut einer repräsentativen Umfrage des von Julia Klöckner (CDU) geführten Bundes-Landwirtschaftsministeriums aus dem Frühjahr dieses Jahres essen 26 Prozent der Bundesbürger täglich Wurst oder Fleisch. Fünf Jahre zuvor waren es noch 34 Prozent.

"Also wir merken hier kaum etwas von veränderten Ess-Gewohnheiten", sagt Ralph Ehrentraut, Geschäftsführer der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren. Am guten Umsatz konnten auch sämtliche Skandale in den vergangenen Jahren in der Industrieproduktion um Gammel-Fleisch, Rinderwahnsinn oder Corona-Hotspots nichts ändern. "Im Gegenteil, der Absatz unserer regionalen Produkte wächst dann sogar", sagt Ehrentraut.

Anzeige
Halsschmerzen? Hier gibt’s Tipps aus der Apotheke!
Halsschmerzen? Hier gibt’s Tipps aus der Apotheke!

Im Herbst kämpfen viele Menschen mit Viren und Co. Mit den richtigen Maßnahmen wird Schlimmeres verhindert.

Der Geschäftsführer der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren GmbH, Ralph Ehrentraut, freut sich über das aktuelle Umsatzplus.
Der Geschäftsführer der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren GmbH, Ralph Ehrentraut, freut sich über das aktuelle Umsatzplus. © Steffen Unger

Hochwertige Produkte öfter nachgefragt

Das von ihm geführte Unternehmen ist mit das größte der Branche im Landkreis. Im Vergleich innerhalb der gesamten Fleisch-Industrie ist es aber eher klein. Großkonzerne wie beispielsweise Tönnies, von denen es eine Handvoll in Deutschland gibt, verarbeiten bis zu 25.000 Schweine pro Tag. In Dürrröhrsdorf sind es ein kleiner Bruchteil davon. "Daran wird sich mit mir auch nichts ändern. Wir werden ein Familienbetrieb bleiben", sagt Ehrentraut. 

Am Stammsitz sind etwa 100 Mitarbeiter beschäftigt, mit allen Filialen kommt das Unternehmen auf rund 450 Beschäftigte. In der Entwicklung stehen bleiben will die Firma aber nicht. Es gibt sogar Angebote für Veganer, und zwar im Cateringservice, der in ein Tochterunternehmen ausgelagert wurde. Seit Corona laufe das gut. Erst recht, seit wieder Konfirmationen und Jugendweihen gefeiert werden.

Was Ehrentraut auch gemerkt hat, ist, dass die Kunden öfter zu hochwertigen Produkten aus der Trockenreifung greifen, aber auch direkt zum Werksverkauf kommen, der Frische wegen.

Produktionsleiter Björn Böttger ist für die Qualitätskontrolle verantwortlich.
Produktionsleiter Björn Böttger ist für die Qualitätskontrolle verantwortlich. © Steffen Unger

Zahl der Jobs hat sich halbiert

Die gehäuften Corona-Fälle in einigen Industrie-Betrieben haben auch die Arbeitsbedingungen in der Branche wieder mal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Jetzt rief die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auch Bundestagsabgeordnete aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge auf, in Berlin für das geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Branche zu stimmen. Damit verbessere sich laut NGG nicht nur die Lage osteuropäischer Beschäftigter, die zu prekären Bedingungen bei Subunternehmen arbeiten.

Glaubt man der NGG, ist die Situation in der Region besonders schlimm. So sank die Zahl der Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe innerhalb von 20 Jahren um 41 Prozent. Von 39 Betrieben im Jahr 1999 gibt es heute nur noch 23. Die NGG beruft sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur. Eine eigene Innung in der Handwerkerschaft Südsachsen gibt es nicht mehr. Eine gemeinsame Interessenvertretung wird schwieriger. 

„Diese Konzentration der Produktion hat dazu geführt, dass reguläre Stellen verloren gingen und Arbeiten an Subunternehmen ausgelagert wurden – zu prekären Bedingungen“, betont Volkmar Heinrich, NGG Geschäftsführer Dresden/Chemnitz. Die Zahl sozialversicherungspflichtiger Fleisch-Jobs sank laut Arbeitsagentur im Landkreis binnen 20 Jahren um 56 Prozent. „Durch das geplante Arbeitsschutzkontrollgesetz können auch Arbeitsplätze in der Region entstehen. Das führt zu steigenden Löhnen und zusätzlichen Steuereinnahmen“, erklärt Heinrich.

Dem widerspricht Geschäftsführer Ehrentraut - jedenfalls teilweise. "Die Leiharbeit abzuschaffen, wäre kontraproduktiv. In Stoßzeiten brauchen wir zusätzliche Kräfte, um die Nachfrage abzudecken", erklärt Ehrentraut. Das gilt etwa in der Grillsaison. Leiharbeit sei auch nicht grundsätzlich negativ. "Leiharbeiter haben teilweise höhere Sozialstandards oder verdienen manchmal sogar mehr", sagt Ehrentraut. Für viele Leiharbeiter ist das auch eine Chance auf eine Festanstellung. In Dürrröhrsdorf ist das schon oft vorgekommen, auch wenn das die verleihenden Firmen nicht so gerne sehen.

Kunden schauen nach der Herkunft

Anders sieht das mit Werkverträgen aus. Die sind für kleine und mittelständische Betriebe tatsächlich verzichtbar. "Da gibt es gesetzlich ganz enge Grenzen", so Ehrentraut. Den Werksvertrag-Partnern dürfte keiner weisungsberechtigt sein, sie könnten selbst entscheiden, wie und wann sie ihren Vertrag erfüllen. "Dazu sind bei uns die Arbeitsabläufe viel zu kleinteilig und komplex", sagt der Geschäftsführer. In Industriebetrieben würden tatsächlich Beschäftigte tagelang nur Schweinehälften teilen oder Wiener produzieren. In Dürrröhrsdorf handelt es sich dagegen eher um eine Manufaktur, wo jeder Mitarbeiter täglich zahlreiche Produkte herstellt.

Wegen Corona sei die Arbeitsorganisation noch kleinteiliger geworden. Mitarbeiter müssen gestaffelt Pause machen, damit in den Pausenräumen genügend Abstand gehalten werden kann.  "Beschäftigte sollen vorsorglich auch angeben, in welchen Regionen sie im Urlaub waren", sagt Ehrentraut.

Die anfangs erwähnte Umfrage, der sogenannten Ernährungsreport 2020, hat übrigens  ergeben, dass in Corona-Zeiten häufiger gemeinsam gekocht (21 Prozent) und gegessen wird (28 Prozent). Was die Anbieter im Landkreis zusätzlich freuen dürfte: 83 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen die regionale Herkunft der Produkte wichtig ist.

Bei Stolpen betreibt ein Tochterunternehmen von Dürrröhrsdorfer eine eigene Viehwirtschaft und hat erst im Mai ein Damwildgehege bei Heeselicht übernommen. Weil der Absatz von Wildfleisch ohnehin wächst, werde auch die Zusammenarbeit mit dem Sachsenforst intensiviert.

Ernährungsreport Deutschland 2020

Noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.

Mehr zum Thema Pirna