merken
PLUS Pirna

Kletterunfall in Pirna: Aufstieg trotz Verbot

Ein Mann stürzt an der ehemaligen Festung Sonnenstein ab. Er verletzt sich lebensgefährlich. Dabei ist Klettern dort nicht gestattet.

Unglücksstelle unterhalb von Schloss Sonnenstein: Aus etwa acht Meter Höhe abgestürzt.
Unglücksstelle unterhalb von Schloss Sonnenstein: Aus etwa acht Meter Höhe abgestürzt. © Daniel Förster

Pirna. Das Unglück geschah am vergangenen Sonntagabend. Ein 38-jähriger Mann wollte unterhalb der einstigen Festung Sonnenstein in Pirna eine mehr als 18 Meter hohe Mauer der Bastionen emporklettern. Mit ihm waren zwei Jugendliche dort, die ihn offenbar dabei unterstützten.

Der Mann hatte eine Kletterausrüstung bei sich, einen Gurt um, ein Seil dabei. Der Kletterer legte nach einer ersten Wegstrecke eine Sicherung. In etwa acht Meter Höhe befestigte er dazu einen Haken mit Schlinge.

Anzeige
Qualitätsmöbel zum Abverkaufspreis
Qualitätsmöbel zum Abverkaufspreis

STARKE MÖBEL UND KÜCHEN macht Platz für neue Wohn-Kollektionen. Sparen Sie jetzt bis zu 58% beim Kauf Ihres Lieblingsstücks in TOP Qualität.

Nachdem er etwa ein Drittel der Wehranlagen-Mauer erklommen hatte, löste sich allerdings die Sicherung. Der 38-Jährige stürzte daraufhin ab und schlug auf den unterhalb liegenden Canalettoweg auf. Dabei verletzte er sich lebensgefährlich.

Polizei schließt Straftat aus

Sanitäter und Notarzt versorgten den Mann zunächst an der Unglücksstelle unterhalb des Schlosses. Der Mediziner versetzte ihn schließlich in ein künstliches Koma.

Hinzugerufene Feuerwehrleute trugen den Schwerverletzten aus dem entlegenen Gelände zum Rettungswagen, der am Schlossberg stand. Der Rettungsdienst brachte ihn anschließend auf schnellstem Weg in die Klinik, wo der Verunglückte mehrere Stunden operiert wurde.

Wie es zu dem Unglück kam, ist noch nicht abschließend geklärt. Möglicherweise war auch Alkohol im Spiel. Am Absturzort fand sich neben der Kletterausrüstung, die die Polizei sicherstellte, auch eine Bierflasche.

Die Polizei geht derzeit von einem Unfall aus, eine Straftat schließen die Ermittler aus. Laut Polizeisprecher Marko Laske sei keine Fremdeinwirkung zu erkennen gewesen. Somit gebe es auch keinen Straftatverdacht. Ein Ermittlungsverfahren werde nicht geführt.

Klettern ist nicht gestattet

Doch so tragisch der Unfall auch ist: Eigentlich hätte der 38-Jährige die Festungsmauer an dieser Stelle nicht erklimmen dürfen. Nach Aussage des Pirnaer Rathauses sei das Klettern an der Außenwand der Bastionen nicht gestattet - da es sich nicht um einen Felsen, sondern um ein Gebäude handle.

Gleichwohl droht dem Verunglückten kein Bußgeld. Dafür fehle es nach Auskunft der Stadt an einer rechtlichen Grundlage.

Explizit ausgeschildert ist das Kletterverbot an dieser Stelle bislang nicht. "Wir appellieren aber an den gesunden Menschenverstand, dass Gebäude nicht zum Klettern geeignet sind", sagt Stadtsprecher Thomas Gockel.

Unterdessen prüft die Stadt, ob sie dort künftig Verbots- oder Hinweisschilder aufstellt. Zudem lässt Pirna die Bastionenwand untersuchen. Finden sich dort illegal angebrachte Sicherungssysteme für Kletterer, sollen sie entfernt werden.

Geheimes Versteck an der Festungsmauer

Warum der Verunglückte die Bastionenmauer erklimmen wollte, ist bislang unklar. Möglicherweise wollte er ein Gipfelbuch oder ein sogenanntes Geocache an der Festungsmauer erreichen. Dafür befindet sich in etwa 15 Meter Höhe ein Kästchen.

Beim Geocaching handelt es sich um eine Art moderne Schnitzeljagd. Die Verstecke, sogenannte Caches, werden anhand geografischer Koordinaten im Internet veröffentlicht und können anschließend mithilfe eines GPS-Empfängers gesucht werden.

Ein Geocache ist in der Regel ein wasserdichter Behälter, in dem sich ein Logbuch sowie häufig auch kleine Tauschgeschenke befinden. Die Finder können sich in das Buch eintragen, um eine erfolgreiche Suche zu dokumentieren.

Danach wird der Geocache wieder an Ort und Stelle versteckt. Wesentlich beim gesamten Such- und Tauschvorgang ist, dass von anderen anwesenden Personen das Vorhaben nicht erkannt wird und so das Versteck Uneingeweihten verborgen bleibt.

So finden sich die Caches inzwischen auch an abenteuerlichen, teilweise nur unter Lebensgefahr zu erreichenden Stellen. Oft machen sich Geocacher auch zu weitgehend unbelebten Zeiten auf Suche.

Kleines Kästchen an der Pirnaer Bastionenmauer in etwa 15 Meter Höhe: Ein Versteck für Geocacher?
Kleines Kästchen an der Pirnaer Bastionenmauer in etwa 15 Meter Höhe: Ein Versteck für Geocacher? © Daniel Förster

Tod in der Gottleuba

2011 wurde das einem 21-jährigen Mann in Pirna zum Verhängnis. Dabei galt Willi H. als einer der besten und erfahrensten Sucher in der Geocaching-Szene.

Mitte Dezember 2011 wollte der Dresdner offenbar an der Fernwärmebrücke über die Gottleuba nahe der B172 in der Pirnaer Innenstadt einen solchen versteckten Schatz finden.

Das Problem: Der 21-Jährige war offenkundig allein unterwegs, zudem war es bei der Suche bereits dunkel. Willi H. erklomm zwar die Brücke, übersah dabei aber wohl ein auf dem Steg fehlendes Abdeckgitter.

Durch dieses Loch stürzte er mehrere Meter nach unten und schlug mit dem Kopf auf einem Stein im Flussbett auf. Erst mehrere Stunden nach dem Unfall wurde seine Leiche entdeckt.

Luftiger Einsatz: Industriekletterer Ronald Reichelt aus Pirna entfernt 2015 einen Geocache von einer Brücke über das Bahretal.
Luftiger Einsatz: Industriekletterer Ronald Reichelt aus Pirna entfernt 2015 einen Geocache von einer Brücke über das Bahretal. © Archiv: Egbert Kamprath

Lebensgefährliche Klettertouren

Ob auch an der Bastionenmauer in Pirna ein solcher Geocache befestigt ist, ist der Stadt nicht bekannt. Sollten die Prüfer bei der Kontrolle der Wand aber ein solches Versteck finden, werde es nach Aussage des Rathauses umgehend entfernt.

Wie aufwendig und gefährlich ein solcher Einsatz sein kann, zeigt ein Fall aus dem Jahr 2015. An der Unterseite einer 35 Meter hohen Straßenbrücke über das Bahretal - Teil des Autobahnzubringers von Cotta zur A17 - befand sich ein solches Geocache-Kästchen.

Es ließ sich nur erreichen, indem man sich von oben abseilt. Einige schreckten vor dieser waghalsigen Klettertour aber nicht zurück. Laut dem Logbuch in der kleinen Plastikschachtel hatten bis zur Entdeckung schon 15 Geocacher die lebensgefährliche Aktion gewagt.

Weiterführende Artikel

Kletterunfall in Pirna: Rätsel ums Gipfelbuch

Kletterunfall in Pirna: Rätsel ums Gipfelbuch

Mitte Juni stürzte ein Mann an den Pirnaer Bastionen ab. Danach wollte die Stadt die illegale Kletterroute entschärfen. Doch jemand war schneller.

Pirna: Schwerer Kletterunfall am Schloss Sonnenstein

Pirna: Schwerer Kletterunfall am Schloss Sonnenstein

Ein Mann steigt die Mauer der Bastionen empor und stürzt dann mehrere Meter ab. Er wird lebensgefährlich verletzt.

Das sächsische Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) ließ das Versteck umgehend entfernen. Dafür musste sich der Pirnaer Industriekletterer Ronald Reichelt abseilen, um die kleine Box zu holen - und somit künftige illegale Klettertouren zu unterbinden.

Mehr zum Thema Pirna