merken
PLUS Pirna

Pirna: "Es kann nur eine Volltunnel-Bahnstrecke nach Prag geben"

Eine Bürgerinitiative befragt die Bundestagskandidaten zur geplanten Trasse Dresden-Prag. Das Votum ist eindeutig, es gibt aber auch Bedenken.

Steffen Spittler, Arbeitsvorstand der Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag" vor einem Streckenentwurf: Die Pläne der Bürgerinitiative sind wirklich exzellent.
Steffen Spittler, Arbeitsvorstand der Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag" vor einem Streckenentwurf: Die Pläne der Bürgerinitiative sind wirklich exzellent. © Norbert Millauer

Der Saal des Gasthofes "Zum Lindental" im Pirnaer Ortsteil Zuschendorf ist gut gefüllt, alle Tische sind besetzt, etwa 100 Gäste sind gekommen. Im Podium auf der Bühne sitzen acht Bewerber aus dem Wahlkreis 158 (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge), die am 26. September in den Bundestag gewählt werden wollen: Einzelkandidat Klaus Brähmig, André Hahn (Linke), Christoph Fröse (Freie Wähler), Steffen Janich (AfD), Corinna Franke-Wöller (CDU), Fabian Funke (SPD), Nino Haustein (Grüne) und Dirk Jahn (FDP).

Bei dieser Liaison geht es um ein Thema, was vor allem die Region um Heidenau, Pirna und Dohma in den kommen zehn, zwanzig Jahren gravierend verändern und beeinflussen könnte: die von der Deutschen Bahn geplante neue Strecke von Dresden nach Prag - mit dem dann längsten und ersten grenzüberschreitenden Eisenbahntunnel Deutschlands, wenn der denn gebaut wird.

Anzeige
Ampeln sollen noch intelligenter werden
Ampeln sollen noch intelligenter werden

Die DVB treiben die Digitalisierung voran. Aus dem Alltag an Dresdner Kreuzungen sind sie nicht mehr wegzudenken: von Fahrzeugen angesteuerte Ampeln.

Wie kann Berlin die Bürgerinitiative unterstützen?

Eingeladen zu dem speziellen Forum hatte die Dohmaer Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag". Die Engagierten haben sich schon zeitig mit dem Projekt beschäftigt und ihrerseits mehrere bis ins Detail geplante Streckenvarianten erarbeitet, die allesamt von Heidenau vollständig im Tunnel bis Tschechien verlaufen.

"Von den Kandidaten wollen wir nun wissen, welche Streckenvariante sie favorisieren und wie sie sich dafür in Berlin einsetzen wollen", sagt Steffen Spittler, Arbeitsvorstand der Bürgerinitiative. Denn der Bundestag spielt bei dem Vorhaben durchaus eine wichtige Rolle.

Doch wie fiel das Votum aus? Gibt es Bedenken? Und wie geht es weiter? Sächsische.de fasst die Einzelheiten zusammen.

Podium bei der Bahnstrecken-Debatte in Pirna-Zuschendorf: Dirk Jahn (FDP), Nino Haustein (Grüne), Fabian Funke (SPD), Corinna Franke-Wöller (CDU), Steffen Janich (AfD), Christoph Fröse (Freie Wähler), André Hahn (Linke) und Einzelkandidat Klaus Brähmig (v
Podium bei der Bahnstrecken-Debatte in Pirna-Zuschendorf: Dirk Jahn (FDP), Nino Haustein (Grüne), Fabian Funke (SPD), Corinna Franke-Wöller (CDU), Steffen Janich (AfD), Christoph Fröse (Freie Wähler), André Hahn (Linke) und Einzelkandidat Klaus Brähmig (v © Norbert Millauer

Warum soll es eine neue Bahnlinie geben?

Bislang fahren die Züge von Dresden überwiegend durch das Elbtal nach Tschechien. Doch die Strecke ist inzwischen ziemlich überfrachtet. Sie zu erweitern, ist unmöglich. Daher plant die Bahn eine neue Strecke für zusätzliche Kapazitäten im Schienenverkehr, um die Fahrzeit Dresden-Prag zu verkürzen und die Elbtalstrecke zu entlasten. Zudem soll sie auf dem europäischen Nord-Süd-Bahnkorridor das Nadelöhr Elbtal umgehen.

Welche Varianten gibt es?

Nach dem sogenannten Raumordnungsverfahren bei der Landesdirektion sind vier Varianten im Rennen - eine teiloffene sowie drei Volltunnel-Varianten.

Die teiloffene Strecke zweigt zwischen Heidenau und Pirna von der bestehenden Bahnlinie ab, führt durch einen kurzen Tunnel bis Pirna, dann mit einer riesigen Brücke übers Seidewitztal und verschwindet bei Dohma dann vollends im Tunnel. Der vor dem Tunnel erforderliche Überholbahnhof läge da bei Goes.

Die Volltunnel-Varianten verlaufen ab Heidenau vollständig im Tunnel nach Tschechien. Bei diesen Varianten müsste der Überholbahnhof in Heidenau entstehen.

Die meisten Vorschläge für die Volltunnel-Varianten stammen von der Bürgerinitiative, die eine solche Lösung präferiert - weil sie sowohl Menschen als auch Natur am meisten schont. Gleichwohl plant die Bahn jetzt eine teiloffene und eine Volltunnel-Variante komplett durch, 2025 soll dann die Vorzugsvariante feststehen.

Pro oder contra Bahnlinie?

In diesem Punkt waren sich alle Kandidaten einig: Die neue Bahnlinie soll gebaut werden, weil sie einfach notwendig ist. "Es gibt viele gute Argumente für die Strecke und den Tunnel", sagt beispielsweise André Hahn. Auch Klaus Brähmig ist überzeugt davon, dass die Strecke gebaut wird, da sie ein bedeutender Teil des gesamteuropäischen Schienennetzes sei.

Und in noch einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Menschen in der Region und die Bürgerinitiative müssen bei dem Verfahren gehört und an ihm beteiligt werden.

Gibt es einen Favoriten?

Auch hier gibt es Konsens bei den Kandidaten: Sie plädieren für eine Volltunnel-Strecke. "Sie greift am wenigsten in die Lebensqualität der Menschen ein", sagt Funke. Auch Corinna Franke-Wöller bekräftig, eine Volltunnel-Variante sei die beste Lösung für die Menschen.

Aus Sicht von Steffen Janich gibt es noch ein anderes Argument. Wegen der geringen Steigung sei die von der Bürgerinitiative erarbeitete Variante auch für schwere Güterzüge geeignet. Und es sei immens wichtig, dass später auch schwere Güterzüge durch den Tunnel fahren - um das Elbtal tatsächlich zu entlasten.

Gibt es auch Bedenken?

Durchaus. Funke plädiert zwar derzeit für eine Volltunnel-Variante, will sich aber nicht zu sehr darauf versteifen. Er hält es für wichtig, dass parallel auch eine teiloffene Strecke geplant wird, damit am Ende tatsächlich eine richtige Abwägung möglich ist.

Aus Sicht von André Hahn gebe es auch folgendes Dilemma: "Viele wollen den Tunnel, aber keiner will den Überholbahnhof vor seiner Tür", sagt er. Das müsse noch geklärt werden. Zudem sei er auch skeptisch, ob die Strecke überhaupt gebaut wird. Denn noch stehe infrage, ob das Geld für die immensen Kosten in Milliardenhöhe - allesamt Steuergelder - aufgebracht und bereitgestellt werden könne.

Welche Rolle spielt der Bundestag?

Die Kandidaten stellten klar: Der Bundestag entscheidet nicht, welche Vorzugsvariante gebaut wird. Dies obliegt der Bahn und dem Bundesverkehrsministerium.

Der Bundestag beschließt allerdings den Bundesverkehrswegeplan. Ist die Bahntrasse einmal dort verankert, ist die Chance groß, dass die Strecke auch gebaut wird. Zudem beschließt der Bundestag den Bundeshaushalt und untersetzt damit auch Projekte im Bundesverkehrswegeplan finanziell.

Die Kandidaten sagten aber zu, dafür zu sorgen, dass die Bürgerinitiative auf Augenhöhe mit der Bahn diskutieren kann und sie im Namen der Initiative auch Anfragen zum Projekt stellen wollen - weil die Bahn den Abgeordneten antworten muss.

Was wird aus Heidenau?

Bei einer Volltunnel-Variante liegt der Überholbahnhof in Heidenau, wo genau, ist noch unklar. "Doch dieses Thema kam mir bislang zu kurz", sagt Corinna Franke-Wöller. Die Planungen der Bürgerinitiative seien exzellent, aber Heidenau dürfe nicht vergessen werden.

Denn auch aus Sicht von Nino Haustein und Dirk Jahn habe Heidenau nicht nur das Problem mit dem Überholbahnhof, sondern sei durch die neue Strecke dann generell mehr Lärm ausgesetzt. Daher fordern die meisten Kandidaten einen flächendeckenden Lärmschutz von Dresden über Heidenau bis zum künftigen Tunneleingang.

Der Ausblick - wie geht es weiter?

Die Bahn lässt jetzt zwei Varianten planen, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Bürgerinitiative ihrerseits will den Kontakt zur Deutschen Bahn wieder aufleben lassen, den die Bahn 2020 abgebrochen hatte. Auch soll gemeinsam mit der Bahn und der Planer-Projektgruppe eine Entwicklungspartnerschaft etabliert werden.

Zudem will die Bürgerinitiative Abgeordnete briefen und ihnen die Vorzüge ihrer Volltunnel-Variante erläutern. Ebenso soll nach der Wahl der Verkehrsausschuss des Bundestages über das Projekt informiert werden.

Weiterführende Artikel

Neues Info-Zentrum zur neuen Supertrasse Dresden - Prag

Neues Info-Zentrum zur neuen Supertrasse Dresden - Prag

Voraussichtlich ab 2022 soll es eine feste Anlaufstelle für Interessenten geben, um für Akzeptanz zu werben. Derzeit sucht die Bahn noch Räume.

Überdies plant die Bürgerinitiative laut Spittler, sich noch einmal schwerpunktmäßig mit Heidenau zu beschäftigen und mit den Heidenauern ins Gespräch zu kommen. "Denn in Heidenau", sagt Spittler, "gibt es derzeit wohl noch große Verwirrung um Streckenführung und Überholbahnhof."

Mehr zum Thema Pirna