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PLUS Pirna

Von der Marmelade zum Wohnpark

Auf einer Brachfläche an der B 172 in Pirna entsteht eine neue Senioren-Wohnanlage. Das Areal hat eine sehr wechselvolle Geschichte.

Blick auf die künftige Seniorenresidenz an der B 172 in Pirna: Wieder mehr Struktur an der Stadteinfahrt.
Blick auf die künftige Seniorenresidenz an der B 172 in Pirna: Wieder mehr Struktur an der Stadteinfahrt. © ardoris Architekten

Wer einmal zu DDR-Zeiten in einem Kinderferienlager weilte, kennt bestimmt noch diesen speziellen Morgengruß: Zum Frühstück gab es häufig Vierfrucht-Marmelade, eine oft undefinierbare, geleeartige Masse, vom Küchenpersonal mehr oder minder liebevoll mit der Kelle aus großen Pappeimern in kleine Plaste-Schälchen gefüllt. 

Ganz oft stammte der süße Brotaufstrich aus Pirna, genauer gesagt aus dem VEB Früchteverarbeitung. Der Betrieb produzierte seinerzeit auf einem Areal an der Dresdner Straße, der heutigen B 172, schräg gegenüber der Einfahrt zur Glashüttenstraße. 

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Das Unternehmen existiert längst nicht mehr, für das einstige Betriebsareal gibt es nun ganz neue Pläne. Die SMG Immobilien GmbH will auf einer Teilfläche eine neue Seniorenresidenz errichten, acht Häuser, etwa 80 Wohnungen. Das Bauvorhaben, das 2021 starten soll, ist nun das Finale einer sehr wechselvollen Geschichte. 

Süßer Brotaufstrich: Vierfrucht-Marmelade aus Pirna im Pappeimer.
Süßer Brotaufstrich: Vierfrucht-Marmelade aus Pirna im Pappeimer. © Archiv: SZ

Erst privat, dann verstaatlicht

Die Historie der im Volksmund titulierten "Marmelade" oder "Marmeladenbude" begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Bereits am 1. August 1945 wurde den Antragstellern Hans Krahmer und Walter Seidel eine erste Produktionsgenehmigung erteilt. Finanzielle Schwierigkeiten und der Weggang der Eigentümer in die westliche Besatzungszone zogen aber schon im Oktober 1947 einen Eigentümerwechsel nach sich. Der Betrieb hieß fortan "Köhler, Näther & Co. Pirna GmbH", Betriebsdirektor wurde Rudolf Näther. 

Einfach war das Geschäft nicht, gerade in den Anfangsjahren mangelte es an Roh- und Hilfsstoffen, Verpackungen und Etiketten. Eine stabile Produktion übers Jahr konnte nicht gewährleistet werden. Trotz der Probleme gelang es der Betriebsleitung aber, die Produktion auszubauen. 

1954 setzte sich jedoch Firmen-Mitinhaber Reinhard Köhler in den Westen ab, sein Betriebsvermögen wurde beschlagnahmt und der Deutschen Investitionsbank zugeschrieben. 

Das Werk produzierte zu dieser Zeit neben Marmelade und Konfitüre auch Obstmark, Obst- und Gemüsekonserven, Molkerei-Erzeugnisse und Zuckersirup. Überregionale Planung führte jedoch 1963 dazu, dass sich der Pirnaer Betrieb darauf zu spezialisieren hatte, fortan Marmelade und Konfitüre herzustellen. 

1972 schließlich wurde der Betrieb vollständig in Volkseigentum überführt. Als Volkseigener Betrieb (VEB) wurde die Marmeladenfabrik Pirna dem Sohlander Kombinat zugeordnet und erhielt zudem die Leitung über die - 1972 ebenfalls verstaatlichte - Marmeladenfabrik Haupt in Radebeul. 1990 wurde der VEB Früchteverarbeitung Pirna geschlossen. 

Einfahrt zum einstigen Marmelade-Betriebsgelände: Das Areal ist weitgehend beräumt und wird nun neu bebaut.
Einfahrt zum einstigen Marmelade-Betriebsgelände: Das Areal ist weitgehend beräumt und wird nun neu bebaut. © Archiv: Daniel Schäfer

Zersiedelt und unstrukturiert

Nach der Wende war das Areal kurzzeitig Sitz der "Stahlverwertungs GmbH Heidenau", die die Fläche allerdings 1996 räumen musste - vor allem deswegen, weil das Gewerbe zu laut für den angrenzenden Friedhof war. Seither lag die Fläche mehr oder weniger brach.

Über viele Jahre hinweg gehörte das Grundstück der Henkel AG mit Sitz in Düsseldorf. "Es stand aber auch fest, dass Henkel auf dem Areal nie etwas entwickeln wird", sagt Christian Flörke, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Pirna (SEP).

Die SEP versuchte mehrfach, das Gelände zu kaufen, was zunächst aber daran scheiterte, dass Henkel Düsseldorfer Grundstückspreise ansetzte - unerschwinglich für die SEP. Vor fünf Jahren wurde man schließlich handelseinig, die SEP wurde Eigentümer. Die Stadtentwickler ließen danach Gehölze roden und Gebäude beräumen, inzwischen steht nur noch ein altes Bürohaus auf dem Areal. 

Etwas mehr als die Hälfte des einstigen Marmelade-Grundstücks - reichlich 10.000 Quadratmeter - hat die SEP nun kürzlich an die SMG Immobilien GmbH verkauft, die dort eine neue Seniorenresidenz bauen will, Ende 2022 soll sie fertig sein. 

Nach Aussage von Flörke sei dieses Projekt ein Glücksfall - vor allem auch deswegen, um die Stadteinfahrt nach Pirna erheblich aufzuwerten. 

Rings um die alte Marmelade ist das Gebiet sehr zersiedelt und unstrukturiert, es gibt einige Wohnhäuser, daneben viel Gewerbe. 

Einst sollte die Stadt an dieser Stelle weitergebaut werden, irgendwie kam es aber nie dazu, daher standen die wenigen Wohnhäuser immer etwas isoliert da. "Wir wollen dort nun wieder ein Stück lebenswerte Stadt bauen", sagt SMG-Geschäftsführer Sven Sauer.

Laut Flörke könnte das Wohnpark-Projekt ein guter Anfang sein, das ganze Umfeld drumherum besser zu strukturieren und ansehnlicher zu gestalten. 

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