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Der Mann, der den Mega-Tunnel plant

Kay Müller wollte als Kind Lokführer werden, hat auf dem Boden eine kleine Eisenbahn stehen und ist bei der Bahn jetzt für ein ganz großes Vorhaben zuständig.

Vom Schreibtisch raus: Kay Müller beim Termin in Großsedlitz, wo für den Tunnel gebohrt wurde.
Vom Schreibtisch raus: Kay Müller beim Termin in Großsedlitz, wo für den Tunnel gebohrt wurde. © Daniel Schäfer

Wer in Dimensionen von Millionen, Kilometern und Jahren denkt, kann schon mal ein kleines Detail übersehen. Dass Kay Müller die Baustelle, die für die Zug-Verzögerungen zwischen Dresden und Leipzig sorgt, selbst geplant hat, spielt dabei keine Rolle. Schließlich ist das zwei Jahre her. Wenn Müller irgendwann mit dem Zug durch den Tunnel nach Prag fährt, wird er die Baustelle wohl nicht so schnell vergessen haben. Die Bahnstrecke Dresden - Prag ist immerhin das deutsch-tschechische Mega-Vorhaben der Bahn für die nächsten Jahre. Bei Kay Müller laufen die planerischen Fäden dafür zusammen.

Eisenbahn auf dem Boden

Bis Mitte 2008 plante der studierte Bauingenieur aus dem Vogtland Straßen und Brücken. Dann kam der heute 45-Jährige zur Deutschen Bahn in die Planungsabteilung und befasste sich mit Projektmanagement. Bis 2014 in München und Nürnberg. Seither in Leipzig. Seit 2016 betreut er Projekte in "frühen Leistungsphasen", also gewissermaßen ab Punkt Null. Dass er nun mit einem der größten Bahn-Vorhaben der Geschichte betraut wurde, überraschte Müller selbst, der von sich sagt, eigentlich kein Tunnelbau-Experte zu sein. Aber er muss den Tunnel ja auch nicht allein planen. Als der Tunnel Ende 2017 in den Bundesverkehrsplan aufgenommen wurde, war Müller das erste Mal überrascht. Das zweite Mal, als im Januar 2018 die Bahn den Planungsauftrag erhielt und er die Verantwortung dafür.

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Die Strecke und der Tunnel

  • Zwischen den beiden Metropolen Dresden und Prag ist eine etwa 43 Kilometer lange Strecke zwischen Heidenau und Ústí nad Labem vorgesehen. 
  • Kernstück ist ein mindestens 25 Kilometer langer, grenzüberschreitender Tunnel.
  • Zur Strecke gehört ein Überholbahnhof. Eine Option dafür ist nach der raumordnerischen Bewertung der Landesdirektion die Stadt Heidenau. 
  • Die Personenzüge sollen bis zu 200 km/h fahren, der Güterverkehr 120 km/h.
  • Die Reisezeit zwischen Dresden und Prag wird etwa eine Stunde betragen.
  • Die konkrete Streckenführung soll Mitte 2022 feststehen. 
  • Derzeit erfolgen bis zu 400 Meter tiefe Bohrungen, um Klarheit über die geologischen Voraussetzungen zu bekommen.
  • Im Frühjahr 2021 beginnt unter anderem das Zählen der geschützten Arten im Bereich der möglichen Trassen. 
  • Weitere Informationen der Bahn gibt es www.neubaustrecke-dresden-prag.de.  
  • Die Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag" hat eine Variante erarbeitet, die derzeit weiter  mit untersucht wird. 

Seine bisher größten Projekte waren der Endausbau Nord der Neubaustrecke Nürnberg - Ingolstadt - München sowie die Ausbaustrecke zwischen Leipzig und Dresden. Die Besonderheit bestand unter anderem im Bauen während des Fahrbetriebes. Müller ist gewohnt, die Ergebnisse seiner Arbeit erst viel später zu sehen, dann, wenn er sie schon fast vergessen hat. Vier Jahre Vorlauf sind für solche Vorhaben ganz normal. Für größere sind es sechs bis zehn Jahre von der Idee bis zum - wohlgemerkt - Anfang des Baus.

© SZ Grafik

Müller plant und plant und weiß doch am Ende nicht, ob der Tunnel tatsächlich gebaut wird. Es ist zwar davon auszugehen, schließlich kostet jeder Tag schon jetzt Geld. Doch es gibt auch K.o.-Kriterien. Wenn all die Spur-, Lage- und Kapazitätspläne, Bohrungen und  Kartierungen, Vermessungen und Tierzählungen, Umwelt- und Wirtschaftsfragen zu dem Ergebnis kommen, dass das, was der Bund will, nicht aufgeht. Das große Ziel ist: Das Elbtal zu entlasten und dass auf der neuen Strecke mehr Züge fahren. Derzeit fahren im Elbtal täglich über 140 Züge, wovon die bis Bad Schandau auch künftig hier verkehren. 

Müller wollte als Kind wie wohl irgendwann jeder Junge Lokführer werden. Auf einer Dampflok. Natürlich. Das ist faszinierend. Auch weil es immer weniger davon gibt. Ab und zu fährt Müller mit seiner Familie auf Feste, wo so eine Dampflok qualmt. Mit seinem Sohn war er auch im Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg. Und auf dem Boden steht zu Hause auch eine Eisenbahnanlage. Das ist die kleine heile Welt von kleinen und großen Jungs. Die große raue Welt ist die draußen. 

Wunsch-Patin in fünf Jahren

Die Dohmaer Bürgerinitiative macht es Müller dabei nicht leicht. Doch das ist deren Aufgabe und das ist er gewohnt. Müller scheint nicht der nüchterne Planer zu sein, kann auch mal etwas locker erklären, macht aber immer wieder klar, wessen Diener er ist. Wenn er seinen Job jetzt nicht richtig macht, gefährdet es das Vorhaben. Es können kleine Formfehler sein, die es, wenn nicht zum Scheitern bringen, so doch verzögern und damit weiter Geld kosten. Dass im Vorfeld so viel öffentlich diskutiert und abgewogen wird, ist kein Zufall. "Wenn eine Variante nicht aufgeht, ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange", sagt Müller. Er will eines Tages durch den Tunnel nach Prag fahren. Wann, die Frage lässt er immer wieder offen. Sie hängt nicht nur von ihm an. 

Erklären, begründen und diskutieren ist genau so wichtig wie das Planen: Kay Müller hier bei einer Veranstaltung in der Heidenauer Drogenmühle.
Erklären, begründen und diskutieren ist genau so wichtig wie das Planen: Kay Müller hier bei einer Veranstaltung in der Heidenauer Drogenmühle. © Symbolbild: Norbert Millauer

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Zu einem Tunnel gehört auch eine Patin. Die beschützt die Tunnelbauer während ihrer Arbeit. Sie ist in dieser Zeit des Baus irdische Vertreterin der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Sobald der Tunnel fertig ist, ist die Patin entthront. Meist sind die Patinnen Gattinnen von Politikern. Stichwort Ingrid-Tunnel. Beim Tunnel der Pirnaer Südumfahrung ist es die Gattin von Sachsens Wirtschaftsminister Dulig. Während der Bauzeit werden die Tunnel nach dem Vornamen ihrer Patin bezeichnet. Danach sind es meist regionale Bezeichnungen. Wen sich Müller als Patin wünscht, könne man ihn in fünf Jahren noch mal fragen. 

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