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Südumfahrung: Uralte Linden gerettet

Die Bäume oberhalb des Kohlbergtunnels in Pirna wurden von Misteln befreit und verschnitten. Denn sie dienen als wichtiger Lebensraum.

Tunnelanstich im September in Pirna: Oben rechts ist die geschützte Lindenreihe zu sehen.
Tunnelanstich im September in Pirna: Oben rechts ist die geschützte Lindenreihe zu sehen. © Daniel Förster

Mit dem Bau der Pirnaer Südumfahrung, die die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) derzeit errichten lässt, gehen auch erhebliche Eingriffe in die Landschaft einher. Besonders heikel ist der Bereich am Kohlberg, durch den einmal ein 300 Meter langer Tunnel führen wird.

Auf der Bergkuppe steht ein über 150 Jahre alter Mischwald, der streng geschützt ist. Daher darf der Tunnel auch nicht in offener Bauweise gebaut, sondern muss bergmännisch durch das Massiv getrieben werden.

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Einiger dieser Bäume nahmen sich Umwelt-Fachleute nun ganz besonders an. Zwischen der Südumfahrung-Trasse am Kohlberg und dem Baustellenquartier der Tunnelbauer finden sich Reste einer früheren Lindenreihe. Laut Götz-Hagen Oeser, zuständig für die ökologische Baubegleitung an der Südumfahrung, waren vor Baubeginn des Tunnels nur noch acht der etwa 150 Jahre alten Bäume vorhanden, die unterschiedliche Lebenszeichen zeigten.

Einer dieser Bäume musste in diesem Jahr gefällt werden. Um die verbliebenen sieben höhlenreichen Altgehölze zu erhalten, wurden am Kohlberg Zonen eingerichtet, die für die Bauleute tabu sind. Der Zustand der Linden ist sehr unterschiedlich. Von einigen stehen nur noch Stammbruchstücke ohne Krone mit nur noch wenigen frischen Trieben, andere sind besser erhalten, die größte Linde mit Krone ist 15 Meter hoch und hat einen Stammdurchmesser von 1,50 Meter. Laut Oeser sind diese Gehölze aufgrund ihres Alters, ihrem Höhlenreichtum und der teilweisen Besiedlung durch den streng geschützten Eremit (Juchtenkäfer) ökologisch äußerst wertvoll.

Äste brechen unter der Mistel-Last

Es gab allerdings ein gravierendes Problem: Die alten Bäume waren stark von der sogenannten weißbeerigen Mistel befallen. Für gesunde Bäume stellen Misteln nach Aussage von Oeser in der Regel weniger eine Gefahrenquelle dar. Allerdings kann ein massiver Mistelbefall, verbunden mit anderen starken Vorschäden, zum Problem für die Bäume werden.

An den alten Linden war zu beobachten, dass unter der Last der Misteln Äste abstarben und verbliebene Stammrelikte auseinanderbrachen. Schuld an der Misere sind laut Oeser aber nicht die Misteln, sondern vielmehr die Vorschäden, die die ungewöhnlich lang anhaltende Trockenzeit in den vergangenen drei Jahren an den Gehölzen hinterließ. Die Misteln zu verbannen, sei aus Oesers Sicht falsch, weil unter anderem ihre gut sichtbaren weißen Beeren seltenen, geschützten heimischen Vögeln als Winternahrung dienen.

Rigoroser Schnitt war notwendig

Weil aber die Lebenskraft der Linden stark abgenommen hatte, was laut Oeser nichts mit dem Bau der Südumfahrung zu tun hat, war allerdings zu befürchten, dass nicht mehr alle dieser Bäume das Ende der Bauarbeiten am Kohlbergtunnel erleben. Daher entschlossen sich Bauleitung, Umweltbaubegleitung und Naturschutzbehörde dennoch zu einem Eingriff. Mit einem Pflegeschnitt sollten nicht nur die Misteln entfernt, sondern auch die Kronen massiv gestutzt werden. Diese Arbeiten wurden jetzt im Auftrag der Deges von einer Fachfirma erledigt.

Dieser Beschnitt, so Oeser, wirke auf den ersten Blick zwar sehr rigoros und wie eine Baumbeschädigung, sei aber in diesem Umfang notwendig gewesen. Denn nur so können die Winterlinden neue Triebe bilden, nur auf diese Weise lassen sich die alten Stämme erhalten, damit sie ihren Bewohnern - Vögel, Fledermäuse, Käfer, Ameisen - noch zumindest für das nächste Jahrzehnt als Wohnstätte dienen.

Derart rigorose Rückschnitte von Winterlinden, sagt Oeser, fänden sich häufig in Parks und an Straßenbäumen. Trotz des massiven Eingriffs würden die Gehölze immer wieder frische Triebe bilden. Man hätte zwar auch dem Leben seinen Lauf lassen können, doch erschien hier der Umweltnutzen auf Seiten des Eremit, der höhlenbewohnenden Fledermäuse und der höhlenbrütenden Vögel sehr deutlich zu überwiegen.

Die größte der drei unteren Linden, hier noch mit Mistelbefall: 15 Meter hoch, 1,50 Meter Stammdurchmesser.
Die größte der drei unteren Linden, hier noch mit Mistelbefall: 15 Meter hoch, 1,50 Meter Stammdurchmesser. © Deges
Blick auf die vier oberen Linden direkt am Weg auf den Kohlberg, hier noch vor Beginn des Schnitts.
Blick auf die vier oberen Linden direkt am Weg auf den Kohlberg, hier noch vor Beginn des Schnitts. © Deges
Blick auf die zwei Linden neben dem Tunnelbauer-Lager nach dem Beschnitt.
Blick auf die zwei Linden neben dem Tunnelbauer-Lager nach dem Beschnitt. © Deges

Verborgene Höhlen, aber keine Bewohner

Bevor jedoch die Säge zum Einsatz kam, kontrollierten die Umwelt-Experten die zu entfernenden Star-Kästen auf Höhlen und Spalten und prüften, ob sich darin Fledermäuse für den Winter einquartiert hatten. Mit einer Hubbühnne fuhren die Fachleute bis ganz nach oben, um auch die höher liegenden Teile der Bäume zu überprüfen. Schließlich galt es zu vermeiden, dass die Fledermäuse aufgrund einer vorschnell angesetzten Säge möglicherweise obdachlos werden.

Nach der Kontrolle gab Oeser Entwarnung, die Arbeiten konnten wie geplant beginnen. Um die Baumsubstanz nicht unnötig zu schädigen, wurden die stärkeren Äste und Stämme in etwa ein bis zwei Meter lange Stücke zerlegt. Die entfernten Starkästen und Stammstücke wurden am Boden noch einmal auf verborgene Höhlen und gegebenenfalls darin vorhandene Bewohner untersucht.

Zwar fanden sich teilweise größere Höhlen, aber darin keine Spuren von Fledermäusen oder des Eremiten. Die stärkeren Stammstümpfe verschlossen die Fachleute zum Schutz vor eindringender Nässe zum Schluss noch mit wasserdichter Folie.

Die stärkeren Äste und Stammstücke wurden im Umfeld der Bäume verstreut abgelegt - damit sie noch als Verstecke für Tiere und als Brutstätte für totholzbewohnende Käfer dienen können.

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