merken
PLUS Pirna

SOE: Wie fühlt es sich an, wenn Vati trinkt?

Die Suchtberatung der Diakonie Pirna bietet jetzt für Grundschulkinder einen Kurs an. Es geht um deren Stärkung und positive Selbstwahrnehmung.

Alkoholismus in der Familie: Besonders die Kinder leiden darunter.
Alkoholismus in der Familie: Besonders die Kinder leiden darunter. © Symbolbild: Sven Ellger

Wenn die Mutter oder der Vater oder der große Bruder zur Flasche greifen, ist die Situation eine Belastung für die gesamte Familie. Betroffen davon sind auch die Kinder, die oftmals nicht verstehen, warum sich die Eltern dann anders verhalten. Sie fühlen sich verunsichert. Hilfe bietet jetzt die Suchtberatung der Diakonie Pirna. Sie organisiert ein kostenloses Gruppenangebot für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Über diese schwierige Problematik und über die Inhalte des Kurses sprach Sächsische.de mit Diakonie-Suchtberaterin Dagmar Mohn.

Dagmar Mohn von der Suchtberatung der Diakonie Pirna.
Dagmar Mohn von der Suchtberatung der Diakonie Pirna. © Daniel Schäfer

Frau Mohn, wie viele Familien im Landkreis sind betroffen?

Anzeige
Eintrittsfreie Konzerte, Kunst & mehr
Eintrittsfreie Konzerte, Kunst & mehr

Dresdens neues Kunstfestival NIB ART findet noch bis Sonntag an verschiedenen Orten der Stadt mit einem unterhaltsamen Programm statt.

Das ist eine ganz schwierige Frage. Denn in allen Familien, in denen Suchtkrankheit vorliegt, sind auch die Kinder betroffen. Wir haben aber keine Statistik, die genau das erfasst, deshalb kann ich keine Zahlen nennen.

Verstärken Corona und Lockdown noch einmal mehr die Suchtproblematik?

Das ist zu befürchten. Die Gefahr, im Homeoffice schon früh zur Flasche zu greifen, ist da. Denn die psychische Belastung in Coronazeiten ist höher als davor. Die Eltern müssen die Kinder zu Hause betreuen beziehungsweise beschulen. Oftmals kommen finanzielle Ängste der Erwachsenen hinzu, unter anderem durch Kurzarbeit oder die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren. Aber vermutlich wird sich mehr Suchtkrankheit aufgrund von Corona erst in zwei bis drei Jahren niederschlagen. Es ist ein schleichender Prozess.

Worunter leiden Kinder aus suchtbelasteten Familien besonders?

Sie leiden unter der ungeklärten Belastung der Eltern, darunter, dass die Eltern sich manchmal so komisch verhalten. Vater oder Mutter sind nicht mehr verlässlich für ihre Kinder, sie sind nicht mehr berechenbar. Das verunsichert die Kinder. Wenn es zu einem Streit kommt, hat das Kind oftmals das Gefühl, es sei schuld daran. Manche Kinder fühlen sich folglich verantwortlich.

Sind diese Kinder bereits Co-abhängig, droht eine Traumatisierung?

Da möchte ich differenzieren. Es gibt Kinder, die gehen stärker aus solch einer Suchtsituation heraus. Aber die meisten leiden in ihrer Entwicklung psychisch und geraten selber verstärkt in eine Abhängigkeit. In Extremfällen kommt es auch zu Traumatisierungen, speziell dann, wenn die Kinder aufgrund von Kindeswohlgefährdung aus der Familie herausgenommen werden müssen.

Wie sollten sich Außenstehende, zum Beispiel Nachbarn, verhalten, wenn sie etwas mitbekommen?

Auf keinen Fall wegschauen. Außenstehende sollten Kindern Hilfe anbieten, indem sie sich für die Grundbedürfnissee der Kinder einsetzen, und unter anderem Essen, Spielen, aber auch Sicherheit gewährleisten. Kinder selber werden in der Regel das Problem gegenüber Dritten nicht ansprechen. Sie wollen ihre Eltern schützen.

Der Kurs, den die Diakonie-Suchtberatung anbietet, hat die Überschrift: "Kinder aus suchtbelasteten Familien entdecken ihre Stärken". Was wird noch vermittelt?

Unser ganz großes Ziel ist es, dass die Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung gestärkt werden, dass sie sich selber als gut und richtig und wertvoll annehmen können. Sie sollen lernen, Probleme zu lösen, indem sie Hilfe holen und annehmen. Sie lernen in den Kursnachmittagen Stressbewältigung und Entspannung. Aber im Laufe des Programms werden wir auch über das Thema Sucht selber sprechen. Wie wirkt Alkohol? Warum reagiert die Mutter, der Vater oder der Großvater manchmal so komisch?

Nehmen die Eltern an dem Kurs ebenfalls teil?

Nein, es geht um die Kinder, die in der Gruppe zusammenkommen. Geleitet wird das Projekt von zwei dafür extra geschulten Sozialpädagoginnen. Aber wir machen auch Elternarbeit. Bevor der Kurs startet, laden wir zu einem individuellen Elterngespräch und dann noch zu einem allgemeinen Elternabend ein.

Also, die Eltern müssen zustimmen, dass ihre Kinder teilnehmen und sich somit quasi selber outen...

Ja, das ist ganz schwierig, da viele Eltern hoffen und glauben, dass ihre Kinder nichts mitbekommen. Ein Trugschluss. Kinder bemerken es immer, wenn ein Suchtproblem in der Familie vorliegt, weil sich das Wesen des Süchtigen verändert. Um diesen Kindern zu helfen, machen wir das Angebot und helfen letztlich der gesamten Familie.

Seit 2014 lädt die Diakonie Pirna zu solchen Kursen ein. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Insgesamt sechs Kurse haben wir bis dato organisiert. Ganz häufig erhielten wir positive Rückmeldungen. Die Kinder haben noch jahrelang davon profitiert, wie wir in Gesprächen mit ihnen und den Eltern erfahren haben.

  • Der kostenlose Kurs „Kinder aus suchtbelasteten Familien entdecken ihre Stärken“ für Kinder zwischen 9 und 12 Jahren findet vom 13. September bis zum 29. November immer montags von 15 bis 17 Uhr im Diakonie- und Kirchgemeindezentrum auf der Schillerstraße 21 A in Pirna-Copitz statt.
  • Anmeldung und Fragen unter: Diakonie Pirna, Suchtberatungs- und Behandlungsstelle, Schmiedestr. 21 A, 01796 Pirna, 03501 528646 oder per E-Mail an [email protected]

Mehr zum Thema Pirna