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SOE: Der Stromausfall und seine Folgen

Rund eine Stunde war die Versorgung in Pirna, Freital und anderen Orten unterbrochen. Das macht deutlich, wie verletzlich manche Systeme sind.

Kassen im Batteriebetrieb: Christoph Weigelt (hinten), Marktchef im Pirnaer Edeka, und Mitarbeiter Michael Schubert nach dem Stromausfall.
Kassen im Batteriebetrieb: Christoph Weigelt (hinten), Marktchef im Pirnaer Edeka, und Mitarbeiter Michael Schubert nach dem Stromausfall. © Daniel Förster

Ein einziger Folienluftballon hat am Montag gereicht, um in Dresden und Umgebung großes Chaos zu stiften. Der Flugkörper ist, so die bisherigen Erkenntnisse der Polizei, in einem Umspannwerk in Dresden-Zschachwitz offensichtlich zwischen zwei Leiter geraten und hat einen Kurzschluss ausgelöst. Passiert ist das 13.53 Uhr, danach waren 300.000 Haushalte ohne Strom, viele davon in Pirna, Freital, Heidenau, Rabenau, Kreischa und Dippoldiswalde. Getroffen hat es auch den Verkehr, weil Ampeln ausfielen, aber auch die Telefonnetze. Hier lesen Sie, welche Auswirkungen der Blackout im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hatte und was für eine solche Havarie als Vorsorge empfohlen wird.

Sind Menschen in Lifts steckengeblieben?

Erkenntnisse dazu liegen insbesondere aus Pirna vor. Personen sind in den Aufzügen der 17-Geschosser und anderer Hochhäuser auf dem Sonnenstein offenbar nicht steckengeblieben. "Wir hatten keine Notrufe, und folglich mussten keine Menschen in den Liften evakuiert werden", sagt Sören Sander von der WGP-Geschäftsleitung. Mehr als ein leichtes Ruckeln haben indes die Fahrgäste im großen Personen- und Lastenaufzug der Festung Königstein vom Stromausfall nicht mitbekommen. Das Ruckeln entstand durch das Umschalten auf den Notstrombetrieb, sagt Hardy Hochgräf, der Technische Leiter der Festung.

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Erstmals Late Night Shopping auf der Hauptstraße in Dresden
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Am Freitag, 1. Oktober, haben viele Geschäfte auf der Einkaufsmeile am Goldenen Reiter bis 23 Uhr geöffnet.

In den Aufzügen, von denen es im Pirnaer Scheunenhofcenter mehrere gibt, blieb niemand stecken, da sie über ein Sicherheitssystem verfügen: Fällt der Strom aus, fahren die Fahrstühle einmalig ganz nach unten bis zur Tiefgarage, dort können dann die Insassen problemlos aussteigen. Einzig die Schranke in der Tiefgarage sorgte für einige Wartezeiten. Weil sie sich wegen des fehlenden Stroms zunächst nicht öffnen ließ, konnten mehrere Kunden eine Zeit lang nicht mit ihren Autos aus der Tiefgarage fahren. Ein Techniker öffnete die Schranke später manuell.

Wie sah es auf den Straßen aus?

Der Stromausfall am Montagnachmittag hat den Straßenverkehr in Pirna gehörig durcheinandergebracht und an mehreren Stellen für Staus gesorgt. Besonders davon betroffen waren die Volkshaus- sowie die Feldschlösschenkreuzung in der Innenstadt, aber auch die Kreuzung an der Wesenitztalschänke in Copitz. „Der kurze Ausfall hat schon gereicht, dass sich der Verkehr an einigen Knotenpunkten mächtig gestaut hat“, sagt Stadtsprecher Thomas Gockel. Wegen des Interruptus im Stromnetz waren zeitgleich auch sämtliche Ampeln in Pirna ausgefallen. Auch in Freital fielen die Ampeln aus - hier dauerte es teilweise bis Dienstagnachmittag, die Anlagen wieder zum Laufen zu bringen. Zwar gibt es einen zentralen Rechner, der die Ampeln steuert, aber die Anlagen kommunizieren über Modems mit der Zentrale. Diese Modems mussten erst händisch wieder hochgefahren werden, heißt es aus dem Freitaler Rathaus. Eine Pufferlösung, um die Ampeln etwa in Pirna bei einem Stromausfall noch für eine Weile funktionsfähig zu halten, gibt es nicht. „Wenn der Strom weg ist“, sagt Gockel, „dann sind die Ampeln auch aus.“

Mussten Geschäfte schließen?

Wo der Strom weg war, war auch die Beleuchtung und zumeist die Stromversorgung der Kassen gekappt. Beispiel Scheunenhofcenter in Pirna: „Auf einen Schlag war alles aus“, sagt Edeka-Marktleiter Christoph Weigelt, „daher mussten wir dann auch das gesamte Center schließen.“ In den Kassen im Edeka-Markt sind Akkus eingebaut, daher funktionieren sie auch ohne Strom noch etwa eine halbe Stunde. Das hilft, um beispielsweise noch im Markt verbliebene Kunden abzukassieren. Die Kühl- und Gefriertruhen im Frischemarkt halten ohne Strom etwa sechs bis acht Stunden durch, ohne dass die Ware Schaden nimmt. Das Fleisch aus den Frischetheken-Auslagen beispielsweise räumten die Mitarbeiter am Montag rasch in die schützenden Kühltruhen.

Wie haben Betriebe den Blackout verkraftet?

Ziemlich heftig hat der Stromausfall die Fahrzeugelektrik Pirna (FEP) – mit rund 450 Beschäftigten Pirnas größter Arbeitgeber im Produktionsbereich – getroffen. Nach Aussage von Unternehmenssprecher Daniel Rabe sei der Stromausfall am Montag einer der längsten in der jüngeren Geschichte der FEP gewesen. Etwa 70 Minuten lang war der Strom weg.

Das hatte drastische Folgen: Der Produktionsausfall inklusive der Anfahrprozesse umfasst einen Zeitraum von ein bis zwei Schichten – also acht bis 16 Stunden. Das Problem dabei: Durch den ungeplanten Stromausfall wurden die Produktionsprozesse abrupt und nicht geordnet beendet. Dies könne laut Rabe zu Schäden an Maschinen oder Werkzeugen führen. Nach derzeitigem Stand habe der Stromausfall am Montag aber zu keinen größeren Schäden an Maschinen und Werkzeugen geführt.

Die Produktion ruhte insgesamt acht Stunden, bis zu 16 Stunden dauerte es, die Produktion anschließend wieder hochzufahren. Pufferspeicher für den Produktionsbereich gibt es nicht, aufgrund des hohen Energiebedarfs der Produktionsanlagen ist auch eine Notstromversorgung für die Produktion nicht vorhanden.

Zu Produktionsunterbrechungen kam es auch im Freitaler Edelstahlwerk und in der Papierfabrik Hainsberg. Details dazu wurden zunächst nicht bekannt. Im Edelstahlwerk, so hieß es aber in einer ersten Info, werden die Schäden nicht so hoch sein wie im November 2019. Damals kletterte eine Frau auf einen Strommast, die Versorgung war drei Stunden lang unterbrochen, um das Leben der Betroffenen zu retten.

Im Hochsicherheitsbetrieb Papierfabrik Königstein reichte der Notstrom nur, um die Sicherheit aufrechtzuerhalten. Nach dem einstündigen Stromausfall am Montag dauerte es rund 18 Stunden, die Produktionsanlagen wieder hochzufahren, sagt Werkleiter René Steiger. Hohe Sicherheitsstandards gelten auch für das Chemiewerk Schill+Seilacher in Pirna. Laut Betriebsleiter Uwe Dittrich lief die Versorgung per Notstromaggregat am Montag einwandfrei, bereits nach 45 Minuten konnten die Anlagen wieder hochgefahren werden, die Produktionsausfälle waren daher nur gering. Von vergleichsweise geringen Schäden hat die Mühle Uhren GmbH aus Glashütte berichtet. So kamen in der Teilefertigung die CNC-Bearbeitungszentren zum Stillstand. Dabei wurde ein Bohrer beschädigt, da er sich im bearbeiteten Rohling verklemmt hatte. Die Rohlinge, die zum Zeitpunkt in den CNC-Maschinen bearbeitet wurden, sind verloren. Die Mitarbeiter wurden zudem nach Hause geschickt, weil unklar war, wie lange der Stromausfall dauert.

Gibt es andere Betroffene?

Zu einem Folgeschaden führte die Havarie am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna. "Aufgrund einer planmäßigen Stromabschaltung am vergangenen Freitag und des Stromausfalls am Montag kam es zu einer Überlastung unserer Brandschutzanlage, die jetzt defekt ist. Ein ordnungsgemäßer Schulbetrieb ist zurzeit nicht möglich", sagte Schulleiter Kristian Raum auf Nachfrage von Sächsische.de. Deshalb fiel der Präsenzunterricht aus, die Schüler bekommen über Lernsax Aufgaben zugeteilt.

Es handele sich um eine Sicherheitsmaßnahme. Die Brandschutzanlage wird derzeit repariert.

Wie kann jeder Einzelne Vorsorge treffen?

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Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hält einige Tipps für die Blackout-Vorsorge bereit. Es geht nicht nur darum, genug Taschenlampen, Kerzen und Feuerzeuge im Haushalt zu haben. Ein Camping-Kocher oder ein Grill (nur für draußen) können das letzte Mittel sein, um Mahlzeiten warmzumachen. Empfohlen wird auch, Bargeld zu bevorraten, weil bei einem Stromausfall die Geldautomaten nicht funktionieren. Zu guter Letzt sei man im Vorteil, wenn man noch ein batteriebetriebenes Radio besitzt, um auch beim Zusammenbruch des Internets Informationen zu empfangen.

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