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US-Preis für Pirnaer Verein

Der Verein "Akubiz" wird mit dem Obermayer Award geehrt - für seine ganz besondere Erinnerungsarbeit.

Eines der preiswürdigen Akubiz-Angebote: geführte Wanderungen an Gedenkorte, wie hier 2018 zur Burg Hohnstein, wo sich einst ein KZ befand.
Eines der preiswürdigen Akubiz-Angebote: geführte Wanderungen an Gedenkorte, wie hier 2018 zur Burg Hohnstein, wo sich einst ein KZ befand. © Akubiz

Die Überraschung kommt genau zum Geburtstag: Die US-amerikanische gemeinnützige Organisation "Widen the Circle" sowie die US-amerikanische Obermayer-Stiftung haben den Pirnaer Verein "Alternatives Kultur- und Bildungszentrum" (Akubiz) im 20. Jahr seines Bestehens mit dem diesjährigen Obermayer Award geehrt.

Die Obermayer Awards werden seit 21 Jahren an Einzelpersonen oder Gruppen verliehen, die sich in der Erinnerungsarbeit für einst lebendige jüdische Gemeinden engagieren und ausgehend von den Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus Vorurteile und rechtsextreme Tendenzen in der heutigen Zeit bekämpfen. Sie würdigen auch Bürger, die die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung für die deutsche Gesellschaft über Hunderte von Jahren aufzeigen, bevor die Nationalsozialisten ihren Vernichtungszug begannen.

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Ausgezeichnet wird darüber hinaus kreatives Engagement zur Bekämpfung von Vorurteilen, Rassismus und Antisemitismus, das die Verständigung zwischen verschiedenen Gruppen fördert, um dem Aufkommen und der zunehmenden Verbreitung von Vorurteilen etwas entgegenzusetzen.

Drohungen und Angriffe gegen den Verein

In ihrer Begründung schreiben die Preisverleiher, der Verein Akubiz engagiere sich mit kreativen Ansätzen gegen Neonazismus und Rechtsextremismus in der Sächsischen Schweiz, obwohl sich die leitenden Akteure immer wieder Gewaltandrohungen und Angriffen ausgesetzt sehen.

Zu den Aktivitäten gehörten geschichtliche Wanderseminare, insbesondere zu Orten des Widerstands während der NS-Zeit, und ein digitaler Atlas zur Lokalgeschichte im Nationalsozialismus. Akubiz habe darüber hinaus eine innovative Comicreihe veröffentlicht, die sich mit rechter Gewalt auseinandersetzt. Eine vom Verein entwickelte Wanderausstellung gebe zudem einen Überblick über das vielfältige jüdische Leben vor dem Holocaust.

Digitaler Atlas listet Gedenkorte auf

"Dieser Preis ist für uns eine große Ehre, und er ist umso bedeutsamer, weil wir uns nicht dafür beworben haben, sondern die amerikanische Stiftung auf uns aufmerksam geworden ist", sagt Vereinschef Steffen Richter. Daher habe dieser Award einen besonders hohen Stellenwert.

Der Preis würdigt die Arbeit des Vereins insgesamt, der sich schwerpunktmäßig mit der Erinnerungsarbeit beschäftigt. Bereits 2007 hatte Akubiz begonnen, einen digitalen Atlas zu erarbeiten. In dieser interaktiven Karte finden sich Orte, an denen die Nationalsozialisten einst Verbrechen verübten, auch Orte des Widerstands gegen das NS-Regime sowie Stätten früheren jüdischen Lebens in der Sächsischen Schweiz. Zu jedem dieser Orte sind historische Fakten hinterlegt und abrufbar.

"Das ist schon ein besonderes Projekt", sagt Richter, "und es wächst beständig." Hinzugekommen sind beispielsweise auch digitale Wanderrouten zu den jeweiligen Orten. Akubiz hatte für diesen digitalen Atlas der Gedenkplätze vor einigen Jahren 10.000 Euro bei einem Wettbewerb des Internet-Riesen Google gewonnen. Dank dieser Hilfe, so Richter, könne der Verein das Projekt weiter vorantreiben.

Auf der Spur der Roten Bergsteiger

Zum anderen bietet der Verein jedes Jahr Wanderungen an, beispielsweise auf den Spuren der Roten Bergsteiger, aber auch unter dem Titel "Widerständige Wege" und zu Orten einstigen jüdischen Lebens. "Dieses Angebot ist inzwischen bundesweit bekannt, weil wir einer der wenigen Vereine sind, die so etwas im Programm haben", sagt der Vereinschef.

Diese Wandertouren gibt es seit 2003, seit Jahren schon übersteigt die Nachfrage das Angebot. "Zehn bis 15 Touren jährlich können wir anbieten, das ist aber schon die Grenze fürs Ehrenamt", sagt Richter. Im Portfolio finden sich fertige Touren, meist aber richtet sich der Verein nach den Wünschen der anfragenden Wandergruppen. "Bei uns kommt so gut wie nichts aus der Schublade, wir planen alles individuell", sagt der Vereinschef.

Insofern war 2020 ein schwieriges Jahr, weil die meisten Wanderungen coronabedingt ausfielen. Der Verein wandte sich daher schwerpunktmäßig einem weiteren Projekt zu.

120 jüdische Familiengeschichten recherchiert

Die Mitarbeiter recherchierten weiter zur Geschichte des jüdischen Lebens in der Sächsischen Schweiz. Grundlage dafür bildet die Arbeit des Historikers Hugo Jensch, der viel zu jüdischem Leben in Pirna und Heidenau geforscht hat.

Akubiz hat nun noch mehr zusammengetragen, insgesamt sind jetzt 120 jüdische Familiengeschichten recherchiert. "Das ist alles total spannend", sagt Richter. Die gesammelten Ergebnisse will der Verein im Frühjahr der Öffentlichkeit präsentieren. Die Orte, an denen diese Geschichten spielen, werden zudem in den digitalen Atlas eingearbeitet.

Einige Mitglieder dieser jüdischen Familien oder deren Nachfahren sind in die USA ausgewandert. Aufgrund der Award-Verleihung haben sich einige von ihnen bereits beim Verein gemeldet. "Das ist so toll an diesem Preis, dass wir uns jetzt weltweit vernetzen und vielleicht noch viel mehr Geschichten erfahren können", sagt Richter.

Ein Preis für Respekt und Versöhnung

Die Obermayer Awards wurden im Jahr 2000 von Dr. Arthur S. Obermayer (1931-2016), einem vielfältig engagierten amerikanischen Unternehmer und Philanthropen, und seiner Frau Dr. Judith H. Obermayer ins Leben gerufen. Verwaltet wird der Award von der Organisation "Widen the Circle". Sie verfolgt das Ziel, Vorurteilen zu begegnen, indem man ein gemeinsames Verständnis der Vergangenheit fördert. Gegenseitiger Respekt, Versöhnung und Verständigung sollen insbesondere dort gestärkt werden, wo es seit Langem zur Ausgrenzung und Verfolgung einzelner Gruppen kommt.

Der digitale Atlas des Vereins Akubiz findet sich auf der Internetseite www.gedenkplaetze.info, Infos zum Award auf der Seite www.widenthecircle.org.

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