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Warum der König den Röhrsdorfer Park liebte

Es war ein Wald und wurde einer der ersten sächsischen Parks im englischen Stil. Die Statuen dort haben eine wechselvolle Geschichte, die noch nicht zu Ende ist.

Mitglieder des Heimatvereins bei der jüngsten Aufräumaktion im Röhrsdorfer Grund.
Mitglieder des Heimatvereins bei der jüngsten Aufräumaktion im Röhrsdorfer Grund. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Schon von Weitem ist am Talausgang des Röhrsdorfer Grundes der heulende Motor einer Kettensäge zu hören. Die Wege sind schlammig und aufgeweicht, die Regenpause in jeder Hinsicht willkommen in diesem April. Eine Gruppe Männer ist am Waldrand zugange und zerlegt einen vom Sturm umgeworfenen Baumstamm, der quer über dem Wanderweg liegt.

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Der Mann an der Kettensäge ist Dietmar Neumann, Vorsitzender des Heimatvereins Röhrsdorf. Wie jedes Jahr findet gerade die Putzaktion im Röhrsdorfer Grund statt. Wege werden vom Laub zu befreit und störendes Geäst beräumt. Seit 2007 engagiert sich der Verein hier im Grund und Park. Vor gut 200 Jahren war der Röhrsdorfer Park ein Prachtstück. Er war einer der ersten in Sachsen, die im englischen Stil aus einem Wald in einen Park umgestaltet wurden. Diesen Zustand annähernd wieder herzustellen, ist noch ein gutes Stück Weg.

Am Anfang war ein besonderer Frühling

Der Anfang der Röhrsdorfer Parklandschaft liegt weit zurück: Das Jahr 1771 hatte damit begonnen, dass bereits im März sommerliche Temperaturen die Kinder erfreuten - die Bauern aber mit Sorge erfüllten. Sie sollten recht behalten: Ende März kehrte der Winter zurück. Über eine Woche lang schneite es und Wintergewitter zogen durchs Land. Selbst die Alten konnten sich an so ein extremes Wetter nicht erinnern.

Das Monument der Freundschaft.
Das Monument der Freundschaft. © Matthias Schildbach

Der Winter hielt ungewöhnlich lange an. Erst Mitte Mai begann der Schnee zu tauen. Die Bauern sorgten sich um ihre Felder, bis jetzt war an eine Aussaat nicht zu denken. Acht Wochen lang fiel danach kein Tropfen Regen. Zu Beginn des Juli zog ein Gewitter auf, das die ohnehin kümmerlich gediehenen Felder vollends vernichtete. Die Ernte war verdorben, die Preise für Lebensmittel stiegen rasant.

Der Hunger zog ins Land und mit ihm der Tod. Im Herbst und Winter wurde die Not am größten. Bettler zogen durch die Dörfer. In Häuser und Höfe wurde eingebrochen, um etwas Nahrhaftes aufzustöbern. Die Schwächsten raffte der Tod zuerst dahin: Kinder, Alte und Kranke. Erst als das Kurfürstentum Sachsen russische Kornvorräte kaufte, linderte sich die Not wieder.

Das Denkmal der Liebe.
Das Denkmal der Liebe. © Matthias Schildbach

Das Sterben betraf vor allem die höheren Regionen des Erzgebirges. In den unteren Gegenden plagte die enorme Teuerung die Menschen. Nahrungsmittel kosteten inzwischen mehr als das Zehnfache. Schloss und Rittergut Röhrsdorf gehörten damals Obersteuer-Direktor Georg Heinrich I. von Carlowitz (1737-1816). Er hatte eine nutzbringende und äußerst soziale Idee: Da er seine Parkanlagen erweitern und verschönern wollte, tat er das jetzt in der Not und schuf damit Arbeitsplätze, die halfen, die materiellen Entbehrungen zu lindern.

Der jugendliche Atoll. Aus: Bergblumen 1887.
Der jugendliche Atoll. Aus: Bergblumen 1887. © Repro: Matthias Schildbach

Der Park zog sich einst vom Schloss zum Teich der Rietzschke, durch den Briesengrund bis zum Pfitzteich hinauf. In großen Teilen war er von einer Mauer umgeben. Von Carlowitz ließ prachtvolle Gedenksteine, Denkmale, Statuen, Ruhebänke und Unterkunftshütten anlegen, die mit geologischen Artefakten aus der Region ausgestattet waren. Kunstvolle Gebilde aus Stolpener Basaltsäulen und Basaltknollen vom Wilisch wurden geschaffen. Marmor aus Maxen, Amethyste aus Schlottwitz, Konglomerate und Quarzitblöcke fanden kunstvolle Verarbeitung. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte der Röhrsdorfer Park eine Blütezeit.

Der König kam öfters vorbei

1887 widmete der Gebirgsverein für die Sächsisch-Böhmische Schweiz dem Röhrsdorfer Park einen Beitrag in seiner Vereinszeitschrift "Bergblumen" und dokumentierte in Zeichnungen einige Denkmäler. Dort heißt es unter anderem: „Wie Dornröschen schläft in grüner Waldeinsamkeit der im Tale bei Röhrsdorf angelegte Park. Wenig, fast gar nicht besucht, wird durch kein Geräusch der Frieden gestört. Nur heller Vogelsang tönt in den Zweigen und leis´ und träumerisch murmelt das kleine Bächlein durchs das üppig bewaldete Tal und über die saftig grünen Wiesen..." Dort ist auch zu lesen, dass König Anton Gefallen am Park fand und er oft während er in Weesenstein wohnte, nach Röhrsdorf kam, um hier mit der befreundeten Familie von Carlowitz zu spazieren.

Zerstört, restauriert und wieder zerstört

Leider wurden dann viele Denkmale und Statuen sowie die hübsche Einsiedelei zerschlagen und zerstört worden. Schon damals fragte man sich, wie die "reizenden Anlagen" zu erhalten seien und was man tun könnte, um sie auch zum Andenken an dem gütigen König wieder erstehen zu lassen.

Max Zieger, Zimmermann von Beruf und zuletzt Mitarbeiter an einem Münchener Theater, verbrachte um 1887 jede freie Minute im Röhrsdorfer Grund. Er restaurierte penibel jedes einzelne Denkmal und leistete damit einen wertvollen Beitrag für den Erhalt vor allem der sandsteinernen Monumente für die Gegenwart.

Die Denkmäler der Liebe und der Freundschaft. Aus: Bergblumen 1887.
Die Denkmäler der Liebe und der Freundschaft. Aus: Bergblumen 1887. © Repro: Matthias Schildbach

Die Jahre des Mangels und Elends nach den beiden Weltkriegen führten zum erneuten Verfall des Parkes. Schloss Röhrsdorf war im Zuge der Bodenreform Volksgut geworden. Die in der dortigen Landwirtschaftsschule untergebrachten Lehrlinge randalierten im Park und zerstörten viele der alten Monumente. Die Anlagen zwischen Schloss und Rietzschke-Teich wurden abgeholzt und an deren Stelle Eigenheime für die Arbeiter des Volksgutes errichtet. Die Orangerie wurde weggerissen, geistesgegenwärtige Einwohner retteten einige der Statuen vor dem endgültigen Zerfall oder der Vernichtung. Die schönen Statuen „Bacchus“ und „Flora“ fanden durch die Bemühungen des Burgstädtler Malers Gerhard Schiffel einen neuen Platz im Park des Gutes Gamig. Einige andere Statuen stehen wieder am Schloss Röhrsdorf.

Zwei Juwelen

Dietmar Neumann ist stolz darauf, dass der Röhrsdorfer Grund in den letzten Jahren nicht nur seine Würde zurückerhalten hat, sondern wieder etwas ganz Besonderes, ein Juwel seines Heimatortes geworden ist. Langfristig möchte er die Denkmale unter denkmalschutzrechtlichen Aspekten sanieren lassen. Auch eine Ausschilderung wäre nicht schlecht, sagt er. Das Wertvollste jedoch sei, dass er hier nicht allein steht. Sicher wäre es wünschenswert, wenn auch mehr Junge im Heimatverein wären. Das älteste Mitglied ist immerhin 92 Jahre alt. Gut 20 Helfer sind an diesem Tag beim Arbeitseinsatz dabei. "Die Mitstreiter sind unser zweites Juwel", sagt Neumann.

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