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„Ich musste die Frauen überzeugen“

Wechsel waren in der DDR zumeist Delegierungen. Es gab aber auch andere Wege, wie sie Gottfried Matthes beschritt.

Dynamos Hans-Uwe-Pilz (rechts) überläuft 1987 in einem Oberligaspiel die beiden Auer Andre Köhler (links) und Steffen Krauß. Die Dresdner gewannen in Aue mit 2:1. Pilz war einst von Zwickau zu Dynamo gewechselt. Gottfried Matthes hatte den Wechsel des
Dynamos Hans-Uwe-Pilz (rechts) überläuft 1987 in einem Oberligaspiel die beiden Auer Andre Köhler (links) und Steffen Krauß. Die Dresdner gewannen in Aue mit 2:1. Pilz war einst von Zwickau zu Dynamo gewechselt. Gottfried Matthes hatte den Wechsel des © Frank Kruczynski

Der Fußball ist ohne Scouts und Spieler-Berater nicht mehr denkbar. In der DDR gab es diese Tätigkeit offiziell nicht. Die besten Spieler wurden innerhalb der Bezirke zu den Schwerpunktvereinen delegiert. So kamen spätere Nationalspieler wie Peter Kotte, Ulf Kirsten oder Ralf Minge zu Dynamo Dresden.

Um im Kampf um die Meisterschaft und den Pokal ein Wort mitreden zu können, vor allem aber im Europapokal-Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein, suchten die Vereine auch nach anderen Wegen, um die besten Spieler des Landes über die Bezirksgrenzen hinaus zu ihren Vereinen zu locken. Die Methoden waren sehr unterschiedlich. Bei Dynamo Dresden rückte in den 80er-Jahren vor allem ein Mann in den Mittelpunkt: Der ehemalige Spieler Gottfried Matthes, der im April 2019 im Alter von 81 Jahren verstarb. Er ging für die Schwarz-Gelben als sogenannter Spielerzieher auf Werbetour, ausgestattet mit einem Presseausweis, der ihm einige wichtige Türen öffnete. „Ich schrieb damals für eine Dresdner Tageszeitung Fußballberichte, daher war mein Ausweis legal“, erzählte Matthes viele Jahre später. „Hinter dem BFC Dynamo stand damals Stasichef Erich Mielke und hinter Jena der Kombinatschef Biermann von Carl Zeiss. Beiden Klubs wurden viele Wünsche erfüllt, daher musste man sich in Dresden etwas einfallen lassen.“

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Matthes war im Hauptberuf Sportlehrer, für den Nebenjob als Spieler-Zieher bekam er Aufwandsentschädigungen und Prämien. Alles begann zu der Zeit, als Gerhard Prautzsch, den er aus seiner aktiven Spielerzeit kannte, Cheftrainer bei Dynamo wurde (1978 bis 1982). „Er fragte mich eines Tages, ob ich in seinem Auftrag interessante Spieler ansprechen würde. Später habe ich den Nebenjob auch unter Klaus Sammer und Eduard Geyer weiter betrieben.“ So warb Matthes Spieler wie Hans-Uwe Pilz (Zwickau) oder Andreas Wagenhaus (Halle) erfolgreich an, bei anderen, wie Aues Torhüter Jörg Weißflog blieb der Erfolg aus.

Wohnung, Auto und mehr Geld

„Wichtig war, ich musste die Spieler-Frauen überzeugen und sie auf meine Seite bekommen. Denn die hatten meistens großen Einfluss auf die Entscheidungen der Fußballer“, berichtete Matthes. Die „Lockmittel“ lagen auf der Hand: eine Wohnung, ein Kindergartenplatz, ein Auto, Arbeit für die Frau und natürlich auch mehr Geld. Auch die Tatsache, dass Dynamo ein Polizeiverein war, spielte keine unwesentliche Rolle: „Die Spieler wurden dadurch nicht zum Wehrdienst eingezogen.“ Zudem spielten die Dresdner auf europäischer Bühne, in Lissabon, Madrid oder Liverpool, „und damit gab es auch Devisen, die natürlich auch sehr gefragt waren“.


Ließ sich verrückte Sachen einfallen: Gottfried Matthes.
Ließ sich verrückte Sachen einfallen: Gottfried Matthes. © Thomas Kretschel/kairospress

Die Vorgehensweisen waren verschieden, der erste Treffpunkt oft in einer Autobahnraststätte. „Schwierig war, an die Telefonnummern heranzukommen, denn die standen in keinem Telefonbuch. Da musste hin und wieder auch eine Notlüge herhalten.“ So meldete sich Matthes einst als Vater einer Tochter, die angeblich von Jörg Weißflog ein Kind erwartete. Er wolle das vernünftig klären, meinte Matthes gegenüber der Sekretärin des Vereins in Aue. Schließlich war Weißflog ein verheirateter Familienvater. Dynamos Spieler-Zieher bekam die Nummer und meldete sich beim Auer Torhüter – natürlich nicht mit seiner frei erfundenen Geschichte, sondern mit dem Angebot der Dresdner. Weißflog blieb allerdings nach einer Bedenkzeit bei seinem Klub, wohl auch, weil er in Aue längst Kultstatus erreicht hatte.

Mit der Wende waren die Dienste von Gottfried Matthes, der als Spieler für den SC Einheit Dresden (Pokalsieger 1958) und Dynamo am Ball war, nicht mehr gefragt. „Mit meinem Presseausweis kam ich in der DDR immer an die Spieler heran, oft sogar bis in die Kabine. Das wäre nach 1990 undenkbar gewesen.“ Dem Fußball blieb Matthes bis ins hohe Alter aktiv verbunden. Mit 69 Jahren übernahm er das Training der Heidenauer Torhüter. Von 2008 bis 2013 übte er diese Tätigkeit beim FV Blau-Weiß Stahl Freital aus.

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