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Südumfahrung: Da schaut man in die Röhre

Der Kohlbergtunnel in Pirna ist schon ein gutes Stück vorangetrieben. Bald wollen die Mineure einen Durchbruch schaffen, der die Arbeit erleichtert.

Tunneleinfahrt auf der Kohlberg-Westseite: links und rechts graben sich die Mineure in den Berg, der Kern in der Mitte bleibt einstweilen noch als stabilisierende Stütze stehen.
Tunneleinfahrt auf der Kohlberg-Westseite: links und rechts graben sich die Mineure in den Berg, der Kern in der Mitte bleibt einstweilen noch als stabilisierende Stütze stehen. © Thomas Möckel

An der Decke hängt ein dickes Rohr, der Durchmesser misst etwa einen Meter, die textile Hülle flattert und dröhnt unablässig. Der übergroße Schlauch presst beständig Frischluft unter Tage, bewettern nennen das die Bergbau-Fachleute. Das wird immer wichtiger, je tiefer es hineingeht, sonst wird es einerseits zu warm, andererseits fehlt irgendwann der Sauerstoff, ganz hinten, am Ende der Röhre.

Die Röhre gehört zum Kohlbergtunnel, Teil der Pirnaer Südumfahrung, die die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) derzeit errichten lässt. Die 3,8 Kilometer lange Trasse führt einmal vom Pirnaer Autobahnzubringer bis zur B172 auf dem Sonnenstein. Sie soll ab 2023 die Pirnaer Innenstadt spürbar vom Durchgangsverkehr entlasten. In ihrem Verlauf überbrückt die Strecke zwei Täler und durchquert den Kohlberg - ingenieurtechnisch eine große Herausforderung.

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Erst Corona-Verzug, jetzt enormer Baufortschritt

Der Kohlbergtunnel ist eines der zeitaufwendigsten Bauwerke der Südumfahrung. Etwa 27 Monate dauert es, bis sich die Mineure von der West- bis zur Ostseite durchgegraben haben. Flotter wäre es in der sogenannten offenen Bauweise gegangen - also Taleinschnitt ausheben, Deckel drauf, Erdreich auffüllen, Bergkuppe neu formen. Das funktioniert allerdings nicht, weil auf dem Kohlberg ein uralter, streng geschützter Mischwald steht.

Für eine Tunnelbohrmaschine ist - wirtschaftlich gesehen - die Röhre zu kurz. So blieb nur der wesentlich mühsamere bergmännische Vortrieb. Der reine Bergbau begann im September 2020 mit dem traditionellen Tunnelanstich. Zunächst ging es gut vorwärts, doch Anfang dieses Jahres mussten die Arbeiten für einige Wochen ruhen, weil die slowakischen Tunnelbauer wegen der Corona-Pandemie nicht einreisen durften. Zudem waren mehrere Mineure positiv auf das Virus getestet worden.

Anfang Februar setzten die Fachleute die Arbeit fort, inzwischen ist ein enormer Baufortschritt zu sehen.

Blick in die künftige Tunnelröhre: Auf der linken Seite sind die Mineure unter Tage schon über 85 Meter vorgedrungen.
Blick in die künftige Tunnelröhre: Auf der linken Seite sind die Mineure unter Tage schon über 85 Meter vorgedrungen. © Thomas Möckel
Vorläufiges Ende der linken Tunnelröhre: Nach jedem Schritt muss das ausgebrochene Teilstück mit Spitzbeton und Stahlankern gesichert werden.
Vorläufiges Ende der linken Tunnelröhre: Nach jedem Schritt muss das ausgebrochene Teilstück mit Spitzbeton und Stahlankern gesichert werden. © Thomas Möckel
Fertiggestellter Tunneleinschnitt auf der Kohlberg-Ostseite: Bald kommt hier der erste Durchbruch.
Fertiggestellter Tunneleinschnitt auf der Kohlberg-Ostseite: Bald kommt hier der erste Durchbruch. © Thomas Möckel

Mehr als 85 Meter unter Tage

Auf der linken Seite des Tunnels sind die Spezialisten mittlerweile über 85 Meter weit in den Berg vorgedrungen. "Damit ist etwa ein Drittel der Gesamtlänge geschafft", sagt Ulrich Gawlas, Bauoberleiter der Südumfahrung. 300 Meter wird der Tunnel einmal lang sein, 250 Meter davon entstehen unter Tage.

Auf der rechten Seite haben sich die Mineure etwa 50 Meter in den Berg gegraben. Dieser Versatz rührt von der gewählten Bauweise her.

Weil das Gestein im Kohlberg sehr mürbe und brüchig ist, wird der Tunnelquerschnitt in sechs Segmente eingeteilt. In einer festgelegten Reihenfolge wird nun Segment für Segment aus dem Berg gebrochen. Dabei ist die linke Seite im Vorlauf. Und nach jedem einzelnen Schritt folgt die beständige Routine: sichern.

Sichern, sichern, sichern

Wie aufwendig und zeitraubend das ist, zeigen die Abläufe. Zuerst fährt der Radlader in die linke Röhre hinein, häuft Erdreich auf, um das obere Segment zu erreichen. Dann Radlader raus, Bohrgerät rein. Es meißelt eine etwa 80 Zentimeter starke Schicht aus dem Berg, Abschlag heißt das im Fachjargon. "Etwa zwei bis drei Abschläge schaffen die Mineure pro Tag", sagt Gawlas.

Dann Bohrgerät raus, Radlader und Lkw rein, herausgebrochenes Gestein aufladen, abtransportieren. Wieder alle raus, Beton-Autos rein, die Wände des eben freigelegten Teilstücks mit einer dicken Spritzbetonschale sichern. Zudem treiben die Fachleute lange Anker aus Stahl in den Berg, um alles zusätzlich zu stabilisieren.

Ist alles vollbracht, folgt die linke untere Ecke in der Tunnelröhre. Genauso läuft es auch auf der rechten Seite. Erst oben ausbrechen und sichern, dann unten ausbrechen und sichern, immer schrittweise weiter in den Berg hinein. Der große Kern in der Mitte der künftigen Tunnelröhre bleibt einstweilen stehen, um das Konstrukt zu stabilisieren, er wird erst später entfernt.

Der erste Durchbruch ist nahe

Was derzeit noch problematisch ist: Die Röhren reichen zwar schon weit in den Kohlberg hinein. Aber sie sind noch zu schmal, als dass Lkws und Baumaschinen dort wenden könnten. So heißt es entweder rückwärts rein oder raus, bevor der nächste an die Reihe kommt, muss der Vorgänger Platz machen. Anderweitig heraus- oder hineinfahren können die Fahrzeuge derweil nicht, weil die Tunnelröhre noch eine Sackgasse ist.

Daher wollen die Mineure die linke Röhre so schnell es geht vorantreiben, um einen Durchbruch zur Ostseite zu schaffen. "Das ist nur noch eine Frage der Zeit", sagt Gawlas.

Ist das geschafft, können die Baufahrzeuge dann zumindest schon mal auf einer Seite durch den Tunnel und auf der eigens angelegten Baustraße über den Kohlberg zurück zur anderen Seite fahren. Das erleichtert die Arbeiten erheblich. In Vorbereitung dessen haben die Fachleute auf der Ostseite des Kohlbergs, die zum Gottleubatal zeigt, den dortigen Tunneleinschnitt inzwischen fertiggestellt.

Die Südumfahrung insgesamt, rund 100 Millionen Euro teuer, soll im Laufe des Jahres 2023 fertig werden.

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