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Wohlfahrtsverbände warnen vor Kürzungen

Im Gesundheits- und Sozialwesen fehlen Fachkräfte und zusätzliches Geld. Der Verein Lebenshilfe schlägt Alarm.

Mit einer Plakatkampagne, die auch in Pirna 2019 Station machte, machte die Lebenshilfe auf die Arbeit in Pflegeberufen aufmerksam.
Mit einer Plakatkampagne, die auch in Pirna 2019 Station machte, machte die Lebenshilfe auf die Arbeit in Pflegeberufen aufmerksam. © Daniel Schäfer

Der Weckruf an die Politik war nicht zu überhören. "Wir müssen den gegenwärtigen Personalstand wenigstens halten können. Von einer Erhöhung rede ich gar nicht, wenn es um Fachkräfte geht", sagte Ralf Thiele, Vorstandsvorsitzender des Vereins Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital. Den Jahrestag zum 30-jährigen Bestehen nutzte die Lebenshilfe, um den Senioren- und Behindertenbeirat des Landkreises  in die Hohwald-Werkstätten Neustadt einzuladen.

Dabei machten zahlreiche Akteure auf die angespannte Situation in den Wohlfahrtsverbänden aufmerksam. In erster Linie waren die Finanzierung von Leistungen als auch der Fachkräftemangel das Hauptproblem. "Der demografische Wandel wird aktuell zu wenig beleuchtet", erklärte dabei der Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Sachsen, Michael Richter. 

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Die geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich aus dem Berufsleben und die geburtenschwachen bekommen gerade in den Sozialen Berufen mehr zu tun. "Wenn jetzt Strukturen zerstört werden, bekommen wir sie nie wieder", mahnte Richter.  Fast pathetisch fügte Thiele an: "Wir stehen am Eingang zur größten Herausforderung der jüngsten Geschichte."

Leistungen fallen weg

Die Lebenshilfe verfolgt genau die wissenschaftlichen und statistischen Veröffentlichungen zum demografischen Wandel und hat für ganz Sachsen einen Fehlbedarf an Fachkräften im Gesundheits- und Sozialwesen von mehreren tausend Stellen ausgemacht. Laut sächsischem Sozialbericht wird der Bedarf an Beschäftigten bei ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungen von 2015 bis 2030 um rund 35 Prozent steigen. Gleichzeitig sinkt jedoch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um mehr als zehn Prozent.

Fehlen Fachkräfte hat das Folgen für das Sozialgefüge. Frühförderungen und ambulante Leistungen würden demnächst wegfallen, wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht angepasst würden, erklärte Silke Hoekstra, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Sachsen. In anderen Bundesländern gäbe es schon Beispiele dafür.

Wohlfahrtsverbände könnten auch nicht mehr sparen. Das gelte insbesondere für die Verwaltungskosten. "Jeder bei den Kostenträgern weiß, dass die Vorgaben nicht auskömmlich sind. Aber sie könnten auch nichts machen, höre er in fast jeder Verhandlung", sagte Burkart Preuß, der Geschäftsführer der Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital. Dabei erfüllen die Wohlfahrtsverbände staatliche Pflichtaufgaben.

Im Mai 2019 machte die Lebenshilfe bereits mit einer sogenannten "Wertschätzungskampagne" und dazugehörigen Großplakaten auf die Arbeit in Pflegeberufen aufmerksam. Neun Beschäftigte erzählen dabei ihre Geschichte. Das soll die Arbeit würdigen und gleichzeitig Interesse wecken. Schon damals erklärte Thiele: "Wir brauchen nicht mehr Pflegebetten, sondern Menschen, die dran stehen". 

Corona verschärft das Problem

Mit der Kampagne wurde auch auf den immensen bürokratischen Aufwand hingewiesen, der oft an der eigentlichen sozialen Arbeit hindere. Da habe sich wenig bewegt. "Die Leistungserbringer müssen aus den ewigen Verhandlungen mit den Kostenträgern rauskommen. Wir brauchen längere Planungssicherheit", sagte Thiele. Dazu seien Rahmenvereinbarungen wichtig.

Die zusätzlichen Ausgaben aufgrund der Corona-Pandemie verschärfen die Situation weiter. Bund, Länder und Kommunen haben zusätzliche Ausgaben beschlossen. "Unseren Haushalt belasten auch Kürzungen", sagte Kati Kade (CDU), die Sozial-Beigeordnete des Landrats. Den Mahnern im Senioren- und Behindertenbeirat sagte sie, dass "der Appell an die Politik gehen muss". Damit meinte sie die dem Landkreis übergeordneten Parlamente in Freistaat und Bund. 

Corona-Auflagen haben auch bei Pflegeeinrichtungen für Mehrausgaben gesorgt, die aber von den Kostenträgern nicht gedeckt werden. So ist jetzt wesentlich mehr Schutzmaterial notwendig. Den zusätzlichen Kosten stünden zudem Mindereinnahmen gegenüber, wenn beispielsweise Behindertenwerkstätten unter Quarantäne gestellt werden. Normale Firmen erhalten in dem Fall einen Ausgleich für Verluste. Das ging unter anderem im Fall des Fleisch-Verarbeiters Tönnies durch die Medien. Behindertenwerkstätten gehen leer aus, obwohl zur Finanzierung ein Anteil gehört, der selbst erwirtschaftet werden muss. Das ist aber nicht möglich, wenn für die Einrichtung Quarantäne angeordnet wird.

Burkart Preuss (l.) und Ralf Thiele vor dem Sitz der Lebenshilfe auf dem Sonnenstein in Pirna.
Burkart Preuss (l.) und Ralf Thiele vor dem Sitz der Lebenshilfe auf dem Sonnenstein in Pirna. © Norbert Millauer

Lob an den Landkreis

Auch die sogenannten freiwilligen Leistungen müssten weiter gefördert werden, wie etwa Suchtberatungsstellen. Das unterstrichen sowohl Kade als auch Hoekstra. Das Wort freiwillig hieße in dem Zusammenhang keineswegs, dass solche Leistungen verzichtbar seien für die Gesellschaft. 

Allerdings könnte die Warnung nicht bei allen Kreisräten ankommen. Denn nur zwei Ausschussmitglieder aus dem Kreistag folgten der Einladung nach Neustadt. Neben Ralf Thiele, der für die Freien Wähler im Kreistag sitzt, hörte sich auch Holger Brandstädter (CDU) an, was die Akteure zu sagen hatten.

Von denen gab es auch Lob für das Handeln im Landkreis. So wurde etwa eine Sonderlösung für heilpädagogische Kindertagesstätten während des Corona-Lockdowns hervorgehoben. Für diese Einrichtungen galten nicht die finanziellen Hilfen wie für "normale" Kitas, die über eine Mischfinanzierung betrieben werden. Heilpädagogische Kitas werden komplett vom Landkreis bezahlt. 

Zudem wurde auch schnell reagiert, weil manche Eltern das Wohl des Kindes gar nicht allein gewährleisten konnten, wenn hoher Leistungsbedarf bestand. "Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge agiert in vielen Bereichen vorbildlich", lobte auch Michael Richter vom Wohlfahrtsverband Sachsen. Er gab den Mitgliedern des Senioren- und Behindertenbeirates bei der zukünftigen Finanzierung sozialer Leistungen mit auf den Weg: "Bestärken Sie Ihre Landtagsabgeordneten!"

Viele Frauen arbeiten beim Lebenshilfe-Verein

Die Vereine Lebenshilfe Pirna und Lebenshilfe Sebnitz wurden 1990 gegründet und schlossen sich 1994 zusammen. 2008 kam Freital hinzu.

Der Verein betreibt derzeit 25 Einrichtungen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Etwa 1.250 Menschen werden von der Lebenshilfe betreut.

Der Verein selbst hat rund 200 Mitglieder. Meist sind es  Eltern und Angehörige von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung.

Der Jahresumsatz betrug im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 16,6 Millionen Euro.

Von den 331 Beschäftigten sind rund 75 Prozent weiblich. 85 Prozent haben eine fachspezifische Ausbildung. Zehn Prozent der Beschäftigten ist älter als 60 Jahre.

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