merken
PLUS Pirna

Wie wohnt es sich überm Edeka?

Das 2020 eröffnete Scheunenhofcenter in Pirna vereint auf besondere Weise Handel und Wohnungen. Erika Fleischer war eine der Ersten, die einzog.

Erika Fleischer in ihrer neuen Wohnung im Pirnaer Scheunenhofcenter: Mir wird hier nahezu jeder Wunsch erfüllt.
Erika Fleischer in ihrer neuen Wohnung im Pirnaer Scheunenhofcenter: Mir wird hier nahezu jeder Wunsch erfüllt. © Norbert Millauer

Erika Fleischer liebt die Ostsee über alles, sie ist in Stralsund geboren und aufgewachsen, das Meer immer in Sichtweite. Jeden Sonntag fuhr sie mit ihren vier Brüdern auf die Insel Hiddensee, baden und toben, es war eine unbeschwerte Zeit. Niemals, so dachte sie damals, werde sie diesen Ort jemals verlassen.

Doch das Leben schreibt oft andere Geschichten jenseits der eigenen Pläne, so ist Erika inzwischen 14-mal umgezogen, weit weg von ihrer Heimat.

Anzeige
Fit und ohne Erkältung durch den Winter
Fit und ohne Erkältung durch den Winter

Nicht nur ein gesunder Lebensstil, auch ein Griff in die Phytothek kann dabei helfen, den Körper zu stärken. Professionelle Beratung gibt es in den StadtApotheken.

Der Liebe zu ihrem Mann wegen wurde sie in Bautzen heimisch, 40 Jahre lebte sie dort, das Paar bekam sechs Kinder. "Nach Sachsen wollte ich eigentlich nie", sagt sie, "und doch bin ich für immer da geblieben."

Mit 83 Jahren ist sie nun noch einmal umgezogen, nach Pirna, hier ist sie sozusagen Bewohnerin der ersten Stunde in einem ganz besonderen Projekt.

65 Wohnungen statt großer Läden

Edeka hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Pirnaer Innenstadt das Scheunenhofcenter errichten lassen, aber nicht nur als einfachen Supermarkt, das Einkaufszentrum kombiniert Einkaufen und Wohnen auf besondere Weise. Ein wenig war das auch aus der Not heraus geboren.

Weil große Geschäfte als Mieter fürs Obergeschoss ausblieben, ließ Edeka den Komplex noch vor dem Baustart gehörig umplanen. In den oberen Etagen gibt es nun Räume für Büros und Praxen - und eben 65 Wohnungen.

Die Johanniter übernahmen die Quartiere als Generalmieter. Kaum wurde das Projekt publik, gab es einen regelrechten Ansturm auf die Unterkünfte, binnen kurzer Zeit füllte sich die Liste mit über 400 Interessenten, was wohl auch an dem speziellen Konzept lag.

Auf die Bedürfnisse älter Menschen abgestimmt

Die Johanniter bieten in dem Haus sogenanntes Servicewohnen an. Damit grenzt sich der Betreiber klar von klassischen Pflegeheimen ab. Im Scheunenhofcenter sollen die Mieter selbstbestimmt in Wohnungen leben, wenngleich alles vor allem auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt ist.

So sind alle Quartiere barrierefrei, es gibt weder Schwellen noch andere Hindernisse. In den Bädern sind bereits einfache Haltegriffe vorinstalliert, größere Griffe und Duschsitze lassen sich bei Bedarf nachrüsten.

Zu den Wohnungen gehört auch ein Grundservice. So ist in jeder Unterkunft ein 24-Stunden-Hausnotruf installiert, über den die Bewohner bei Havarien, gesundheitlichen Problemen oder anderen Dingen Hilfe rufen können.

In jeder Wohnung ist eine Einbauküche drin, außerdem achteten die Johanniter darauf, dass jede Unterkunft mindestens zwei Zimmer hat. Auf Einraumwohnungen verzichteten sie, denn es gilt die Maxime: warm wohnen, kalt schlafen.

Das 2020 eröffnete Scheunenhofcenter in Pirna: Handel und Wohnungen unter einem Dach.
Das 2020 eröffnete Scheunenhofcenter in Pirna: Handel und Wohnungen unter einem Dach. © Daniel Förster
Noch ganz am Anfang: Edeka-Regionalleiter Toni Kunze (l.) und Johanniter-Regionalvorstand Carsten Herde stehen im Mai 2018 auf der Scheunenhof-Baustelle.
Noch ganz am Anfang: Edeka-Regionalleiter Toni Kunze (l.) und Johanniter-Regionalvorstand Carsten Herde stehen im Mai 2018 auf der Scheunenhof-Baustelle. © Daniel Schäfer
Johanniter-Mitarbeiter Denis Papperitz (l.) und Maria Vater auf einem Balkon der neuen Wohnungen: Im August 2020 übernahm der Verein die Quartiere.
Johanniter-Mitarbeiter Denis Papperitz (l.) und Maria Vater auf einem Balkon der neuen Wohnungen: Im August 2020 übernahm der Verein die Quartiere. © Karl-Ludwig Oberthuer
Johanniter-Musterwohnung im Scheunenhof: Schon mal eingerichtet, damit sich künftige Mieter ein Bild machen können.
Johanniter-Musterwohnung im Scheunenhof: Schon mal eingerichtet, damit sich künftige Mieter ein Bild machen können. © Johanniter/Danilo Schulz

Ein wenig Heimat in der neuen Wohnung

Das neue Heim von Erika Fleischer ist nun eine kleine Zweizimmerwohnung, sie hat dort ein wenig ihre Jugend einziehen lassen, die Fußmatte vor der Tür ziert ein Anker, über einer Tür hängt ein kleines Schiffssteuerrad, es gibt viele Bilder von der Ostsee.

Ihre Tochter, die in Pirna lebt und arbeitet, hat die Wohnung ausgesucht, so hat sie ihre Mutter immer in der Nähe.

Bereits Ende Mai hatte sich Erika Fleischer zum ersten Mal die Unterkünfte angeschaut, damals war alles noch im Bau und schwer vorstellbar, wie es einmal aussehen wird. Doch sie entschloss sich recht schnell, dass sie hier einziehen mag. "Ich bin froh, dass ich mich so zeitig entschieden habe", sagt sie. Denn die Quartiere sind äußerst begehrt.

Alle Quartiere sind vermietet

Nach Aussage von Johanniter-Sprecher Danilo Schulz sind inzwischen alle Unterkünfte vermietet, die letzten Mieter ziehen am 1. Januar und 1. Februar ein. Überdies gibt es auch eine Warteliste, in die sich einige Interessenten schon mal vorsorglich aufnehmen ließen, auch wenn derzeit noch kein Wunsch nach einer Wohnung im Scheunenhof besteht.

Sollte eine Wohnung freiwerden, dann telefonieren die Johanniter zunächst die Warteliste ab, ehe sie andere Schritte unternehmen. "Derzeit sind aber alle Bewohner fit und froh, und wir freuen uns, dass trotz der besonderen Situation in diesem Jahr langsam eine Hausgemeinschaft entsteht", sagt Schulz.

Servicemitarbeiter betreuen die Bewohner

Für den Gemeinsinn sorgen in erster Linie die Servicemitarbeiter Ramona Richter und Fabian Fuchs-Konietzko, sie sitzen im großen Empfangsbereich in der ersten Etage, die zentrale Anlaufstelle für die Mieter.

Sie fungieren während der üblichen Geschäftszeiten als Ansprechpartner für die Bewohner, vermitteln auf Wunsch aber auch zusätzliche Angebote wie beispielsweise Wäsche-, Fahr- und Begleitservice.

Gleich nebenan sitzt die Johanniter-Sozialstation, der Pflegedienst ist im Oktober von der Bahnhofstraße vollständig ins Scheunenhofcenter gezogen.

Die Sozialstation betreut auch Erika Fleischer, die sich in ihrem neuen Domizil sehr wohl fühlt. "Es ist sehr schön hier, ich werde gut betreut und es wird nahezu jeder Wunsch erfüllt", sagt die 83-Jährige, auch, wenn es an der einen oder anderen Stelle noch etwas hapert.

So vermisst sie beispielsweise den Sichtschutz für die Terrassen, der aber in Kürze installiert werden soll. Laut Danilo Schulz fehle pandemiebedingt an einigen Stellen noch der letzte Feinschliff, aber gemeinsam mit dem Bauherrn seien die Johanniter auf gutem Wege, die restlichen kleinen Baustellen bald abzuschließen.

Der Clou: eine virtuelle Bowlingbahn

Am meisten freut sich Erika Fleischer darauf, dass endlich im Haus so eine richtige Gemeinschaft entsteht, was Corona bislang verhinderte. "Hoffentlich ist die Pandemie bald vorbei", sagt sie.

Denn dann kann das Gemeinschaftsleben so richtig aufblühen, auch an einer ganz besonderen Stelle. Im zweiten Stock - direkt über den Wohnungen - gibt es einen großen Gemeinschaftsraum für die Bewohner, den sie in Normalzeiten täglich nutzen können. Überdies bieten die Servicemitarbeiter dort unter anderem Dia-Vorträge, Lese-Treffen, Gymnastik und Bastelnachmittage an - was allerdings bislang coronabedingt nicht möglich war. "Wir hoffen aber dennoch", sagt Schulz, "dass wir diesen Raum nun Stück für Stück mit Leben füllen können."

In Kürze wird ein großer Fernseher installiert, als Clou kommt noch eine Spielkonsole dazu, mit der die Bewohner virtuell Bowling spielen können, da es im Haus keine richtige analoge Bowlingbahn gibt.

Erika Fleischer kann es kaum abwarten, die neue Technik auszuprobieren, Sport hat es ihr ohnehin angetan. Ganz aus dem Häuschen ist sie immer, wenn im Fernsehen Snooker läuft, eine spezielle Billard-Variante. "Wenn ich das schaue", sagt sie, "da gehe ich immer richtig ab."

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna