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Wie gefährlich sind die Munitionsreste in Pirna?

Die Raketenhüllen im renaturierten Eulengrund sollten schon längst beseitigt sein. Doch seit Jahren gibt es Streit darüber, wer dafür zuständig ist.

Von Thomas Möckel
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Abgedeckte Munitionsreste im Eulengrund: Dieser Zustand ist nicht mehr tolerierbar.
Abgedeckte Munitionsreste im Eulengrund: Dieser Zustand ist nicht mehr tolerierbar. © privat

Etwas versteckt im Südwesten von Pirna, im Ortsteil Zehista, liegt der Eulengrund, ein idyllisches und ruhiges Seitental des Seidewitztales. Es gibt hier viel Wald und Natur, auch einen kleinen Teich, durchzogen wird das grüne Kleinod vom Meusegastbach, der gegenüber vom Schloss Zehista in die Seidewitz mündet. Der Grund ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Lange Zeit allerdings blieb das Tal Wanderern versperrt, denn die abgelegene Lage und die einzige Zufahrt machten das Terrain für einen ganz anderen Nutzer interessant: das Militär. Das zu DDR-Zeiten in Pirna stationierte "Pionierbataillon 7" der Nationalen Volksarmee (NVA) unterhielt im Eulengrund ein Munitionsdepot. Sechs Munitionsbunker befanden sich einst auf dem Gelände, zu erreichen über eine Betonplattenstraße.

DDR und NVA sind seit über 30 Jahren Geschichte, und so sollten auch die Relikte sozialistischer Militärbesiedelung irgendwann beseitigt werden. So wurde es in den Jahren 2015 und 2016 etwas lauter im sonst stillen Eulengrund. Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und –bau GmbH (Deges) war beauftragt worden, für den Bau der Autobahn 17 Ausgleichsflächen zu schaffen. So oblag es der Deges, Teile des Eulengrundes zu renaturieren. Fünf der sechs Bunker wurden abgerissen, einer blieb als Fledermausquartier stehen. Fachleute formten auch das Bachbett neu und entfernten die Betonplatten. Man war auf einem guten Weg, allerdings gibt es noch immer ein gravierendes Problem: Bis heute ruht im Eulengrund ein gefährliches Erbe.

Ungesicherte Baustelle

Mitten im Natur-Idyll rotten seit Jahren Munitionsreste vor sich hin, überwiegend leere Raketenhüllen. Sie waren irgendwann bei den Ausgleichsarbeiten aufgetaucht und sind bis heute nicht beseitigt. Einer, den dieses ungelöste Problem schon seit Jahren umtreibt, ist der Pirnaer Stadtrat Sebastian Gilbert (Bündnis90/Die Grünen).

Bereits im Dezember 2020 wies er Deges und Landratsamt auf die ungeklärte Situation und die ungesicherte Baustelle hin. „Handlungsbedarf wurde aber vor Beräumung der Munitionsreste nicht gesehen“, sagt Gilbert. Stattdessen habe es über ein Jahr gedauert, zu klären, wer zuständig ist, um die Militär-Hinterlassenschaften zu beseitigen. Laut dem Stadtrat zeigten sich bislang keine Anzeichen, dort auch tätig zu werden. „Anfrage dazu blieben bis jetzt reaktionslos“, sagt er.

Zu seinem Ärger sei die örtliche Situation im Eulengrund sei einem Jahr nahezu unverändert. „Die Baustelle ist nicht gesichert, der Zugang ist nur halbherzig durch zwei Baumstämme über dem Weg versperrt“, sagt Gilbert. Dabei lade doch die Info-Tafel zum FFH-Gebiet „Natura 2000“ geradezu zum Erforschen des Gebietes ein. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass die Restmunition bis heute unangetastet im Eulengrund vor sich hin rostet?

Hinweistafel im Eulengrund: Es erklärt das Naturschutzgebiet, während am Teich Altlasten vor sich hin rotten.
Hinweistafel im Eulengrund: Es erklärt das Naturschutzgebiet, während am Teich Altlasten vor sich hin rotten. © privat

Raketenhüllen beim Dammbau aufgetaucht

Bei der Renaturierung im Eulengrund handelt es sich laut der Deges um ein Ausgleichsprojekt, das im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn 17 steht. Abgestimmt mit der Naturschutzbehörde sollte dabei auch ein zwischenzeitlich weitgehend verlandeter Teich entschlammt werden. Dieser Schlamm ist mittlerweile aus dem Teich entnommen worden.

Einhergehend mit diesen Arbeiten war auch der Austausch des defekten Auslaufbauwerks – der sogenannte Mönch – erforderlich, was einen Eingriff in den links und rechts angrenzenden Damm bedeutete. Bei dem aus Fließrichtung linken Damm wurden kurz vor Abschluss der Bauarbeiten Munitionsreste, vorwiegend leere Raketenhüllen, entdeckt. Diese wurden laut der Deges dort offensichtlich von der NVA mit Erde vermischt vergraben. Die Deges informierte daraufhin den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Dieser verfügte am 3. November 2020, dass die Arbeiten sofort einzustellen sind.

Vor Baubeginn habe es nach Aussage der Deges keine Hinweise auf eine Munitionsbelastung in diesem Gebiet gegeben, der Eulengrund galt nicht als Altlastenverdachtsfläche. Die Munition sei erst kurz vor Ende der Arbeiten entdeckt worden. Dass sie noch nicht beseitigt ist, ist Folge eines bis heute nicht vollends geklärten Streits darüber, wer nun dafür zuständig ist.

Ist das Land oder der Bund zuständig?

Der Stadt ist die Problematik sein Längerem bekannt, mehrfach wies sie daraufhin, wie dringlich dieses Anliegen ist. Aber viel mehr kann sie nicht ausrichten. Bei der Beseitigung von Kampfmitteln handle es sich laut der Deges um eine staatliche Aufgabe als Gegenstand des Polizei- und Ordnungsrechts. Bezüglich der eigentlichen Zuständigkeit bestünden aber zwischen dem Kampfmittelbeseitigungsdienst der sächsischen Polizei und der Bundeswehr unterschiedliche Rechtsauffassungen.

Die Polizei sehe die Zuständigkeit bei der Bundeswehr, die Bundeswehr hingegen beim Freistaat Sachsen. Trotz zahlreicher Aktivitäten, die Zuständigkeit für die Räumung zu klären, ruhe die Baustelle weiterhin. Die Deges hat die Munitionsreste zwischenzeitlich mit Erde abdecken lassen. Damit befinde sich dieser Bereich wieder in dem Zustand wie vor dem Munitionsfund. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst habe laut der Deges nicht signalisiert, dass diese Stelle darüber hinaus zu sichern ist.

In einer Antwort an Gilbert teilt das Polizeiverwaltungsamt, zuständig für den Kampfmittelbeseitigungsdienst, mit, es sei im vorliegenden Fall nicht zuständig. Gegenüber Sächsische.de gab die Behörde jetzt an, man arbeite zurzeit an einer Lösung. Die Zuständigkeit werde jetzt abschließend geklärt, man sei auch selbst daran interessiert, dass das Projekt abgeschlossen wird.

Für Gilbert ist dieser Zustand, der aus seiner Sicht gefährlich ist für Anwohner und Spaziergänger und sich zudem negativ auf das geschützte Gebiet auswirkt, nicht mehr tolerierbar. Er fordert den Kampfmittelbeseitigungsdienst auf, die Munition schnellstens zu beseitigen, damit die Arbeiten an der Wehranlage abgeschlossen werden können. „Mehr als 20 Jahre nach Fertigstellung der A17“, sagt er, „sollten die Ausgleichsmaßnahmen dazu nun realisiert werden.“