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Corona: Wann geht der Arbeitsagentur das Geld aus?

Tausende Beschäftigte im Landkreis sind in Kurzarbeit. Die Chefs von Arbeitsagentur und Jobcenter im SZ-Gespräch über die Folgen.

Die Chefin der Arbeitsagentur Pirna, Gerlinde Hildebrand, und Chef des Jobcenters, Michael Kühne, standen Sächsische.de Rede und Antwort.
Die Chefin der Arbeitsagentur Pirna, Gerlinde Hildebrand, und Chef des Jobcenters, Michael Kühne, standen Sächsische.de Rede und Antwort. © Daniel Schäfer

Kurzarbeit, steigende Arbeitslosigkeit, erwartete Insolvenzwelle: Über die Dramatik der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen sprach Sächsische.de mit den Chefs der Arbeitsagentur Pirna, Gerlinde Hildebrand, und des Jobcenters, Michael Kühne.

Frau Hildebrand, wann geht der Arbeitsagentur angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen das Geld aus?

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Das ist nicht zu befürchten. Genau für solche Schwankungen, wie wir sie jetzt erleben, hat die Arbeitsagentur ja ihre Rücklagen gebildet. Das Arbeitslosengeld ist auch eine gesetzliche Pflichtaufgabe. Diese Leistungen sind zu zahlen, da gibt es keinen Spielraum.

Und wie sieht es mit der Finanzierung sonstiger Leistungen aus wie etwa Qualifizierungen?

H.: Auch dort sind dieses Jahr kaum Veränderungen vorgesehen. Was wir tun wollen und müssen, ist für 2021 gesichert.

K.: Das kann ich für das Jobcenter bestätigen.

Wie dramatisch ist denn die Lage am Arbeitsmarkt?

H.: Zum ersten mal seit mehr als zehn Jahren mussten wir 2020 wieder einen Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnen. Der Anstieg um rund 500 Beschäftigte ist nicht unerheblich. Für jeden Einzelnen ist das natürlich ein Einschnitt. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, liegen wir aber immer noch relativ gut. Einzig im Rekordjahr 2019 hatten wir eine geringere Arbeitslosenzahl.

K.: Bei den Beziehern von Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, ist die Zahl im Jahresverlauf sogar gesunken. Das war für uns unerwartet. Nach dem ersten Lockdown gingen die Zahlen zwar etwas hoch. Zum Ende des Jahres verzeichneten wir aber nur noch 6.488 Bedarfsgemeinschaften. Das waren etwa 400 weniger als zum Jahresanfang 2020. Etwa bei Soloselbstständigen, die Einkommen verloren haben, hätte es zu einem Anstieg kommen können. Das blieb im Großen und Ganzen aus und ist natürlich erfreulich.

Worauf führen Sie das zurück?

K.: Da kann man nur spekulieren. Möglich wäre, dass Betroffene einen anderen Job gefunden haben. Es kann aber auch sein, dass die Soforthilfen und andere Instrumente den erhofften Effekt gebracht haben. Dass insgesamt die Zahl der Bedarfsgemeinschaften zurückgegangen ist, hat aber auch damit zu tun, dass es eine leichte Verbesserung beim Lohnniveau gegeben hat. Deshalb fällt die Zahl der Erwerbstätigen, die trotzdem noch auf Leistungen angewiesen sind. Eine Rolle spielt aber auch die demografische Entwicklung, dass also Langzeitarbeitslose in Rente gehen.

H.: Für Unternehmen war letztes Jahr sehr hilfreich, dass viele die Kurzarbeit genutzt haben, wofür wir auch sehr geworben hatten. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit schlägt auch erstmal beim Arbeitslosengeld I auf. Ob sich das später in Langzeitarbeitslosigkeit niederschlägt, ist noch nicht absehbar. Arbeitsagentur und Jobcenter werden aber alles dafür tun, dass das möglichst nicht passiert. Die Folgen der pandemischen Situation sind jetzt aber noch nicht vollends absehbar.

© SZ Grafik

Gibt es überhaupt noch Branchen, bei denen Arbeitskräfte-Nachfrage besteht?

H.: Und ob! Neben den Verlierern gibt es auch Gewinner, wenn man so will. Das sind wenig überraschend das Gesundheits- und Sozialwesen. Hier haben wir schon länger Potenzial aktiviert. Allerdings ist die Zahl der Bewerbungen für Qualifizierungen auf relativ niedrigem Niveau. Die Menschen drängen nicht gerade in diese Berufe. Aufgebaut wurde aber auch in der Öffentlichen Verwaltung und bei Dienstleistern wie dem Wachgewerbe oder in Callcentern.

Wo sieht es nicht so gut aus?

H.: Im Gastgewerbe wird derzeit quasi überhaupt nicht eingestellt. Aber auch im Verarbeitenden Gewerbe gab es Abmeldungen in die Arbeitslosigkeit. Die Absatzdelle in der Automobilbranche hat sich auch auf hiesige Zulieferbetriebe ausgewirkt.

Den Handel haben Sie jetzt nicht genannt, obwohl in den Innenstädten doch fast alles geschlossen ist ...

H.: Da hat es eine Verschiebung gegeben. In Summe hat sich hier die Arbeitslosigkeit zum Anfang des Jahres tatsächlich kaum verändert. Es hat im Einzelhandel einerseits einen Abbau von Stellen gegeben. Auf der anderen Seite haben aber zum Beispiel auch Discounter zusätzliche Stellen geschaffen. Große Akteure im Online-Handel spielen in unserer Region nicht so eine Rolle. In der Logistik macht sich der Online-Handel natürlich bemerkbar.

Die Arbeitslosenstatistik sieht natürlich nur wegen der Zahlung von Kurzarbeitergeld so gut aus. Wie lange ist das durchzuhalten?

H.: Bei der Kurzarbeit haben wir einen historischen Höchststand. Von fast jedem dritten Betrieb im Landkreis wurde 2020 Kurzarbeit angemeldet. Für 80 Prozent der Betriebe war es das erste Mal. Da gab es entsprechend hohen Informationsbedarf. Im vergangenen Jahr haben wir etwa 45 Millionen Euro für Kurzarbeit ausgezahlt. Das wird zu einer Herausforderung, die wir aber bewältigen werden.

Wie lange würde es denn gehen?

H.: Das ist nicht zu beantworten. Zudem werden ja auch gesetzliche Bestimmungen immer wieder angepasst.

Wie viele Lehrlinge standen ohne Abschluss da, weil ihre Ausbildungsbetriebe geschlossen wurden?

H.: Da ist mir kein Fall bekannt. Lehrlinge fallen in der Regel auch nicht in die Kurzarbeit. Wir hatten im Agenturbezirk eine Handvoll Auszubildende, die wir in eine außerbetriebliche Ausbildung überführen mussten, weil der Betrieb stillgelegt wurde. In den Abschlussjahrgängen konnten alle ihre Ausbildung zu Ende führen.​

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